6.1 – Rothwald – ein Blick in Europas Ur-Buchenwald

Der Buchenurwald Dürrenstein-Lassingtal

Ein Blick in Europas ursprüngliche Waldwelt

Wer verstehen möchte, wie ein mitteleuropäischer Wald ohne forstliche Nutzung aussehen kann, findet im Wildnisgebiet Dürrenstein-Lassingtal eines der eindrucksvollsten Beispiele Europas.

Im Herzen dieses heute rund 7.000 Hektar großen Wildnisgebietes liegt der Urwald Rothwald. Er wurde seit der letzten Eiszeit nicht forstlich genutzt und konnte sich über Jahrtausende weitgehend nach seinen eigenen Gesetzmäßigkeiten entwickeln. Seit 2017 ist der Dürrenstein als Teil der UNESCO-Welterbestätte „Alte Buchenwälder und Buchenurwälder der Karpaten und anderer Regionen Europas“ anerkannt; 2023 wurde die Welterbestätte auf das steirische Lassingtal erweitert.

Hier begegnet man keinem „aufgeräumten“ Wald. Keine gleichaltrigen Baumreihen, keine regelmäßig freigeräumten Flächen, kein Wald, der nach wirtschaftlichen Vorstellungen geordnet wurde.

Stattdessen stehen dort alte und junge Bäume nebeneinander, mächtige lebende Buchen neben abgestorbenen Stämmen, Baumriesen neben natürlicher Verjüngung. Bäume sterben, fallen um und werden wieder Teil des Waldes. Lücken entstehen, Licht fällt auf den Boden, junge Buchen wachsen nach. Der Wald verändert sich ständig – und bleibt dabei Wald.

Ein Wald mit sehr alten Bäumen

Besonders eindrucksvoll sind die Dimensionen dieses Naturwaldes. Im Rothwald erreichen Buchen ein Alter von mehreren hundert Jahren; einzelne Weißtannen können sogar etwa 700 Jahre alt werden. Der Wald ist reich an Totholz und wird von Rotbuche, Weißtanne, Fichte sowie weiteren Laubbaumarten geprägt.

Gerade diese Mischung aus Lebendigkeit und Zerfall macht einen Urwald aus.

Ein abgestorbener Baum ist hier kein „Schadholz“, das aus dem Wald entfernt werden muss. Er wird zum Lebensraum: für Pilze, Käfer, Moose und Flechten, für Spechte und andere Höhlenbewohner und schließlich für unzählige Organismen, die das Holz zersetzen und seine Nährstoffe wieder dem Wald zuführen.

So entsteht ein Kreislauf, in dem Tod und neues Leben unmittelbar miteinander verbunden sind.

Ein Fenster in die ursprüngliche Waldlandschaft Mitteleuropas

Die Bedeutung des Dürrenstein-Lassingtals reicht weit über dieses einzelne Schutzgebiet hinaus.

Nach der letzten Eiszeit breitete sich die Rotbuche in Europa aus und wurde zu einer der bestimmenden Baumarten Mitteleuropas. Große Teile des heutigen Europas wären unter den entsprechenden klimatischen und standörtlichen Bedingungen natürlicherweise von Buchenwäldern und Buchenmischwäldern geprägt. Von diesen ursprünglichen Wäldern sind durch Siedlung, Landwirtschaft, intensive Forstwirtschaft und andere menschliche Eingriffe jedoch nur wenige größere Reste erhalten geblieben.

Der Rothwald ist deshalb mehr als ein besonders schöner Wald.

Er ist ein lebendes Stück europäischer Waldgeschichte.

Er zeigt uns, wie sich ein Wald entwickelt, wenn nicht der Mensch entscheidet, wann ein Baum gepflanzt, gepflegt, gefällt oder entfernt wird – sondern wenn der Wald selbst seinen Lebenszyklus vollziehen darf.

Nicht nur der Urwald ist wertvoll

Besonders bemerkenswert ist, dass der außergewöhnliche Wert dieser Landschaft nicht an den wenigen hundert Hektar echten Urwaldes endet.

Rund um den Rothwald und das Wildnisgebiet liegen ausgedehnte, naturnahe Waldlandschaften des niederösterreichischen Mostviertels und der nördlichen Kalkalpen. Räume rund um Lunz am See, Gaming und Göstling an der Ybbs gehören zu einer großräumigen Landschaft, in der Buchenwälder und Buchenmischwälder einen wesentlichen Bestandteil der natürlichen Waldvegetation bilden.

Gerade diese großräumige Einbettung ist ökologisch von besonderem Wert.

Denn ein Urwaldrest ist nicht isoliert zu betrachten. Für die langfristige Erhaltung einer Waldlandschaft sind auch die umliegenden naturnahen Wälder wichtig – als Lebensraum, als Verbindung zwischen Populationen, als Rückzugsraum und als Teil eines zusammenhängenden ökologischen Systems.

Der Dürrenstein ist daher nicht nur wegen seines Urwaldkerns von Bedeutung. Die gesamte Waldlandschaft der Region macht ihn zu einem herausragenden Naturraum.

Warum wir vom Dürrenstein lernen können

Der Buchenurwald des Dürrensteins ist für uns auch deshalb so wichtig, weil er eine Frage beantwortet, die anderswo kaum noch gestellt werden kann:

Was kann ein mitteleuropäischer Wald, wenn wir ihm Zeit geben?

Er zeigt uns die natürliche Dynamik eines Waldes:

Wachsen – altern – sterben – zerfallen – neu entstehen.

Er zeigt uns, dass ein Wald nicht dann gesund ist, wenn er ordentlich aussieht. Und dass ein abgestorbener Baum nicht das Ende von Leben bedeutet, sondern häufig dessen Beginn.

Vor allem aber zeigt er, welchen Wert alte, zusammenhängende und naturnahe Wälder besitzen.

Ein Vorbild – auch für Oberkärnten

Für uns von WALDSALIGE ist der Dürrenstein deshalb kein weit entferntes Naturwunder, das man bewundern kann und dann wieder vergisst.

Er ist vielmehr ein Maßstab und eine Erinnerung.

Auch im Oberen Drautal und in Oberkärnten gibt es alte Buchen und Buchenmischwälder, naturnahe Hangwälder und Waldreste, die von einer Zeit erzählen, in der die Rotbuche einen wesentlich größeren Anteil unserer Landschaft prägte.

Sie sind nicht der Rothwald.

Und sie müssen auch kein Urwald sein, um schützenswert zu sein.

Ein alter, naturnaher Buchenwald muss nicht 500 Jahre alt sein, um wertvoll zu sein. Jeder erhaltene Altbestand, jeder Höhlenbaum, jedes Stück Totholz, jede natürliche Waldverjüngung und jeder zusammenhängende naturnahe Wald ist ein Teil dieses größeren europäischen Naturerbes.

Der Dürrenstein zeigt uns, wohin sich ein Wald entwickeln kann, wenn wir ihn lassen.

Unsere letzten Buchenwälder zeigen uns, was davon bei uns noch vorhanden ist.

Und genau deshalb lohnt es sich, sie zu kennen, zu erforschen und zu schützen.

Was heute wie ein gewöhnlicher alter Buchenwald erscheint, kann morgen ein Zeugnis dessen sein, was von Europas ursprünglichen Wäldern geblieben ist.

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