5.1 – Ein Schneeleopard im Buchenwald ?

Im Zeichen des Schneeleoparden – für die letzten wertvollen Buchenwälder Oberkärntens

Auf den ersten Blick scheint dieses Bild nicht zusammenzupassen. Der eine gehört in die Hochgebirge Zentralasiens, das andere sind Wälder unserer Alpenregion. Der Schneeleopard bewegt sich lautlos durch Fels und Schnee, die Buche wurzelt tief in den Böden eines lebendigen Waldes.

Und doch verbindet beide etwas Wesentliches:

Sie stehen für eine Natur, die ihren eigenen Wert besitzt.

Für eine Natur, die nicht erst dann schützenswert wird, wenn sie uns einen wirtschaftlichen Nutzen bringt. Für Lebensräume, die nicht bloß Flächen sind, die wir nach unseren Vorstellungen gestalten, nutzen oder verändern können. Und für die Erkenntnis, dass das Lebendige eine Würde besitzt, die unserem menschlichen Zugriff Grenzen setzt.

Genau dafür steht IRBIS.

Im Zeichen des Schneeleoparden

Der Schneeleopard ist das Sinnbild unseres Netzwerks.

Nicht, weil er in den Buchenwäldern Oberkärntens lebt. Sondern weil er uns daran erinnert, was Schutz von Natur im Kern bedeutet.

Der Schneeleopard braucht seine Berge. Er braucht Ruhe, Raum, Rückzugsgebiete, Beutetiere und zusammenhängende Lebensräume. Nimmt man ihm diese Grundlagen, kann auch die schönste einzelne Schutzmaßnahme sein Überleben nicht sichern.

Dasselbe gilt für unsere Wälder.

Ein Buchenwald ist nicht einfach eine Ansammlung von Bäumen. Er ist ein über Jahrhunderte gewachsenes Gefüge aus Bäumen, Sträuchern, Pilzen, Moosen, Insekten, Vögeln, Säugetieren, Mikroorganismen, Wasser, Boden und Klima. Jedes Element steht mit unzähligen anderen in Beziehung.

Entfernt man daraus einzelne Teile, verändert man das Ganze. Zerschneidet man den Lebensraum, verliert er seine ökologische Funktion. Beseitigt man alte, gewachsene Waldbestände, lässt sich das Verlorene nicht kurzfristig wiederherstellen.

Ein gepflanzter Wald ist nicht dasselbe wie ein gewachsener Wald.

Die letzten wertvollen Buchenwälder

Oberkärnten besitzt Buchen- und Buchenmischwälder von besonderem ökologischen Wert. Gerade im Oberen Drautal finden sich Waldgesellschaften, die Ausdruck einer besonderen geologischen, klimatischen und biogeografischen Entwicklung sind.

Diese Wälder sind Teil einer größeren europäischen Geschichte der Buchenwälder. Die illyrischen Buchenwälder, zu denen auch österreichische Vorkommen gezählt werden, gehören zu einem Naturraum von herausragender Bedeutung.

Sie verdienen daher nicht den Blick auf den einzelnen Baum und auch nicht allein die Frage, wie viel Holz aus einem Bestand gewonnen werden kann. Sie verdienen den Blick auf den Wald als eigenständiges Ökosystem. Auf die Lebensgemeinschaften, die in ihm entstehen und verschwinden, wachsen und sich verändern. Und auf seine Fähigkeit, sich über lange Zeiträume selbst zu erhalten.

Gerade weil solche naturnahen und alten Buchenwaldbestände nicht beliebig vorhanden sind, müssen wir mit ihnen besonders verantwortungsvoll umgehen.

Was selten ist, verdient besonderen Schutz.
Was über Jahrhunderte gewachsen ist, darf nicht in wenigen Stunden verloren gehen.

Ein Wald ist kein Freiraum für Beliebigkeit

Unsere Landschaft steht unter zunehmendem Nutzungsdruck.

Energieinfrastruktur, Straßen, Siedlungen, touristische Projekte, intensive Forstwirtschaft und andere großräumige Eingriffe beanspruchen Flächen und verändern Lebensräume.

Auch der Ausbau von Höchstspannungsleitungen und Windkraft führt dort zu erheblicher Zerstörung, wo dafür wertvolle Waldlebensräume durchschnitten, gerodet oder dauerhaft verändert werden.

Dabei geht es nicht darum, notwendige gesellschaftliche Entwicklungen grundsätzlich abzulehnen. Es geht um die Frage, wo ihre Grenzen liegen müssen. Nicht jede technisch mögliche Trasse ist ökologisch verantwortbar. Nicht jeder Standort ist gleichwertig. Nicht jeder Wald ist eine beliebig austauschbare Fläche. Und nicht jeder Eingriff kann mit der späteren Pflanzung junger Bäume ausgeglichen werden.

Wo ein ökologisch wertvoller Buchenwald dauerhaft zerstört oder in seiner Funktion schwer beeinträchtigt wird, verlieren wir etwas, das sich nicht einfach ersetzen lässt. Deshalb wollen wir nicht erst dann handeln, wenn die Bäume bereits gefällt sind.

Schutz muss beginnen, bevor Zerstörung stattfindet.

Schutz des Waldes – um des Waldes willen

Unser Anliegen lässt sich auf einen einfachen Gedanken zurückführen:

Wir wollen den Wald nicht nur schützen, weil er uns etwas gibt. Wir wollen ihn schützen, weil er existiert.

Die Natur besitzt einen Wert, der ihrer wirtschaftlichen Verwertbarkeit vorausgeht. Das ist der Kern unserer Haltung. Wir sprechen deshalb von der

Würde des Lebendigen.

Die Würde eines Waldes

Was hat das mit dem Schneeleoparden zu tun?

Vielleicht mehr, als es zunächst scheint.

Der Schneeleopard ist schön. Doch seine Schönheit allein wäre kein ausreichender Grund für seinen Schutz. Wir schützen ihn, weil er Teil eines einzigartigen Ökosystems ist. Weil er eine eigenständige Lebensform ist. Weil sein Lebensraum ebenso wie er selbst einen Wert besitzt. Wir würden nicht auf die Idee kommen, den Lebensraum des Schneeleoparden vollständig zu zerstören und anschließend zu sagen: Wir haben ja an anderer Stelle neue Landschaft geschaffen.

Warum sollte das bei unseren Wäldern grundsätzlich anders sein? Ein alter Buchenwald lässt sich nicht einfach an anderer Stelle neu pflanzen. Man kann Bäume setzen. Aber man kann keinen jahrhundertealten Wald pflanzen. Keine gewachsene Pilzgemeinschaft. Keine alte Baumhöhle. Keine über Jahrzehnte entstandene Totholzstruktur. Keine vollständige Lebensgemeinschaft. Keine Geschichte.

Ökosysteme lassen sich nicht wie technische Anlagen versetzen.

Der Schneeleopard erinnert uns daran, dass Schutz immer auch bedeutet, Lebensräume zu bewahren.

Das Obere Drautal braucht seine Wälder

Gerade deshalb liegt unser besonderes Augenmerk auf den wertvollen Buchen- und Buchenmischwäldern Oberkärntens, insbesondere im Oberen Drautal.

Diese Wälder sind keine austauschbaren Restflächen zwischen Infrastruktur und Siedlungen. Sie sind Teil des natürlichen Erbes dieser Region. Sie prägen Landschaften, verbinden Lebensräume und bieten einer Vielzahl von Arten eine Heimat. Ihre ökologische Bedeutung reicht weit über die Grenzen einzelner Waldparzellen hinaus.

Wenn solche Bestände durch großtechnische Infrastruktur durchschnitten, gerodet oder durch rücksichtslose Nutzung dauerhaft verändert werden, betrifft das nicht nur die unmittelbar gefällten Bäume. Es betrifft den Lebensraum als Ganzes.

Deshalb wollen wir hinschauen. Wir wollen Wissen sichtbar machen. Wir wollen wertvolle Waldbestände benennen und ihre Bedeutung vermitteln. Wir wollen Menschen miteinander verbinden, die bereit sind, Verantwortung zu übernehmen. Und wir wollen dort entschlossen für den Wald eintreten, wo seine Existenz oder seine ökologische Integrität gefährdet ist.

Nicht gegen etwas – sondern für etwas

IRBIS versteht sich dabei nicht als Netzwerk, das grundsätzlich gegen jede menschliche Nutzung oder jedes Infrastrukturprojekt steht.

Unser Ausgangspunkt ist ein anderer:

Wir sind für den Wald. Für seine Schönheit. Für seine Artenvielfalt. Für seine natürlichen Prozesse. Für seine alten Bäume. Für seine stillen und unsichtbaren Bewohner. Für seine Zukunft.

Und deshalb müssen wir dort Grenzen setzen, wo menschliche Interessen unersetzliche Lebensräume gefährden. Das kann eine Höchstspannungsleitung sein. Das kann ein Windkraftprojekt sein. Das kann eine großflächige Abholzung sein. Oder ein anderer Eingriff, bei dem der ökologische Wert eines Waldes gegenüber kurzfristigen oder vermeintlich alternativlosen Interessen zurücktritt.

Unser Maßstab ist nicht die Frage:

Was können wir mit diesem Wald machen?

Sondern:

Was braucht dieser Wald, um Wald bleiben zu können?

Ein Zeichen für die Zukunft

Der Schneeleopard auf unserem Logo blickt nicht auf eine verlorene Welt. Er steht für die Welt, die noch bewahrt werden kann. Für die Möglichkeit, dass Schönheit bestehen bleibt. Für die Möglichkeit, dass ein Lebensraum nicht zerstört werden muss, nur weil er wirtschaftlich oder technisch nutzbar erscheint. Für die Möglichkeit, dass wir als Gesellschaft lernen, Grenzen zu akzeptieren. Grenzen unseres Zugriffs. Grenzen unserer Flächenansprüche. Grenzen unseres Wachstums.

Und vielleicht vor allem:

Grenzen unserer Selbstverständlichkeit, alles Lebendige unseren Vorstellungen unterzuordnen.

Der Schneeleopard braucht seine Berge. Die Buche braucht ihren Wald.

Und der Wald braucht Menschen, die bereit sind, für ihn einzustehen.

IRBIS

Wir sind ein Netzwerk von Menschen, die diese Verantwortung übernehmen wollen.

Menschen, die die Schönheit der Natur erkennen. Menschen, die die Würde des Lebendigen achten. Menschen, die wissen, dass manche Lebensräume unersetzlich sind.

Menschen, die nicht erst dann handeln wollen, wenn das Geräusch der Motorsäge bereits verstummt ist und nur noch die Stümpfe der alten Bäume zurückbleiben.

IRBIS   –   im Zeichen des Schneeleoparden.

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