1.4 – Warum die Buchenwälder geschützt werden müssen

Warum die Buchenwälder geschützt werden müssen

Ein Wald, der in Europa fast verschwunden ist

Europa erscheint heute auf weiten Strecken als waldreicher Kontinent. Doch das Bild täuscht.

Die heutigen „Wälder“ (korrekt: Forste) sind zu einem großen Teil das Ergebnis jahrhundertelanger menschlicher Nutzung, Umgestaltung und Bewirtschaftung. Die ursprünglichen Waldökosysteme Europas wurden durch Landwirtschaft, Siedlungen, Rohstoffgewinnung und Forstwirtschaft stark zurückgedrängt und verändert. Besonders deutlich zeigt sich dies bei den Buchenwäldern.

Die Rotbuche hätte unter den natürlichen klimatischen Bedingungen großer Teile Mitteleuropas eine wesentlich größere Rolle gespielt, als sie heute tatsächlich einnimmt. In weiten Gebieten wären Buchenwälder oder Buchenmischwälder die natürliche Waldvegetation. Tatsächlich sind naturnahe Buchenwälder heute nur noch sehr kleinflächig erhalten.

Eine eindrucksvolle Größenordnung vermittelt die Angabe, dass naturnahe Buchenwälder heute nur noch etwa 0,02 % ihrer ursprünglichen europäischen Verbreitung einnehmen.

Diese Zahl bezieht sich nicht auf den heutigen gesamten Buchenbestand, sondern auf die ursprüngliche Verbreitung naturnaher Buchenwälder und macht deutlich, wie dramatisch sich das Verhältnis zwischen ursprünglichen und heute noch erhaltenen Wäldern verändert hat.

Damit wird verständlich, warum die letzten alten und naturnahen Buchenwälder Europas eine Bedeutung besitzen, die weit über ihre jeweilige Region hinausgeht.

Buchenwald ist nicht gleich Buchenwald

Dabei ist es wichtig, zwischen verschiedenen Formen von Buchenwäldern zu unterscheiden.

Ein Buchenwald, in dem die Rotbuche die dominierende Baumart bildet, kann je nach Standort ganz unterschiedliche Ausprägungen besitzen.

In anderen Wäldern wächst die Buche gemeinsam mit Tanne, Fichte, Ahorn, Esche, Eiche, Linde, Kiefer oder anderen Baumarten und bildet einen Buchenmischwald.

Solche Mischwälder sind keineswegs weniger wertvoll. Im Gegenteil: Sie können eine besonders hohe strukturelle und floristische Vielfalt aufweisen und spiegeln häufig die Übergänge zwischen unterschiedlichen klimatischen und geologischen Bedingungen wider.

Von besonderer Bedeutung sind schließlich die Ur- und Primärwälder, also Wälder, deren Entwicklung über sehr lange Zeiträume ohne wesentliche menschliche Eingriffe ablaufen konnte. Sie besitzen eine natürliche Alters- und Strukturvielfalt mit alten und absterbenden Bäumen, Totholz, natürlichen Lichtungen und allen Entwicklungsphasen des Waldes.

In Österreich sind solche Wälder heute nur noch als Reliktvorkommen erhalten. Der überwiegende Teil des österreichischen Waldes ist dagegen durch jahrhundertelange Nutzung und Bewirtschaftung geprägt.

Gerade deshalb sind die wenigen verbliebenen Urwälder und sehr alten naturnahen Wälder von unschätzbarem wissenschaftlichem und ökologischem Wert.

Sie zeigen, wie sich Waldökosysteme unter weitgehend natürlichen Bedingungen entwickeln und welche Strukturen und Lebensgemeinschaften daraus entstehen.

Österreich: wenig ursprünglicher Buchenwald

Österreich ist mit rund 48 % Waldfläche ein ausgesprochen waldreiches Land. Doch die große Waldfläche darf nicht mit einem großen Anteil ursprünglicher Wälder gleichgesetzt werden.

Die potenziell natürliche Vegetation Österreichs würde wesentlich stärker von Laubwäldern geprägt.

Nach einer aktuellen österreichischen Analyse entfallen rund 14,4 % der potenziell natürlichen Waldgesellschaften auf Buchenwaldgesellschaften, weitere 33,5 % auf Fichten-Tannen-Buchenwaldgesellschaften.

Tatsächlich ist die Buche heute aber nur auf einem Teil dieser potenziellen Buchenwaldstandorte vorhanden.

Untersuchungen zur Verbreitung der Buche zeigen, dass in Österreich nur etwa 28 % der potenziellen Buchenwaldfläche tatsächlich von Buchenbeständen bedeckt sind; auf großen Teilen dieser natürlichen Buchenwaldstandorte stehen stattdessen vor allem Fichtenbestände (Fichtenforste).

Das bedeutet: Auch wenn Österreich heute große Waldflächen besitzt, ist ein erheblicher Teil davon nicht jene Waldvegetation, die sich unter den jeweiligen natürlichen Standortbedingungen entwickeln würde. Der Schutz der verbliebenen naturnahen Buchenwälder ist deshalb nicht durch die bloße Tatsache ersetzt, dass irgendwo wieder Bäume wachsen.

Alte Wälder sind nicht einfach ersetzbar

Ein neu gepflanzter Wald kann erst in Jahrzehnten oder Jahrhunderten wieder zu einem wertvollen Lebensraum werden. Einen alten, über Jahrhunderte gewachsenen Wald kann er jedoch nicht kurzfristig ersetzen. Ein alter Buchenwald besitzt eine Struktur, die Zeit braucht: alte Baumriesen, Höhlen, abgestorbene Äste, stehendes und liegendes Totholz, unterschiedliche Altersphasen, natürliche Lücken und ein über lange Zeit entwickeltes Bodenleben. Mit dem Alter eines Waldes entstehen immer neue Lebensräume. Manche Pilze, Flechten, Käfer, Vögel und andere Organismen sind auf alte Bäume, Baumhöhlen oder bestimmte Zerfallsstadien angewiesen.

Wird ein solcher Wald vollständig entfernt, verschwinden daher nicht nur die vorhandenen Bäume.

Eine über Jahrhunderte entstandene Lebensgemeinschaft wird in kurzer Zeit vernichtet.

Auch die natürliche räumliche Kontinuität ist von großer Bedeutung. Große zusammenhängende Waldgebiete ermöglichen Wanderung, Austausch und genetische Verbindung zwischen Populationen. Werden sie durch Straßen, Trassen, Siedlungen oder andere Eingriffe zerschnitten, kann aus einem zusammenhängenden Lebensraum ein Mosaik isolierter Teilflächen werden. Für viele Arten ist daher nicht nur entscheidend, wie viel Wald vorhanden ist, sondern auch, wie alt, wie naturnah und wie zusammenhängend er ist.

Die letzten Buchenwälder Kärntens

Gerade vor diesem Hintergrund besitzen die Buchenwälder Kärntens eine besondere Bedeutung.

Kärnten liegt an einer biogeographisch außergewöhnlich interessanten Schnittstelle zwischen dem mitteleuropäischen und dem südosteuropäisch-illyrischen Raum. Hier treffen unterschiedliche klimatische Einflüsse und Florenelemente aufeinander.

Die Buchenwälder können dadurch eine besondere Vielfalt an Baumarten, Sträuchern und Kräutern aufweisen.

Besonders wertvoll sind die Buchen- und Buchenmischwälder Ober- und Mittelkärntens. Sie gehören zu jenen Waldlebensräumen, die in ihrer natürlichen Ausprägung heute nur noch einen kleinen Teil dessen darstellen, was unter den ursprünglichen Bedingungen möglich gewesen wäre.

Ihre Bedeutung liegt nicht allein in einzelnen seltenen Arten.

Sie liegt im Zusammenspiel von Waldstruktur, Artenvielfalt, Boden, Klima, Geologie, Relief und Landschaftszusammenhang.

Besonders das Obere Drautal nimmt dabei eine herausragende Stellung ein.

Der dortige, schattseitig durch das Tal ziehende Buchenwald bildet einen bemerkenswerten Übergangsraum zwischen mitteleuropäischen und illyrischen Buchenwaldgesellschaften. Alpine und südlich-mediterrane Florenelemente treffen hier aufeinander; unterschiedliche Standorte und Waldgesellschaften liegen eng nebeneinander. Auch besondere Rotkiefer-Buchenwald-Ausbildungen tragen zu dieser außergewöhnlichen ökologischen Vielfalt bei.

Solche Übergangsräume sind für die biologische Vielfalt besonders wertvoll, weil hier Arten und Lebensgemeinschaften aus unterschiedlichen biogeographischen Bereichen zusammentreffen können.

Gerade deshalb besitzen die Buchenwälder Kärntens eine Bedeutung, die nicht an den Landesgrenzen endet.

Ihr Schutz ist nicht nur eine regionale Aufgabe, sondern Teil der Bewahrung des europäischen Naturerbes.

Was verloren geht, wenn ein alter Wald verschwindet

Der Wert eines Waldes lässt sich nicht allein in Hektar Waldfläche ausdrücken.

Verloren gehen können alte Bäume und ihre Lebensgemeinschaften, genetische Ressourcen, Bodenstrukturen, Totholz, natürliche Entwicklungsprozesse und ökologische Verbindungen zwischen verschiedenen Lebensräumen.

Verloren gehen kann aber auch etwas, das sich schwerer messen lässt: die Eigenart einer gewachsenen Landschaft.

Ein alter Buchenwald ist Teil eines Landschaftsbildes, das über Jahrhunderte entstanden ist. Er prägt Täler, Hänge und Horizonte. Er vermittelt zwischen Berg und Tal, zwischen offenem Land und geschlossenem Wald. Seine Schönheit ist nicht unabhängig von seiner Ökologie – sie ist gerade Ausdruck seiner gewachsenen natürlichen Struktur.

Wenn solche Wälder zerstört oder durch großtechnische Eingriffe fragmentiert werden, betrifft das deshalb nicht nur den Waldbestand. Es verändert die Landschaft als Ganzes.

Schutz bedeutet mehr als Aufforstung

Der Schutz bestehender alter und naturnaher Buchenwälder kann nicht einfach durch spätere Aufforstung ersetzt werden. Aufforstung kann sinnvoll sein und neue Waldflächen schaffen. Sie kann aber nicht mittelfristig die ökologischen Eigenschaften eines alten Waldes wiederherstellen.

Erhalten ist deshalb etwas anderes als neu schaffen.

Wo ein alter, naturnaher Buchenwald noch vorhanden ist, liegt darin eine besondere Verantwortung: Erst wenn ein solcher Wald zerstört wurde, lässt sich nicht mehr zurückholen, was über Jahrhunderte gewachsen ist.

Das gilt besonders für kleine und isolierte Restbestände. Gerade sie können zu den letzten Rückzugsräumen bestimmter Arten und zu wichtigen Verbindungselementen zwischen größeren Waldgebieten werden.

Der Schutz der letzten Buchenwälder muss deshalb dort ansetzen, wo sie noch vorhanden sind.

Die besondere Verantwortung für Kärnten

Die verbliebenen Buchen- und Buchenmischwälder Kärntens sind Teil eines größeren europäischen Zusammenhangs. Sie verbinden den mitteleuropäischen Buchenwaldraum mit den illyrischen Wäldern des südöstlichen Alpen- und Balkanraumes und bewahren damit einen Teil jener biologischen und pflanzengeographischen Vielfalt, die Europa über Jahrtausende geprägt hat.

Was heute noch vorhanden ist, kann morgen bereits fehlen.

Deshalb braucht es für die letzten naturnahen Buchenwälder Kärntens Erforschung, Bewusstseinsbildung und konsequenten Schutz. Großtechnische Eingriffe, neue Trassen und andere Projekte müssen dort, wo sie wertvolle Waldlebensräume gefährden, besonders kritisch geprüft werden. Die Tatsache, dass eine Waldfläche grundsätzlich wieder aufgeforstet werden kann, ist kein ausreichender Grund, einen alten und ökologisch gewachsenen Wald zu zerstören.

Was über Jahrhunderte oder Jahrtausende entstanden ist, darf nicht leichtfertig in wenigen Stunden oder Tagen für immer verloren gehen.

Die Philosophie hinter IRBIS

die Schönheit der Natur wahrnehmen,
die Würde des Lebendigen achten,
die Verbundenheit des Lebens verstehen,
Verantwortung übernehmen


und die Wälder aktiv bewahren !

Denn was wir als Teil eines gemeinsamen Lebens verstehen und in seinem eigenen Wert erkennen, können wir nicht gleichgültig seiner Zerstörung überlassen.

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