6.2 – Alte Buchenwälder und Urbuchenwälder Europas

Alte Buchenwälder und Buchenurwälder Europas

Ein Wald von außergewöhnlichem Wert für die ganze Menschheit

Es gibt Wälder, die vor allem deshalb wertvoll sind, weil sie schön sind.
Es gibt Wälder, die wertvoll sind, weil sie seltene Arten beherbergen.

Und es gibt Wälder, deren Bedeutung weit darüber hinausgeht.

Die Alten Buchenwälder und Buchenurwälder der Karpaten und anderer Regionen Europas gehören zu diesen besonderen Wäldern. Sie wurden von der UNESCO als Weltnaturerbe anerkannt, weil sie einen außergewöhnlichen Einblick in die natürliche Entwicklung der europäischen Buchenwälder geben. Das Welterbe ist heute eine internationale, transnationale Naturerbestätte mit Buchenwäldern in 18 europäischen Staaten.

In Österreich ist das Wildnisgebiet Dürrenstein-Lassingtal ein Teil dieses weltumspannenden Naturerbes.

Eine Geschichte, die vor der menschlichen Geschichte begann

Die Geschichte dieser Wälder beginnt nicht mit menschlichen Siedlungen, nicht mit Forstwirtschaft und nicht mit Grenzen.

Sie beginnt nach der letzten Eiszeit.

Die Rotbuche (Fagus sylvatica) überlebte die Eiszeiten in verschiedenen Rückzugsräumen Südeuropas und begann sich nach dem Ende der letzten Kaltzeit wieder über Europa auszubreiten. Innerhalb weniger Jahrtausende eroberte sie große Teile des Kontinents und wurde zu einer der prägendsten Baumarten der gemäßigten europäischen Wälder.

Diese Ausbreitung ist aus Sicht der UNESCO von ganz besonderer Bedeutung.

Denn sie zeigt eine außergewöhnliche ökologische und evolutionäre Entwicklung:

Die Buche konnte sich an unterschiedliche klimatische, geologische und geografische Bedingungen anpassen und dabei ganz unterschiedliche Waldgesellschaften bilden. Ihre heutige Verbreitung ist damit ein lebendiges Zeugnis der Fähigkeit einer Baumart, sich über große Räume hinweg an veränderte Umweltbedingungen anzupassen.

Warum gerade Buchenwälder Weltnaturerbe sind

Die UNESCO stellt nicht einfach besonders alte oder besonders schöne Bäume unter Schutz.

Entscheidend ist etwas Grundsätzlicheres:

Die alten Buchenwälder Europas ermöglichen es, natürliche Waldprozesse über sehr lange Zeiträume zu beobachten und zu verstehen.

In weitgehend ungestörten Wäldern können natürliche Prozesse ablaufen:

Bäume wachsen.
Sie konkurrieren um Licht.
Sie werden alt.
Sie sterben.
Sie brechen zusammen.
Totholz entsteht.
Pilze und Mikroorganismen zersetzen es.
Nährstoffe gelangen zurück in den Boden.
Lichtungen entstehen.
Junge Bäume wachsen nach.

Der Wald erhält sich dadurch nicht trotz des Sterbens, sondern durch den ständigen Wechsel von Werden und Vergehen.

Genau diese komplexen ökologischen Prozesse und Strukturen machen die Buchenurwälder für die UNESCO so bedeutend.

Dürrenstein-Lassingtal – Österreichs Fenster in diese Waldgeschichte

In Österreich befindet sich ein besonders bedeutender Teil dieses Weltnaturerbes im Wildnisgebiet Dürrenstein-Lassingtal.

Der ursprüngliche UNESCO-Bestand im Dürrenstein wurde 2017 als Teil des europäischen Buchenwald-Welterbes aufgenommen. 2023 wurde die UNESCO-Komponente auf das Dürrenstein-Lassingtal erweitert. Dadurch wurde ein größerer zusammenhängender Naturraum in das Welterbe einbezogen.

Der Rothwald nimmt dabei eine herausragende Stellung ein.

Mit seiner jahrhundertelangen weitgehenden Unberührtheit gehört er zu den wertvollsten verbliebenen Buchenurwäldern des Alpenraums. Die Österreichische UNESCO-Kommission nennt für den österreichischen Welterbeanteil im Wildnisgebiet Dürrenstein eine Fläche von 1.867 Hektar und verweist auf Bäume im Alter von etwa 400 bis 500 Jahren.

Hier kann man noch erleben, wie ein Wald aussieht, wenn sein Lebenszyklus nicht nach wirtschaftlichen Gesichtspunkten beendet wird.

Ein Welterbe, das Grenzen überschreitet

Das Besondere an diesem UNESCO-Welterbe liegt auch darin, dass es kein einzelnerWald und kein einzelnes Land ist.

Es handelt sich um eine serielle Welterbestätte: Viele einzelne Waldgebiete in verschiedenen Ländern gehören gemeinsam zu einem großen europäischen Naturerbe.

Heute umfasst die Welterbestätte 93 Teilgebiete in 18 Staaten. Zusammen bilden sie ein außergewöhnliches Netzwerk jener alten und ursprünglichen Buchenwälder, die in Europa noch erhalten geblieben sind.

Von den Karpaten über die Alpen bis in andere Regionen Europas erzählen diese Wälder dieselbe große Geschichte:

die Geschichte der Rotbuche und ihrer Ausbreitung über einen ganzen Kontinent.

Was heute noch vom ursprünglichen Europa übrig ist

Die UNESCO macht gleichzeitig auf einen ernüchternden Umstand aufmerksam:

Die Buchenwälder, die einst weite Teile Europas prägten, sind heute nur noch in wenigen weitgehend ursprünglichen Resten erhalten.

Besiedlung, Landwirtschaft, Rodungen und die jahrhundertelange Nutzung der Wälder haben die ursprünglichen Waldlandschaften stark verändert. Viele natürliche Buchenwälder wurden in Wirtschaftswälder umgewandelt oder vollständig beseitigt.

Deshalb sind die wenigen erhaltenen alten Buchenwälder keine gewöhnlichen Waldflächen.

Sie sind Zeugnisse einer Landschaft, die es in dieser Form in Europa kaum noch gibt.

Warum das auch für Kärnten wichtig ist

Das Weltnaturerbe Dürrenstein-Lassingtal liegt nicht in Kärnten.

Und doch betrifft seine Geschichte auch uns.

Denn die natürliche Waldgeschichte endet nicht an Landesgrenzen. Die Rotbuche kennt keine politischen Grenzen zwischen Niederösterreich, der Steiermark und Kärnten.

Auch in Oberkärnten befinden sich Buchen- und Buchenmischwälder in einem Naturraum, in dem die Buche – abhängig von Klima, Höhenlage, Exposition und Boden – natürlicherweise eine bedeutende Rolle spielen kann.

Der Dürrenstein hilft uns dabei, diese Wälder mit anderen Augen zu betrachten.

Er zeigt uns, welche Entwicklungsfähigkeit ein naturnaher Buchenwald besitzt.

Und er macht deutlich, warum auch kleinere und weniger spektakuläre Buchenwaldreste von Bedeutung sein können.

Ein Wald muss nicht UNESCO-Welterbe sein, um wertvoll zu sein.

Welterbe bedeutet Verantwortung

Die Anerkennung durch die UNESCO ist deshalb nicht nur eine Auszeichnung.

Sie ist auch eine Verpflichtung.

Das Welterbekomitee hat bei der Erweiterung zum Dürrenstein-Lassingtal ausdrücklich empfohlen, den Schutz der erweiterten Welterbekomponente weiter zu stärken und insbesondere die verbleibende Holznutzung in der Pufferzone schrittweise zu beenden, um deren ökologische Verbindungsfunktion zu verbessern.

Das zeigt sehr deutlich:

Auch rund um einen geschützten Urwald sind die angrenzenden Lebensräume von Bedeutung.

Naturschutz endet nicht zwangsläufig an einer Schutzgebietsgrenze.

Ein europäisches Naturerbe – und eine Botschaft für uns

Das UNESCO-Welterbe der alten Buchenwälder erzählt letztlich eine sehr einfache Geschichte:

Die Rotbuche hat Europa nach der Eiszeit wiederbesiedelt.
Sie hat sich an unterschiedlichste Lebensbedingungen angepasst.
Sie hat Wälder geschaffen, die über Jahrtausende miteinander verbunden waren.
Und der Mensch hat diese Wälder im Laufe seiner Geschichte immer stärker zurückgedrängt.

Die wenigen verbliebenen alten und ursprünglichen Buchenwälder sind deshalb lebendige Archive dieser europäischen Naturgeschichte.

Das Dürrenstein-Lassingtal bewahrt eines dieser Archive.

Aber auch außerhalb der Welterbestätten gibt es noch alte Buchen und naturnahe Buchenmischwälder, die Teil derselben großen Geschichte sind.


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