1.6 – Vom Nationalpark Kalkalpen zu den Buchenwäldern Kärntens

Vom Nationalpark Kalkalpen zu den Buchenwäldern Kärntens

Zwei Seiten eines europäischen Naturerbes

Der Nationalpark Kalkalpen und die Buchenwälder Ober- und Mittelkärntens gehören nicht zu ein und demselben Waldgebiet. Sie sind auch nicht vegetationskundlich identisch. Und doch verbindet sie etwas Grundlegendes: Beide stehen für einen Teil jener europäischen Buchenwaldlandschaft, die einst wesentlich größer war und von der heute nur noch vergleichsweise wenige naturnahe und ursprüngliche Bestände erhalten sind.

Der Nationalpark Kalkalpen zeigt, was es bedeutet, einen großen Buchenwald dauerhaft unter Schutz zu stellen und natürlichen Prozessen Raum zu geben.

Die Buchenwälder Kärntens zeigen dagegen, welche eigenständigen und teilweise außergewöhnlichen Buchenwaldlandschaften außerhalb solcher großer Schutzgebiete noch vorhanden sind – und wie wichtig es ist, sie zu erkennen und zu bewahren, bevor sie unwiederbringlich verändert werden.

Gerade dieser Vergleich ist aufschlussreich. Er macht deutlich, dass Waldschutz nicht erst dort beginnen darf, wo ein Wald bereits UNESCO-Welterbe, Nationalpark oder Urwald ist.

1. Der Nationalpark Kalkalpen als Beispiel dafür, was Schutz bewirken kann

Im Nationalpark Kalkalpen in Oberösterreich konnte sich auf großer Fläche eine außergewöhnlich naturnahe Waldlandschaft erhalten beziehungsweise wieder entwickeln. Die Buchenwälder erstrecken sich dort über einen großen Höhen- und Standortbereich von etwa 380 bis 1.450 Metern. Je nach Standort treten unterschiedliche Buchenwaldgesellschaften auf; neben reinen Buchenbeständen gibt es zahlreiche Buchenmischwälder.

Rund 5.252 Hektar der Buchenwälder des Nationalparks gehören zum UNESCO-Weltnaturerbe „Alte Buchenwälder und Buchenurwälder der Karpaten und anderer Regionen Europas“. Damit besitzt der Nationalpark das größte Buchenwaldschutzgebiet der Alpen innerhalb dieser Welterbestätte.

Die UNESCO begründet den außergewöhnlichen universellen Wert dieser Buchenwälder nicht einfach mit ihrer Schönheit oder ihrem Alter. Entscheidend ist ihre Bedeutung für das Verständnis der Entwicklung der europäischen Buchenwälder seit der letzten Eiszeit und die Tatsache, dass alte, naturnahe Buchenwälder besonders vollständige ökologische Strukturen und natürliche Prozesse bewahren.

Der Nationalpark ist damit ein Beispiel dafür, was geschehen kann, wenn ein Wald nicht mehr primär als Produktionsfläche betrachtet wird.

Bäume können alt werden. Absterben gehört zum natürlichen Entwicklungsprozess. Totholz bleibt im Wald. Neue Generationen wachsen nach. Lichtungen entstehen. Waldstrukturen verändern sich. Pilze, Pflanzen, Insekten, Vögel und Säugetiere nutzen die verschiedenen Entwicklungsphasen.

Der Wald wird nicht auf einen bestimmten wirtschaftlich gewünschten Zustand festgelegt, sondern darf sich als Ökosystem weiterentwickeln.

Das ist ein entscheidender Unterschied.

Geschützt wird nicht nur der Bestand der Bäume, sondern die natürliche Dynamik des gesamten Waldökosystems.

2. Der Wert liegt in der Zeit

Ein besonders wichtiger Aspekt des Nationalparks Kalkalpen ist deshalb die Zeit.

Ein alter Wald kann nicht kurzfristig hergestellt werden. Man kann Bäume pflanzen. Man kann einen Wirtschaftswald in naturnähere Strukturen überführen. Man kann Waldflächen renaturieren. Aber man kann nicht innerhalb weniger Jahrzehnte die gesamte ökologische Geschichte eines alten Waldes wiederherstellen.

Ein alter Baum trägt Spuren seines langen Lebens. Höhlen, Rindentaschen, abgestorbene Äste, Pilze und Flechten entstehen über lange Zeiträume. Ein umgestürzter Stamm wird zum Lebensraum. Später zerfällt er und wird Teil des Bodens. Gleichzeitig entstehen neue Entwicklungsphasen.

Die ökologische Zeit eines alten Waldes lässt sich nicht ersetzen.

Gerade deshalb sind die verbliebenen alten Buchenwälder Europas von so großer Bedeutung. Die UNESCO bezeichnet sie als wertvolle Zeugnisse der postglazialen Ausbreitung der Rotbuche und ihrer ökologischen Entwicklung unter unterschiedlichen klimatischen und geologischen Bedingungen.

3. Buchenwald ist nicht gleich Buchenwald

Der Nationalpark Kalkalpen zeigt zugleich etwas, das für die Betrachtung der Kärntner Wälder besonders wichtig ist:

„Buchenwald“ bezeichnet keine einheitliche Waldlandschaft.

Je nach Höhenlage, Geologie, Boden, Wasserhaushalt, Klima, Exposition und Geschichte entstehen unterschiedliche Waldgesellschaften.

Im Kalkalpenraum reichen die Buchenwälder von tieferen, teilweise hallenartigen Buchenbeständen bis zu hochmontanen Fichten-Tannen-Buchenwäldern. Auf warm-trockenen Standorten verliert die Buche an Konkurrenzkraft; Lichtbaumarten wie die Rotkiefer können hinzutreten. Dadurch entstehen wiederum anders strukturierte und artenreiche Bestände.

Diese ökologische Differenzierung ist wichtig.

Denn der Wert eines Buchenwaldes hängt nicht davon ab, ob er dem idealisierten Bild eines geschlossenen „Buchenurwaldes“ entspricht.

Ein Buchenmischwald ist meist ebenfalls ökologisch außerordentlich wertvoll.

Und gerade Übergangswälder, Sonderstandorte und regional eigenständige Waldgesellschaften können eine besonders hohe Bedeutung besitzen.

4. Von Oberösterreich nach Kärnten

Damit führt der Blick unmittelbar nach Kärnten.

Kärnten liegt am Übergang verschiedener großräumiger Klima- und Vegetationseinflüsse. Der Alpenraum trifft hier auf den südöstlichen europäischen Raum; gleichzeitig bestehen starke Unterschiede zwischen inneralpinen Tälern, kalkreichen Gebirgszügen, silikatischen Gebieten und wärmebegünstigten Lagen.

Die Kärntner Buchenwälder sind deshalb keineswegs bloß eine kleinere Wiederholung der Buchenwälder des Nationalparks Kalkalpen. Sie besitzen ihre eigene regionale Ausprägung.

Die Kärntner Naturschutzkartierung unterscheidet unter anderem verschiedene Buchenwaldtypen, darunter Mullbraunerde-Buchenwälder sowie sub- bis tiefmontane bodensaure Buchenwälder mit Beimischungen von Fichte, Tanne und Rotkiefer.

Auf europäischer Ebene werden Buchenwald-Lebensräume ebenfalls differenziert. Österreich führt unter anderem Hainsimsen-Buchenwälder, Waldmeister-Buchenwälder, mitteleuropäische subalpine Buchenwälder, Orchideen-Kalk-Buchenwälder und Illyrische Rotbuchenwälder (91K0) als relevante FFH-Lebensraumtypen.

Das macht deutlich: Die ökologische Bedeutung der Buche erschöpft sich nicht in einigen wenigen Urwaldreservaten. Sie umfasst ein ganzes Spektrum unterschiedlicher Waldökosysteme.

5. Die besondere Stellung Kärntens zwischen Mitteleuropa und Illyrien

Gerade in Kärnten wird dieser Übergangscharakter besonders interessant.

Die südliche Lage, die inneralpine Topographie und die klimatischen Einflüsse des Alpenraums und des südöstlichen Europa schaffen Bedingungen, unter denen sich mitteleuropäische und illyrische Elemente begegnen können.

Das macht bestimmte Kärntner Buchenwälder zu biogeographisch besonders interessanten Übergangsräumen.

Die Illyrischen Rotbuchenwälder des Lebensraumtyps 91K0 gehören zum europäischen Natura-2000-System. Sie repräsentieren Buchenwälder des südöstlichen europäischen Raumes und besitzen damit eine andere regionale Eigenart als die klassischen mitteleuropäischen Buchenwälder.

Kärnten befindet sich damit an einer ökologisch besonders interessanten Schnittstelle.

Die Buche ist hier nicht nur Bestandteil einer mitteleuropäischen Waldlandschaft.

In bestimmten Regionen tritt sie in Kontakt mit südosteuropäischen, alpinen und wärmebegünstigten Florenelementen.

6. Das Obere Drautal – ein besonderes Kärntner Buchenwaldgebiet

Eine besondere Stellung nimmt nach den vegetationskundlichen Beobachtungen und Untersuchungen das Obere Drautal ein.

Hier findet sich eine besondere Landschaftssituation: Entlang der schattseitigen Hänge ziehen sich großräumige Buchen- und Buchenmischwälder durch das Tal. Sie bilden keine isolierten kleinen Waldinseln, sondern stehen in einem größeren landschaftlichen Zusammenhang.

Gerade diese räumliche Kontinuität ist ökologisch von Bedeutung. Ein zusammenhängender Wald ist mehr als die Summe einzelner Waldparzellen. Er ermöglicht den Austausch zwischen Populationen, bietet unterschiedliche Standorte und Entwicklungsphasen und bildet ein durchgehendes Lebensraummosaik.

Hinzu kommt die besondere biogeographische Situation des Tales. Das Obere Drautal liegt am südlichen Alpenrand und wird durch seine Lage südlich des Alpenhauptkammes klimatisch geprägt. Für das Natura-2000-Gebiet „Obere Drau“ beschreibt das Land Kärnten unter anderem die klimatischen Besonderheiten des oberen Drautales und seine Lage im Übergangsbereich des inneralpinen und südlichen Alpenraumes.

Die hier vorkommenden Buchenwälder können deshalb als Übergangserscheinungen zwischen mitteleuropäischen und illyrischen Buchenwaldgesellschaften verstanden werden. Dazu kommen – abhängig von Standort und Exposition – alpine und wärmebegünstigte beziehungsweise südlich beeinflusste Florenelemente.

Besonders interessant sind dabei auch Bestände, in denen die Buche mit der Rotkiefer (Pinus sylvestris) in Beziehung tritt. Solche warmen oder trockeneren Sonderstandorte zeigen anschaulich, wie unterschiedlich Buchenwälder je nach Standort ausgebildet sein können. Auch aus dem Nationalpark Kalkalpen ist bekannt, dass auf warm-trockenen Standorten die Rotkiefer und andere Lichtbaumarten stärker in Buchenbestände eintreten können.

Die Besonderheit des Oberen Drautales liegt daher nicht darin, dass dort einfach „besonders viele Buchen“ stehen.

Sie liegt in der Verbindung verschiedener ökologischer und biogeographischer Elemente auf engem Raum.

7. Vom einzelnen Wald zum Landschaftsökosystem

Gerade hier wird der Unterschied zwischen einer isolierten Waldfläche und einer zusammenhängenden Waldlandschaft sichtbar.

Ein Buchenwald besitzt nicht nur einen Wert innerhalb seiner eigenen Grenzen.

Er steht mit seiner Umgebung in Beziehung. Waldhänge beeinflussen das Lokalklima. Wälder halten Wasser zurück. Sie schützen Böden. Sie bieten Lebensraum. Sie verbinden verschiedene Höhenstufen und Landschaftsteile. Sie ermöglichen Wanderbewegungen von Tieren. Sie bilden Rückzugsräume für Pflanzenpopulationen. Und sie prägen das Landschaftsbild.

Ein großer zusammenhängender Wald erfüllt daher ökologische Funktionen, die einzelne kleine Waldreste nicht leisten können.

Fragmentierung ist deshalb mehr als Flächenverlust.

Wenn eine zusammenhängende Waldlandschaft durch Straßen, Trassen, technische Anlagen oder großflächige Rodungen durchschnitten wird, entstehen neue Waldränder, Störungszonen und Barrieren. Die ökologische Wirkung ist damit wesentlich größer als die reine Zahl der gerodeten Hektar vermuten lässt.

8. Warum Kärntens Buchenwälder nicht erst „Welterbe“ sein müssen

Hier liegt eine der wichtigsten Schlussfolgerungen aus dem Vergleich mit dem Nationalpark Kalkalpen.

Der Nationalpark ist geschützt, weil sein Naturwert erkannt wurde. Ein Teil seiner Buchenwälder ist darüber hinaus UNESCO-Weltnaturerbe, weil sie einen außergewöhnlichen universellen Wert besitzen.  Aber daraus darf nicht der Umkehrschluss gezogen werden: Nur was UNESCO-Welterbe ist, ist schützenswert. Das wäre ökologisch falsch. Das Welterbe repräsentiert besonders herausragende Teile eines viel größeren Naturzusammenhangs.

Auch außerhalb der Welterbestätten existieren wertvolle Buchenwälder, Buchenmischwälder, Übergangswälder und andere naturnahe Waldökosysteme.

Österreichs eigene Daten zeigen zudem, wie stark die tatsächliche Verbreitung der Buche hinter ihrer potenziell natürlichen Bedeutung zurückbleibt.

Auf den Flächen, die als potenzielle natürliche Buchenwaldstandorte klassifiziert werden, sind tatsächlich nur rund 28 % mit Buchenbeständen bestockt; auf potenziellen Fichten-Tannen-Buchenwaldstandorten beträgt der Anteil der Buchenbestände sogar nur rund 13 %.

Das macht die verbliebenen naturnahen Buchenwälder umso wertvoller.

9. Die Kärntner Wälder sind Teil eines größeren europäischen Zusammenhangs

Ein weiterer wichtiger Gedanke ist die ökologische Kontinuität über politische Grenzen hinweg. Die Buche kennt keine Landesgrenzen.

Ihre Verbreitung reicht von den westlichen und nördlichen Teilen ihres Areals bis in die Alpen, den Balkan und andere südosteuropäische Regionen. Die europäischen UNESCO-Buchenwälder dokumentieren gerade diese großräumige Entwicklung der Art seit der letzten Eiszeit.

Der Nationalpark Kalkalpen ist daher nicht einfach ein „oberösterreichischer Buchenwald“. Das Wildnisgebiet Dürrenstein-Lassingtal ist nicht einfach ein „niederösterreichischer Urwald“.Und die Buchenwälder Kärntens sind nicht lediglich lokale Waldreste. Sie sind Bestandteile einer europäischen Waldgeschichte. Dabei besitzt jede Region ihre eigene Ausprägung. Der Wert liegt gerade in dieser Vielfalt.

10. Vom geschützten Referenzgebiet zum gefährdeten Landschaftsraum

Der Vergleich mit dem Nationalpark Kalkalpen führt deshalb zu einer entscheidenden Frage:

Was wäre, wenn man die dort heute geschützten Buchenwälder vor ihrer Unterschutzstellung lediglich als einzelne Waldflächen betrachtet hätte?

Man hätte möglicherweise einzelne Bäume gesehen. Forstflächen. Hänge. Parzellen. Holzvorräte. Aber nicht das gesamte Ökosystem. Nicht die Jahrhunderte der Waldentwicklung. Nicht die Verbindung zwischen den Lebensräumen. Nicht die europäische Bedeutung.

Der Nationalpark Kalkalpen zeigt uns heute, was entsteht beziehungsweise erhalten bleibt, wenn eine solche Sichtweise überwunden wird.

Genau diese umfassendere Betrachtung ist auch für Kärnten notwendig.

11. Was jetzt in Kärnten auf dem Spiel steht

Die verbliebenen Buchen- und Buchenmischwälder Ober- und Mittelkärntens sind keine beliebig austauschbaren Waldflächen.

Sie sind Teil einer Landschaft, die über lange Zeiträume entstanden ist.

Wo naturnahe Bestände noch großflächig vorhanden sind, ist ihre Erhaltung besonders wertvoll.

Wo sie seltene Waldgesellschaften oder Übergangsformen repräsentieren, steigt ihre wissenschaftliche Bedeutung.

Wo sie miteinander verbunden sind, besitzen sie eine zusätzliche landschaftsökologische Funktion.

Wo sie alte Bäume, Totholz, natürliche Waldstrukturen und eine hohe Artenvielfalt enthalten, tragen sie ökologische Qualitäten in sich, die nicht kurzfristig wiederhergestellt werden können.

Gerade deshalb ist es problematisch, solche Wälder erst dann als schützenswert anzusehen, wenn ihre Zerstörung unmittelbar bevorsteht.

Naturschutz sollte nicht erst die letzten Reste schützen. Er sollte auch verhindern, dass aus zusammenhängenden Waldlandschaften isolierte Reste werden.

12. Das Obere Drautal als Beispiel für diese Verantwortung

Das gilt in besonderem Maße für das Obere Drautal.

Die dortigen Buchen- und Buchenmischwälder bilden einen eigenständigen Naturraum mit besonderen Übergangscharakteren. Ihre Bedeutung liegt nicht nur in einzelnen seltenen Pflanzenarten oder einzelnen besonders alten Bäumen. Sie liegt im Zusammenspiel von Waldgesellschaften, Standorten, Arten, Landschaft und räumlicher Vernetzung.

Gerade deshalb wäre die großflächige Rodung und Fragmentierung solcher Wälder für eine Höchstspannungsleitung oder andere großtechnische Infrastruktur ökologisch nicht als bloßer Verlust einzelner Bäume zu verstehen. Eine Trasse durchschneidet einen Wald dauerhaft. Sie zerlegt einen geschlossenen Bestand in Teilflächen. Sie schafft Waldränder, wo zuvor Waldinneres war.

Sie verändert Lebensräume verändern und unterbricht ökologische Verbindungen. Sie zerstört die Landschaft eines ganzen Tales.

13. Schutz bedeutet nicht Stillstand

Der Schutz solcher Wälder bedeutet allerdings nicht, dass jede menschliche Tätigkeit aus ihnen verschwinden müsste.

Naturschutz und Waldökologie verlangen keine romantische Vorstellung einer völlig menschenleeren Natur. Entscheidend ist vielmehr, welche Eingriffe ein Ökosystem verkraftet, welche Funktionen erhalten bleiben und wo die Grenze der Belastbarkeit erreicht wird. Ein Wald kann bewirtschaftet werden und dennoch wertvolle ökologische Funktionen erfüllen. Ein anderer Wald kann aufgrund seiner Naturnähe oder Seltenheit einen besonders strengen Schutz benötigen. Wieder ein anderer kann als Verbindungskorridor zwischen Schutzgebieten von herausragender Bedeutung sein. Deshalb muss jeder Wald in seinem konkreten ökologischen Zusammenhang betrachtet werden.

Gerade das ist eine zentrale Lehre aus der Waldökologie.

14. Vom Beispiel Kalkalpen zur Aufgabe Kärntens

Der Nationalpark Kalkalpen zeigt uns, was wir gewinnen können, wenn wir einen großen Buchenwald dauerhaft schützen.

Die Kärntner Buchenwälder stellen uns vor die andere Aufgabe:

Erkennen wir ihren Wert rechtzeitig !

Noch bevor aus großen zusammenhängenden Waldlandschaften fragmentierte Restbestände geworden sind !

Noch bevor alte Bäume gefällt, Waldinnenbereiche zu Waldrändern gemacht und ökologische Verbindungen unterbrochen werden !

Noch bevor eine einzigartige Kombination verschiedener Florenelemente und Waldgesellschaften unwiederbringlich verändert ist !

Der Schutz des Nationalparks Kalkalpen ist ein Erfolg der Vergangenheit und Gegenwart.

Der Schutz der wertvollen Buchenwälder Kärntens ist dagegen eine Aufgabe der Gegenwart und Zukunft.

15. Was wir aus den Kalkalpen für Kärnten lernen können

Der Vergleich lässt sich auf einen einfachen Gedanken bringen:

Der Nationalpark Kalkalpen zeigt den Wert des Bewahrten.

Kärnten zeigt den Wert des noch Vorhandenen.

Im Kalkalpen-Nationalpark können wir erleben, wie sich große Buchenwaldökosysteme unter langfristigem Schutz entwickeln.

In Kärnten besitzen wir noch zahlreiche eigene Buchen- und Buchenmischwälder mit regionalen Besonderheiten, unterschiedlichen Waldgesellschaften und teilweise außergewöhnlichen Übergangscharakteren.

Ihr Wert besteht darin, dass sie heute noch existieren.

16. Eine europäische Verantwortung

Die europäische Buchenwaldgeschichte ist eine Geschichte von Ausbreitung, Anpassung und Veränderung – aber auch eine Geschichte des menschlichen Rückdrängens der natürlichen Wälder.

Die UNESCO beschreibt die verbliebenen alten Buchenwälder deshalb als Zeugnisse einer großräumigen ökologischen und evolutionsbiologischen Entwicklung. Wenn heute ein naturnaher Buchenwald erhalten wird, bewahren wir damit nicht nur einen lokalen Baumbestand. Wir bewahren einen Ausschnitt aus dieser europäischen Geschichte.

Das gilt für den Rothwald im Wildnisgebiet Dürrenstein-Lassingtal. Es gilt für die Buchenwälder des Nationalparks Kalkalpen. Es gilt auch für die wertvollen Buchenwälder Kärntens.

17. Vom Wissen zum Handeln

Der Nationalpark Kalkalpen zeigt, dass Schutz möglich ist. Er zeigt, dass aus einer scheinbar „ungenutzten“ Waldfläche ein europäisch bedeutendes Naturerbe werden kann.

Die Konsequenz sollte sein, die noch vorhandenen wertvollen Wälder zu erkennen, bevor sie verloren gehen. Was heute noch lebt, kann geschützt werden. Was zerstört ist, kann oft nur noch dokumentiert werden.

19. Zwei Aufgaben – ein gemeinsames Ziel

Der Nationalpark Kalkalpen steht für die Bewahrung.

Er zeigt, was möglich wird, wenn wir einem Buchenwald langfristig Raum geben und seine natürlichen Prozesse respektieren.

Die Buchenwälder Ober- und Mittelkärntens stehen für die Verantwortung.

Sie zeigen, dass auch außerhalb der großen internationalen Schutzgebiete außergewöhnliche Waldlebensräume existieren, deren Wert erkannt, untersucht und bewahrt werden muss.


Zentrale Quellen und weiterführende Literatur

  • Österreichische UNESCO-Kommission: Alte Buchenwälder und Buchenurwälder der Karpaten und anderer Regionen Europas – Grundlagen, Welterbekriterien, österreichische Teilgebiete und wissenschaftliche Literatur.
  • Nationalpark Kalkalpen: Informationen zu Buchenwäldern, Waldgesellschaften, Höhenstufen und ökologischer Vielfalt.
  • Nationalpark Kalkalpen, Schriftenreihe: Natürliche Buchenwälder des Nationalparks Kalkalpen – ausführliche vegetationskundliche Darstellung der Buchenwaldgesellschaften.
  • Waldwissen.net: Verbreitung der Buche in Österreich – aktuelle Bedeutung und tatsächliche Verbreitung der Buche im Verhältnis zu ihrer potenziell natürlichen Verbreitung.
  • Natura 2000 Wald Österreich: Buchenwälder, Buchenmischwälder – Darstellung der europäischen Buchenwald-Lebensraumtypen einschließlich des illyrischen Rotbuchenwaldes 91K0.
  • Land Kärnten, Naturrauminformationssystem NIS-K: Vegetationskundliche Kartierungsgrundlagen und Definitionen verschiedener Kärntner Buchenwaldtypen.
  • Land Kärnten: Monitoring Natura-2000-Gebiet „Obere Drau“ – naturräumliche und klimatische Grundlagen des Oberen Drautales.
  • Österreichische UNESCO-Kommission: weiterführende Literatur u. a. Bohn & Gollub (2007), Czajkowski et al. (2006) sowie Krisai & Wimmer (2000).

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