8.4 – Der Uhu – König der Nacht

Der Uhu – König der Nacht

Wenn über dem Buchenwald die Nacht hereinbricht, beginnt seine Welt.

Ein tiefer Ruf durchdringt die Dunkelheit.

Der Uhu (Bubo bubo) ist die größte Eule Europas und eine der eindrucksvollsten Vogelarten unserer Wälder und Berglandschaften. Mit seinen großen orangefarbenen Augen, den markanten Federohren und seiner gewaltigen Spannweite wirkt er beinahe wie ein Wesen aus einer anderen Zeit. Doch trotz seiner Größe bleibt er meist unsichtbar. Der Uhu ist ein Vogel der Nacht. Lautlos gleitet er über Wälder, Felsen, Wiesen und Täler. Seine außergewöhnlich weichen Federn machen seinen Flug nahezu geräuschlos. So kann er seine Beute überraschen, ohne selbst gehört zu werden.

Der größte unter den Eulen

Ein ausgewachsener Uhu kann etwa 60 bis 70 Zentimeter Körperlänge erreichen und eine Flügelspannweite von bis zu rund 170 Zentimetern besitzen. Weibchen sind dabei deutlich größer und schwerer als Männchen.

Seine kräftigen Krallen und der starke Schnabel machen ihn zu einem vielseitigen Jäger.

Auf seinem Speiseplan stehen vor allem kleine bis mittelgroße Säugetiere und Vögel. Je nach Lebensraum können darunter Mäuse, Ratten, Igel, Hasen, Krähen, Tauben und andere Vögel sein. Auch Amphibien und andere Tiere werden erbeutet. Der Uhu ist damit ein wichtiger Teil des nächtlichen Nahrungsnetzes.

Er steht an einer Stelle, an der sich viele Lebensräume verbinden: Wald, offene Landschaft, Gewässer und Fels.

Ein Vogel zwischen Wald und Fels

Anders als etwa der Schwarzspecht ist der Uhu kein typischer Waldspezialist. Er braucht vielmehr eine reich strukturierte Landschaft. Seine Brutplätze liegen häufig in Felswänden, Felsnischen, an steilen Hängen oder in Steinbrüchen. Inzwischen brütet er zunehmend auch in alten Horsten anderer Großvögel oder direkt auf Bäumen. In Kärnten werden insbesondere Felswände der größeren Flusstäler als Brutplätze genutzt.  Für die Jagd benötigt er dagegen offene oder locker bewaldete Flächen. Dort kann er seine enorme Flügelspannweite ausspielen. Wiesen, Weiden, Lichtungen, Waldränder, Gewässerufer und alpine Freiflächen gehören deshalb ebenso zu seinem Lebensraum wie der Wald selbst.

Der Uhu lebt nicht in einem einzelnen Lebensraum. Er lebt in der Verbindung verschiedener Lebensräume.

Der Buchenwald als Teil seines Reviers

Ein strukturreicher Buchenmischwald bietet dem Uhu Rückzugs- und Ruheplätze. Felsen, Höhlen, dicht bewachsene Hänge und alte Bäume können als Tageseinstände dienen. Auch abgestorbene Bäume und deren Äste können wichtige Sitz- und Rupfplätze darstellen.  Vor allem aber ist der Wald Teil eines größeren Mosaiks. Zwischen einem Buchenwald und einer offenen Wiese liegt ein Waldrand. Dahinter folgt vielleicht ein Bach, eine Weide oder ein steiler Fels. Weiter oben beginnen wieder Wald und alpine Matten. Für den Uhu entsteht daraus ein zusammenhängendes Jagdrevier.

Je vielfältiger die Landschaft, desto vielfältiger das Angebot.

Alte Buchen sind mehr als Bäume

Ein alter Buchenwald kann für den Uhu auf verschiedene Weise bedeutsam sein. Alte Bäume bieten Sitzplätze und Deckung. Abgestorbene Äste können als Ansitz dienen. Höhlen und Spalten schaffen Rückzugsmöglichkeiten. Gleichzeitig beherbergt ein naturnaher Wald eine Vielzahl von Vögeln und Säugetieren – und damit potentielle Beute. Vor allem aber schafft ein strukturreicher Wald Übergänge. Dichte Bestände wechseln mit Lichtungen. Junge Bäume wachsen unter alten Kronen. Totholz liegt am Boden oder steht noch aufrecht. Waldsäume gehen in Wiesen und Weiden über.

Der Wert eines Buchenwaldes für den Uhu liegt deshalb nicht nur in der Buche. Er liegt in der Vielfalt, die ein alter Wald ermöglicht.

Ein Lebensraum braucht Ruhe

Der Uhu ist ausgesprochen standorttreu.

Hat sich ein Brutpaar einen geeigneten Lebensraum ausgesucht, kann es diesen über viele Jahre nutzen. Genau deshalb sind Störungen an den Brutplätzen besonders problematisch.

Klettern, Klettersteige, Forstarbeiten, Freizeitaktivitäten, Baustellen oder andere intensive menschliche Aktivitäten können brütende Uhus erheblich stören. Schutzkonzepte für den Uhu nennen deshalb ausdrücklich den Erhalt geeigneter Brutplätze und die Einrichtung von Ruhezonen als wichtige Maßnahmen.  Das bedeutet nicht, dass ein Uhu-Revier vollkommen unberührt bleiben muss.

Aber es braucht Räume, in denen Natur Vorrang hat. Vor allem während der Brutzeit ist Rücksicht entscheidend. Denn wenn die Jungen bereits geschlüpft sind, können wiederholte Störungen dazu führen, dass Altvögel den Brutplatz verlassen oder die Versorgung der Jungen beeinträchtigt wird.

Ein Comeback mit Geschichte

Die Geschichte des Uhus ist auch eine Geschichte menschlicher Verfolgung. Noch im 20. Jahrhundert war die Art in vielen Regionen stark zurückgegangen. Verfolgung, Abschuss, Lebensraumveränderungen und die Zerstörung von Brutplätzen setzten den Beständen zu.

Seitdem hat sich die Situation vielerorts deutlich verbessert.

In Österreich gilt der Uhu heute als weit verbreiteter Brutvogel. Die österreichische Population hat sich nach einem Bestandstief in den 1960er- und 1970er-Jahren wieder erholt. Gleichzeitig bestehen vor allem im inneralpinen Raum weiterhin Erfassungslücken.  Die Rückkehr des Uhus ist eine Erfolgsgeschichte des Naturschutzes. Aber sie ist keine Einladung, den Schutz nun für beendet zu erklären.

Rote Liste: eine differenzierte Situation

Beim Gefährdungsstatus des Uhus ist es wichtig, zwischen verschiedenen Ebenen zu unterscheiden.

Die derzeit verfügbare österreichische Rote Liste der Vögel stammt aus 2017. Das Umweltbundesamt weist darauf hin, dass Rote Listen in Österreich unterschiedliche Aktualitätsstände haben und regelmäßig erneuert werden müssen.

In verschiedenen österreichischen Fachunterlagen wird der Uhu auf nationaler Ebene als LC bzw. NT geführt, während für Kärnten eine stärkere Gefährdung ausgewiesen wird. Eine Kärntner Fachplanung nennt für die Art den Status NT in Österreich und NT in Kärnten, während ältere Kärntner Managementpläne teilweise noch „gefährdet“ ausweisen.

Was unabhängig von dieser unterschiedlichen Einstufung feststeht:

Der Uhu ist europaweit besonders geschützt und in Anhang I der EU-Vogelschutzrichtlinie aufgeführt.  Sein Schutz richtet sich daher nicht nur auf einzelne Vögel, sondern auch auf die Erhaltung seiner Lebensräume und Brutplätze.

Der Uhu in Kärnten

Kärnten ist für den Uhu besonders interessant.

Die großen Flusstäler mit ihren steilen Hängen und Felswänden bieten genau jene Kombination, die der Uhu benötigt: geeignete Brutplätze in Felsen und angrenzende, abwechslungsreiche Jagdlandschaften.

Besonders genannt werden Drau- und Gailtal. Für die westlichen Flusstäler – vom Drautal über Villach bis ins Gail-, Lieser- und Maltatal – wurden bereits in früheren Erhebungen zahlreiche Uhu-Territorien dokumentiert. Neuere Kartierungen konnten einige dieser Reviere bestätigen und weitere entdecken. Für Kärnten wurde in einer Fachplanung ein Bestand von etwa 40 bis 60 Brutpaaren geschätzt.

Auch in Oberkärnten finden sich eindrucksvolle Beispiele.

Im Gailtal, etwa im Europaschutzgebiet Görtschacher Moos – Obermoos, ist der Uhu als Schutzgut der Vogelschutzrichtlinie ausgewiesen.

Und im Raum Villacher Alpe – Dobratsch wurden mehrere Brutpaare dokumentiert. Dort wird deutlich, wie eng Brutplatz und umgebende Jagdlandschaft miteinander verbunden sind.

Auch der Naturpark Weissensee nennt den Uhu als eine der seltenen Vogelarten der Region.

Der Uhu und die Buchenwälder Oberkärntens

Oberkärnten ist eine Landschaft der Übergänge. Steile Felswände treffen auf Wälder. Wälder gehen in Wiesen und Weiden über. Bäche und Flüsse durchschneiden die Täler. Darüber liegen alpine Matten und offene Hänge. Gerade diese vertikale und horizontale Vielfalt macht die Region für den Uhu interessant. Die Buchenmischwälder sind darin ein wichtiger Baustein. Sie bilden Rückzugsräume und liefern über ihre vielfältige Tierwelt einen Teil des Nahrungsangebots. Gleichzeitig strukturieren sie die Hänge und schaffen Übergänge zwischen Fels und Offenland.

Der Uhu braucht deshalb nicht einfach „mehr Wald“. Er braucht den richtigen Wald in der richtigen Landschaft.

Große Wälder – offene Räume – freie Wege

Beim Schutz des Uhus geht es daher nicht nur darum, einzelne Horste zu schützen. Ein Brutplatz kann erhalten bleiben und trotzdem unbrauchbar werden, wenn die umgebende Landschaft ihre Qualität verliert. Wenn Waldstrukturen verschwinden, verändern sich Rückzugs- und Ruheplätze. Wenn Felswände erschlossen werden, kann ein jahrzehntelang genutzter Brutplatz seine Ruhe verlieren. Wenn Landschaften immer stärker zerschnitten werden, wird die Verbindung zwischen den einzelnen Lebensräumen schwieriger.

Der Uhu braucht deshalb Landschaftsschutz – nicht nur Nestschutz.

Quellen und weiterführende Informationen

  • Umweltbundesamt Österreich – Rote Listen: Überblick über den Gefährdungsstatus österreichischer Tierarten und den unterschiedlichen Aktualisierungsstand der Roten Listen. Die aktuelle Rote Liste der Vögel stammt aus 2017.
  • Europäische Umweltagentur – EUNIS: Informationen zur Art Bubo bubo und zu ihrem Vorkommen in europäischen Schutzgebieten.
  • Land Kärnten – Naturschutzfachplan Villacher Alpe – Dobratsch / Schütt – Graschelitzen: Detaillierte Angaben zu Lebensraum, Verbreitung, Brutplätzen und Gefährdung des Uhus in Kärnten.
  • Land Kärnten – Managementplan Untere Lavant: Angaben zur Verbreitung des Uhus in Kärnten, insbesondere zu Drau- und Gailtal sowie zum geschätzten Kärntner Brutbestand.
  • Land Kärnten – Görtschacher Moos – Obermoos: Natura-2000-Managementplan mit detaillierten Angaben zum Uhu als Schutzgut der Vogelschutzrichtlinie und zu seinen Lebensraumansprüchen.
  • Land Kärnten – Tiebelmündung / Bleistätter Moor: Aktuelle fachliche Beschreibung des Uhus als standorttreue Art strukturreicher Landschaften und Dokumentation von Vorkommen im Gebiet.
  • Land Oberösterreich – Großvogel-Schutz: Informationen zu Brutplatzschutz, Störungsempfindlichkeit und Bedeutung störungsarmer Brutplätze des Uhus.
  • Naturpark Karwendel: Kompakter zoologischer Steckbrief mit Angaben zu Körpergröße, Spannweite, Nahrung, Lebensraum und österreichischem Bestand.

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