Der Baummarder – im Reich der alten Bäume
Ein Schatten zwischen den Ästen. Ein gelber Fleck im dunklen Fell. Ein Tier, das den Wald von oben kennt.
Der Baummarder (Martes martes) gehört zu den heimlichsten Bewohnern unserer Wälder. Er ist flink, neugierig und ein außergewöhnlich geschickter Kletterer. Meist bewegt er sich in der Dämmerung oder nachts, und bleibt dem Menschen gegenüber ausgesprochen scheu. Wer ihn sieht, hat deshalb oft nur einen kurzen Moment: Eine schlanke, kastanienbraune Gestalt huscht über einen Baumstamm, verschwindet zwischen den Ästen – und der Wald ist wieder still.
Ein Marder für den Wald
Der Baummarder gehört zur Familie der Marder (Mustelidae). Er ist etwa 40 bis 55 Zentimeter lang, hinzu kommt ein 20 bis 28 Zentimeter langer, buschiger Schwanz. Sein Fell ist meist kastanien- bis dunkelbraun und im Winter besonders dicht und seidig. Unverwechselbar ist sein gelblich bis orangefarbener Kehlfleck.
Anders als sein naher Verwandter, der Steinmarder, ist der Baummarder eng an den Wald gebunden. Er meidet menschliche Siedlungen weitgehend und gilt als ausgeprägter Kulturflüchter. Seine eigentliche Besonderheit liegt jedoch in seiner Beweglichkeit. Der Baummarder kann hervorragend klettern und nutzt nicht nur den Waldboden, sondern auch den Raum darüber: Stämme, Äste und Baumkronen werden zu Wegen, Jagdrevieren und Rückzugsorten.
Für ihn ist der Wald dreidimensional.
Ein Allesfresser mit Vorliebe für Kleinsäuger
Baummarder sind opportunistische Jäger. Ihre Nahrung richtet sich stark danach, was der Wald gerade zu bieten hat. Mäuse und andere Kleinsäuger spielen eine wichtige Rolle. Dazu kommen Eichhörnchen, Vögel und deren Eier, Amphibien und Insekten. Im Sommer und Herbst bereichern Beeren und Früchte den Speiseplan – etwa Himbeeren, Brombeeren und Vogelbeeren. Der Baummarder ist damit ein Teil eines komplexen Nahrungsnetzes. Er ist Jäger und zugleich selbst Beute. Er steht in Beziehung zu den Kleinsäugern des Waldes, zu Vögeln, zu Pflanzen und zur Struktur des gesamten Lebensraumes. Seine Anwesenheit erzählt deshalb auch etwas über den Wald selbst.
Alte Bäume sind sein Zuhause
Besonders interessant wird der Baummarder dort, wo ein Wald alt werden darf. Zum Ruhen und zur Jungenaufzucht nutzt er unter anderem Baumhöhlen, Spechthöhlen, Spalten und andere geschützte Strukturen. Gerade alte Bäume besitzen solche sogenannten Mikrohabitate in großer Zahl. Mit zunehmendem Alter entwickeln Bäume Höhlen, Risse, Faulstellen, abgebrochene Äste und andere Strukturen, die von einer Vielzahl von Tieren genutzt werden – darunter auch der Baummarder.
Damit wird ein scheinbar „alter“ oder „sterbender“ Baum plötzlich zu etwas ganz anderem: zu einem Lebensraum. Was für uns vielleicht wie ein morscher Stamm aussieht, kann für ein Tier eine Kinderstube sein. Was wie ein abgestorbener Ast wirkt, kann Schutz bieten. Was nach dem Tod eines Baumes im Wald zurückbleibt, kann noch jahrzehntelang Teil des Ökosystems sein.
Der Wert des alten Waldes
Gerade Buchen können im hohen Alter eine außergewöhnliche Vielfalt an Strukturen entwickeln.
Mit zunehmendem Alter entstehen natürliche Höhlen, Risse und Spalten. Äste brechen aus, Stämme beginnen zu faulen, Pilze besiedeln das Holz. Spechte schaffen Höhlen, die später von anderen Arten übernommen werden. Wissenschaftliche Untersuchungen in europäischen Buchenwäldern zeigen, dass alte und strukturreiche Wälder eine besonders hohe Dichte und Vielfalt solcher Baummikrohabitate aufweisen. In naturnahen Buchen-Urwäldern stehen diese Strukturen in engem Zusammenhang mit alten, dicken Bäumen und Totholz. Der Baummarder ist nur eine von vielen Arten, die von dieser Strukturvielfalt profitieren. Der alte Baum ist deshalb nicht das Ende eines Lebensraumes. Er ist oft dessen Anfang.
Buchenmischwald – ein vielfältiger Lebensraum
Die Buche allein macht noch keinen guten Baummarderlebensraum.
Entscheidend ist die Vielfalt des Waldes.
Ein naturnaher Buchenmischwald besteht nicht nur aus gleichaltrigen, geraden Stämmen. Zwischen alten Buchen wachsen Tannen, Ahorn, Esche oder andere standorttypische Baumarten. Junge Bäume stehen neben alten. Dichtes Unterholz wechselt mit offenen Bereichen. Totholz liegt am Boden, abgestorbene Stämme stehen noch aufrecht. So entsteht ein Mosaik aus Lebensräumen.
Für den Baummarder bedeutet das mehr Nahrung, mehr Verstecke, mehr Höhlen und mehr Möglichkeiten, sich durch den Wald zu bewegen.
Und genau diese Vielfalt ist es, die einen Wald ökologisch reich macht.

Der Baummarder in Österreich
Der Baummarder ist in Österreich weit verbreitet und kommt in geeigneten Waldlebensräumen vor. Anders als Luchs oder Wildkatze ist er keine Art, deren österreichische Population derzeit als akut gefährdet gilt.
Nach der derzeit gültigen österreichischen Roten Liste wird der Baummarder mit LC – Least Concern / nicht gefährdet eingestuft. Auch die österreichische Auswertung der Säugetierarten in den Nationalparks führt ihn als LC.
Das bedeutet jedoch nicht, dass sein Lebensraum bedeutungslos wäre. Es bedeutet vielmehr, dass wir bei dieser Art noch die Möglichkeit haben, rechtzeitig zu bewahren, was funktioniert.
Die österreichische Rote Liste der Säugetiere stammt allerdings aus dem Jahr 2005 und befindet sich derzeit in Überarbeitung. Das Umweltbundesamt führt die Aktualisierung als laufendes Projekt mit Abschluss 2026. Schutzstatus: geschützt, aber nicht „selten“
Der Baummarder ist außerdem in Anhang V der europäischen Fauna-Flora-Habitat-Richtlinie aufgeführt. Das bedeutet, dass die Art von den Mitgliedstaaten in ihrem Verbreitungsgebiet in einem günstigen Erhaltungszustand gehalten werden soll und die Entnahme aus der Natur einer entsprechenden Regelung unterliegt.
Sein Schutzstatus zeigt damit eine wichtige Unterscheidung: Nicht jede geschützte Art ist selten. Und nicht jede häufige Art braucht keinen Lebensraumschutz. Auch für häufigere Waldarten ist es entscheidend, dass ihre Lebensräume dauerhaft ökologisch funktionsfähig bleiben.
Baummarder in Kärnten und Oberkärnten
Kärnten bietet mit seinen großen Waldgebieten, den Alpenwäldern und den vielfältigen Übergängen zwischen Wald, Talräumen und Gebirgslandschaften grundsätzlich günstige Lebensbedingungen für den Baummarder.
Im Gebiet der Hohen Tauern ist der Baummarder beispielsweise als Teil der heimischen Säugetierfauna dokumentiert. Auch die österreichischen Nationalparks insgesamt weisen ihn in ihren Artenspektren aus.
Für Oberkärnten ist dabei weniger die Frage interessant, wo genau einzelne Tiere vorkommen. Viel wichtiger ist die Frage:
Welche Art von Wald wollen wir langfristig erhalten?
Denn ein Baummarder braucht keinen einzelnen „Baummarder-Schutzwald“. Er braucht eine Landschaft, in der alte Bäume, strukturreiche Bestände und zusammenhängende Waldlebensräume dauerhaft vorhanden sind.
Beim Luchs ist der große Raumanspruch offensichtlich. Beim Baummarder ist es subtiler. Seine Streifgebiete sind wesentlich kleiner, doch auch er bewegt sich durch eine Landschaft und ist auf geeignete Strukturen angewiesen. Studien zeigen, dass Baummarder grundsätzlich nicht so stark auf unzerschnittene Waldflächen angewiesen sind, wie früher angenommen wurde. Dennoch können Fragmentierung und die zunehmende Zerschneidung von Lebensräumen langfristig zu wichtigen Risikofaktoren werden.
Das ist eine wichtige Botschaft:
Vernetzung ist nicht nur für die großen Säugetiere wichtig.
Auch kleine und mittelgroße Waldtiere profitieren davon, wenn Wälder miteinander verbunden bleiben.
Hecken, Feldgehölze, Bachufer, Waldsäume und kleinere Waldflächen können dabei als Trittsteine und Verbindungselemente dienen.
Totholz ist kein Abfall
Eine besonders schöne Verbindung zwischen Baummarder und Buchenwald liegt im Totholz. Eine aktuelle Untersuchung aus europäischen Bergwäldern zeigt, dass Baummarder und andere Marderarten liegendes Totholz als Mikrohabitat nutzen; insbesondere können umgestürzte Stämme als Bewegungs- und Nahrungssuchstrukturen dienen. Das macht deutlich, dass Totholz nicht einfach „liegen bleibt“. Es ist Teil des Waldes. Es verändert die Feuchtigkeit des Bodens, schafft Verstecke, bietet Lebensraum für Pilze und Insekten und verändert die Bewegungsmöglichkeiten vieler Tiere.
Der Baummarder erinnert uns daran, dass ein Wald nicht nur aus Bäumen besteht.
Er besteht aus Beziehungen.
Aus alten und jungen Bäumen.
Aus Leben und Tod.
Aus Licht und Schatten.
Aus Boden und Kronendach.
Aus unzähligen Arten, die einander brauchen.
Ein lebendiger Wald muss nicht laut sein.
Manchmal reicht ein Baummarder, der nachts durch die alten Buchen streift.

Quellen und weiterführende Informationen
- Umweltbundesamt Österreich – Rote Listen gefährdeter Tierarten: Die österreichische Säugetier-Rote-Liste stammt derzeit noch aus 2005 und wird aktuell überarbeitet; der Baummarder ist dort bislang als LC / nicht gefährdet eingestuft.
- Oxford Academic – Mammalian Species: Martes martes: Umfangreiche wissenschaftliche Zusammenstellung zu Verbreitung, Biologie, Lebensraum und Schutzstatus des Baummarders. Der Baummarder wird global als Least Concern geführt und bewohnt vor allem reife Laub-, Misch- und Nadelwälder.
- Umweltbundesamt – FFH-Richtlinie: Der Baummarder (Martes martes) ist in Österreich in Anhang V der FFH-Richtlinie gelistet.
- Naturschutzbund Österreich – Unser Wald: Informationen zur Lebensweise des Baummarders als ausgeprägtem Waldbewohner, zu seiner Kletterfähigkeit und seiner Nutzung alter Bäume.
- Naturschutzbund Österreich – Baumpension: Bedeutung alter Bäume, Baumhöhlen und Totholz als Lebensraum unter anderem für Baummarder und zahlreiche weitere Waldarten.
- Schwegmann & Storch (2024), Wildlife Biology: Untersuchung zur Nutzung von liegendem Totholz durch Marderarten in europäischen Bergwäldern. Die Ergebnisse zeigen, dass liegende Stämme die Mikrohabitatnutzung beeinflussen und von Mardern für Bewegung und Nahrungssuche genutzt werden.
- Kozák et al. (2018), Forest Ecology and Management: Untersuchung von Baummikrohabitaten in europäischen, von Buche dominierten Primärwäldern. Alte Bäume, Baumdurchmesser und Totholz erwiesen sich als wichtige Faktoren für die Dichte und Vielfalt dieser Strukturen.
Jandl et al. (2023): European Beech Forests in Austria: Aktuelle wissenschaftliche Untersuchung zur Verbreitung und möglichen zukünftigen Entwicklung der Buche in Österreich. Buchen kommen in Österreich über einen großen Höhengradienten vor und bilden in Bergregionen wichtige Mischwälder.
