8.2 – Die Europäische Wildkatze – zurück in den Buchenwald

Die Europäische Wildkatze – zurück in den Buchenwald

Leise, scheu und fast unsichtbar.

Wenn nachts eine Katze lautlos durch den Wald streift, muss es nicht die Hauskatze sein, die sich verirrt hat. Tief im Wald lebt eine echte Wildkatze: die Europäische Wildkatze (Felis silvestris).

Sie war in Österreich lange verschwunden. Heute gibt es wieder deutliche Zeichen ihrer Rückkehr.

Eine Katze, die keine Hauskatze ist

Die Europäische Wildkatze sieht unserer Hauskatze auf den ersten Blick erstaunlich ähnlich. Doch sie ist eine eigenständige Wildtierart. Ihre Vorfahren stammen nicht von unseren Hauskatzen ab – diese gehen vielmehr auf die Afrikanische Falbkatze zurück.

Die Wildkatze ist etwas kräftiger und gedrungener gebaut als viele Hauskatzen. Besonders charakteristisch sind ihr buschiger, stumpf endender Schwanz mit mehreren dunklen Ringen, die verwaschene Fellzeichnung und der kräftige Körperbau. Erwachsene Tiere wiegen meist etwa vier bis acht Kilogramm.

Ihr eigentliches Wesen erkennt man allerdings nicht an ihrem Aussehen, sondern an ihrer Lebensweise. Die Wildkatze ist eine scheue Einzelgängerin. Sie ist vor allem in der Dämmerung und nachts aktiv und verbringt den Tag gut verborgen in Baumhöhlen, Felsspalten, dichtem Bewuchs oder anderen geschützten Verstecken. Zu ihrer wichtigsten Beute gehören Mäuse und andere Kleinsäuger. Damit ist sie eng mit der Struktur und Produktivität ihres Lebensraumes verbunden. Wo viele Kleinsäuger leben, wo es Deckung gibt und wo Wald und offene Lebensräume ineinandergreifen, findet auch die Wildkatze gute Bedingungen.

Der Wald, den sie braucht

Die Europäische Wildkatze ist keine Bewohnerin monotoner Forste.

Sie bevorzugt naturnahe, strukturreiche Laub- und Laubmischwälder. Besonders wertvoll sind Wälder mit dichtem Unterwuchs, Totholz, Baumhöhlen, Felsstrukturen, Waldrändern, Lichtungen und kleinen offenen Flächen. Auch Bachläufe, Hecken und andere lineare Strukturen können für ihre Bewegungen eine wichtige Rolle spielen.

Ein naturnaher Buchenmischwald kann genau diese Vielfalt hervorbringen.

Zwischen mächtigen alten Buchen stehen jüngere Bäume. Umgestürzte Stämme schaffen neue Verstecke. Lichtungen entstehen, Waldsäume werden dichter oder lichter, kleine Bäche ziehen sich durch den Bestand. Der Wald wird dadurch nicht gleichförmig – sondern lebendig. Genau diese Vielfalt kommt der Wildkatze zugute.

Nicht nur Wald – sondern Waldlandschaft

Die Wildkatze macht uns dabei auf etwas aufmerksam, das für den Naturschutz von großer Bedeutung ist:

Ein Lebensraum endet nicht an der Waldgrenze.

Wildkatzen nutzen neben dem Wald auch Wiesen, Waldsäume, Gebüsche, Bachläufe und andere strukturreiche Landschaftselemente. Besonders wichtig sind Versteckmöglichkeiten, zwischen denen sie sich sicher bewegen können. Untersuchungen zeigen, dass kleine Landschaftselemente wie Hecken, Gehölze und breite Säume sowohl als Lebensraum als auch als Verbindung zwischen geeigneten Gebieten eine wichtige Funktion besitzen. Der ideale Lebensraum der Wildkatze ist deshalb kein dunkler, geschlossener Wald ohne Unterbrechungen. Es ist eine vielfältige Waldlandschaft.

Eine verschwundene Katze kehrt zurück

Noch bis in die Mitte des 20. Jahrhunderts war die Wildkatze in Österreich heimisch. Dann verschwand sie weitgehend aus unseren Wäldern. Die historische österreichische Rote Liste stufte die Wildkatze als „regional ausgestorben“ bzw. „verschollen“ ein. Grundlage dafür war die Annahme, dass der autochthone, also ursprünglich in Österreich heimische und sich fortpflanzende Bestand nach den 1950er Jahren erloschen war.

Doch dann kamen neue Spuren. Seit 2009 werden Wildkatzenmeldungen in Österreich systematisch gesammelt und überprüft. Zwischen 2000 und 2017 konnten bereits sichere und bestätigte Nachweise aus mehreren Regionen dokumentiert werden. Die Daten deuteten auf kleine Vorkommen insbesondere in Niederösterreich und in Nord- und Südkärnten hin.

Inzwischen ist klar:

Die Wildkatze ist wieder da.

Wie groß die österreichische Population tatsächlich ist und ob sich bereits dauerhaft reproduzierende Populationen etabliert haben, ist allerdings noch nicht vollständig geklärt. Gerade deshalb ist die laufende Beobachtung und genetische Untersuchung so wichtig. Auch die österreichische Rote Liste wird derzeit wissenschaftlich aktualisiert. Die BOKU weist darauf hin, dass Arten, die früher als ausgestorben galten – darunter die Wildkatze –, inzwischen wieder Fuß fassen konnten.

Die Rückkehr der Wildkatze ist also zugleich eine Erfolgsgeschichte und eine Aufforderung, genauer hinzusehen.

Wildkatzen in Kärnten

Kärnten spielt für die Rückkehr der Wildkatze nach Österreich eine besondere Rolle.

Bereits seit Jahrzehnten gibt es aus Kärnten immer wieder Nachweise. Historisch kamen Tiere vermutlich auch aus den Wildkatzenpopulationen Sloweniens und des nordöstlichen Italiens über die Grenze nach Kärnten. Eine wissenschaftliche Untersuchung beschreibt Kärnten als einen wichtigen Teil des südösterreichischen Vorkommens.

Neuere Untersuchungen bestätigen diese Entwicklung.

Im Jahr 2020 konnten in Kärnten zwei Tiere durch genetische Analysen sicher als Wildkatzen bestätigt werden. 2023 gelangen den Österreichischen Bundesforsten im Raum Hermagor eindrucksvolle Fotofallenaufnahmen von zwei Wildkatzen. Die Tiere wurden in weitläufigen, strukturreichen Wäldern nahe dem Pressegger See fotografiert. Die Bundesforste betonen dort insbesondere die Bedeutung von Totholz und artenreichen Mischwäldern als Lebensraum.

Damit wird die Wildkatze auch für Oberkärnten interessant.

Denn gerade hier treffen verschiedene Landschaftsräume aufeinander: die Alpen, die Täler, die Wälder Kärntens und die angrenzenden Lebensräume Sloweniens und Italiens.

Die Wildkatze kann diese Landschaften nicht als einzelne isolierte Naturschutzflächen wahrnehmen.Sie braucht Verbindung.

Buchenmischwälder als Rückzugsraum

Für die Wildkatze ist nicht die Buche allein entscheidend. Entscheidend ist der Wald als komplexes Ökosystem.

Buchenmischwälder können besonders vielfältige Strukturen entwickeln: alte und junge Bäume, Höhlen, Totholz, Sträucher, Krautschichten, Lichtungen und Waldsäume. Diese Strukturen schaffen Verstecke und Jagdmöglichkeiten und fördern zugleich die Kleinsäuger, von denen sich die Wildkatze hauptsächlich ernährt.

Die Buchenwälder selbst sind in Österreich ein bedeutender Teil der natürlichen Waldlandschaft. Verschiedene Buchenwald-Lebensraumtypen kommen auch in Kärnten vor. Der Hainsimsen-Buchenwald etwa ist in Kärnten unter anderem in den Natura-2000-Gebieten Lendspitz-Maiernigg und Mannsberg-Boden vertreten.

Je naturnäher und strukturreicher diese Wälder sind, desto mehr können sie zu einem Lebensraum für die Wildkatze werden.

Die unsichtbaren Wege durch den Wald

Noch wichtiger als die einzelne Waldfläche ist ihre Verbindung mit anderen Lebensräumen. Eine Wildkatze kann ein Gebiet von mehreren hundert Hektar nutzen. Für manche Tiere liegen die Streifgebiete bei mehreren Quadratkilometern. Junge Wildkatzen müssen nach dem Verlassen des Mutterreviers neue Lebensräume finden und können dabei weite Strecken zurücklegen.  Dabei werden Straßen, Siedlungen und intensiv genutzte Landschaften zu gefährlichen Barrieren.

Eine groß angelegte Untersuchung mit genetischen Daten von 975 Wildkatzen zeigte, dass insbesondere die Dichte von Straßen die genetische Vernetzung der Population stark beeinflusst.  Eine weitere europäische Untersuchung von 211 besenderten Wildkatzen kam zu einem eindrücklichen Ergebnis: Straßenverkehr war die häufigste menschengemachte Todesursache.

Buchenwald als Netzwerk

Ein naturnaher Buchenwald kann ein Rückzugsort sein.

Ein Netz aus alten Buchenwäldern, Mischwäldern, Hecken, Bachläufen, Feldgehölzen und Waldsäumen kann dagegen zu einem zusammenhängenden Lebensraum werden.

Solche Verbindungen sind besonders dort wichtig, wo einzelne Populationen voneinander getrennt sind.

Auch Österreich arbeitet deshalb mit Konzepten der ökologischen Lebensraumvernetzung. Für die Wildkatze wurden beispielsweise spezielle Korridorplanungen entwickelt, um mögliche Wanderwege zu erkennen und die Verbindung geeigneter Lebensräume zu verbessern.

Die Wildkatze wird dabei zu einer Schirmart der Landschaftsvernetzung: Maßnahmen, die ihr helfen, kommen häufig auch vielen anderen Arten zugute.

Warum die Wildkatze unsere Stimme braucht

Die Wildkatze ist klein. Sie hat keine imposante Größe wie der Luchs und hinterlässt kaum sichtbare Spuren. Viele Menschen werden ihr vermutlich niemals begegnen. Und doch erzählt sie eine große Geschichte. Ihre Rückkehr zeigt, dass sich Natur regenerieren kann. Aber sie zeigt auch, wie verletzlich eine solche Rückkehr ist.

Damit aus einzelnen Nachweisen wieder eine dauerhaft lebensfähige Population wird, braucht die Wildkatze geeignete Wälder, strukturreiche Landschaften, ausreichend Beute, Rückzugsräume und vor allem Verbindung zwischen den Lebensräumen. Der Schutz alter Buchenmischwälder ist deshalb auch Schutz für eine Zukunft, in der die Wildkatze wieder selbstverständlich zu unserer Landschaft gehört.

Ein Wald ist dann wirklich lebendig, wenn auch jene darin Platz haben, die wir nur selten sehen.

Quellen und weiterführende Informationen

Bundesministerium für Land- und Forstwirtschaft, Klima- und Umweltschutz: Informationen zur Wildkatze, zur österreichischen Meldestelle und zum Nachweisgeschehen.

Naturschutzbund Österreich / Plattform Wildkatze: Aktuelle Informationen, Nachweise und Schutz der Wildkatze in Österreich.

Slotta-Bachmayr et al. (2017): Der aktuelle Wissensstand über die Verbreitung der Europäischen Wildkatze in Österreich. Acta ZooBot Austria 154, 165–177. Die Arbeit dokumentiert insbesondere die Nachweise in Nord- und Südkärnten.

Österreichische Bundesforste (2023): Fotofallen-Nachweise der Wildkatze im Raum Hermagor und Informationen zu ihrem Lebensraum in Kärnten.

Gutleb & Krainer / Naturwissenschaftlicher Verein für Kärnten: Historischer Nachweis und Entwicklung des Wildkatzenvorkommens in Kärnten.

Lapini & Molinari (2007): Nach zehn Jahren taucht in Kärnten die Wildkatze wieder auf. Carinthia II 197/117, 59–66.

BOKU – Aktualisierung der Roten Liste der Säugetiere Österreichs: Laufendes Forschungsprojekt zur Neubewertung des Gefährdungsstatus, einschließlich der Wildkatze.

Ökologische Vernetzung: Untersuchungen zur Bedeutung von Straßen, Landschaftsstruktur und Korridoren für die Wildkatze zeigen, dass die Verbindung von Lebensräumen entscheidend für den langfristigen Erhalt der Art ist.

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