Die Megamaschine und das alchemistische Kriegssystem nach Dr. Claudia von Werlhof
Eine andere Perspektive auf die Zerstörung des Lebendigen
Die bisher betrachteten Themen – Technokratie, Energie, Digitalisierung, industrielle Landschaftsveränderung, Militarisierung, Rechenzentren, Stromnetze, Wasserkraft, Windkraft und die zunehmende technische Durchdringung der Natur – können als einzelne Entwicklungen betrachtet werden.
Claudia von Werlhof schlägt eine andere Betrachtungsweise vor.
Sie fragt: Welches historische System bringt immer wieder genau diese Art von Zerstörung hervor ?
Ihre Antwort ist die Theorie des „alchemistischen Kriegssystems“, die sie auch als Megamaschine beziehungsweise als historisch gewachsenes kapitalistisches Patriarchat beschreibt.
Nach Werlhofs Analyse handelt es sich dabei nicht lediglich um eine bestimmte Wirtschaftsordnung oder eine politische Herrschaftsform.
Sie versteht das Patriarchat vielmehr als ein über Jahrtausende entstandenes Zivilisationssystem, dessen grundlegende Logik auf der Umkehrung und technischen Überformung der natürlichen Welt beruhe.
Die moderne Zivilisation ist demnach nicht der Anfang dieses Prozesses. Sie ist seine bisher weitest entwickelte Form.
Werlhof datiert die Entstehung dieser Entwicklung in die patriarchalen Zivilisationen der Antike und spricht von einer mehrere Jahrtausende zurückreichenden Geschichte. In verschiedenen Darstellungen beschreibt sie die Entwicklung als etwa 5.000 bis 6.000 Jahre alten Prozess.
Damit verschiebt sich der Blick auf Naturzerstörung grundlegend. Die heutige Zerstörung von Wäldern, Flüssen, Böden und Lebensräumen ist nach dieser Perspektive nicht einfach die unbeabsichtigte Nebenwirkung moderner Technik. Sie ist Ausdruck eines sehr viel älteren Zivilisationsprojektes.
Die Grundidee: Schöpfung aus Zerstörung
Im Mittelpunkt von Werlhofs Theorie steht ein scheinbares Paradox:
Etwas Neues wird geschaffen, indem das Bestehende zunächst zerstört wird. Und das Neue ist ausserdem besser als das ursprünglich Bestehende.
Sie bezeichnet dies als „Schöpfung aus Zerstörung“.
Dabei greift sie auf die Idee der Alchemie zurück. Die historische Alchemie habe versucht, Stoffe zu verwandeln, zu reinigen, aufzulösen und neu zusammenzusetzen. Werlhof überträgt diese Logik auf die gesamte Zivilisation.
Natur wird zunächst zerlegt. Ihre Bestandteile werden herausgelöst. Sie werden verarbeitet. Sie werden technisch verändert und anschließend werden sie zu etwas Neuem zusammengesetzt. Das Ergebnis wird als höherwertige, künstlich geschaffene Form verstanden.
Nach Werlhofs Darstellung liegt darin die grundlegende Logik dessen, was sie Alchemie nennt –
und die moderne Technik führt diese Logik in immer größerem Maßstab fort.
Der Wald wird zu Holz. Der Fluss wird zu Energie. Der Boden wird zum Baugrund. Das Erz wird zu Metall. Der Rohstoff wird zum Produkt. Die Landschaft wird zur Infrastruktur. Die natürliche Information wird zur Datenbank. Der menschliche Körper wird zum medizinisch oder technisch manipulierbaren System. Schließlich wird sogar das Leben selbst zum Gegenstand technischer Rekonstruktion.
Vom Patriarchat zur technischen Welt
Werlhof versteht Patriarchat deshalb nicht als Herrschaft von Männern über Frauen.
In ihrer Kritischen Patriarchatstheorie bezeichnet Patriarchat eine umfassendere Zivilisationsstruktur.
Sie beschreibt einen historischen Übergang von einer von ihr als matriarchal bezeichneten, naturverbundenen Zivilisationsform zu einer patriarchalen Ordnung, in der Natur, Frauen und reproduktive Lebensprozesse zunehmend unterworfen, kontrolliert und technisch ersetzt werden sollen.
Der entscheidende Gegensatz lautet dabei:
Natur als ursprüngliche Schöpfung
gegen
künstliche Schöpfung durch den Menschen.
Werlhof sieht darin den eigentlichen Kern des patriarchalen Projektes. Nicht mehr die Natur soll die Grundlage der Welt bilden. Der Mensch soll selbst zum Schöpfer einer neuen Welt werden. Eine Welt, die nicht mehr von natürlicher Reproduktion, natürlichen Grenzen und natürlichen Kreisläufen abhängig ist. Eine Welt, die künstlich produziert wird. Eine Welt, die kontrolliert werden kann. Eine Welt, die technisch funktioniert.
Die „Megamaschine“
Hier kommt der Begriff der Megamaschine ins Spiel. Werlhof greift damit eine ältere technikkritische Tradition auf, insbesondere Lewis Mumfords Begriff der Megamaschine, und entwickelt ihn im Rahmen ihrer Patriarchatskritik weiter.
Die Megamaschine ist nicht einfach eine einzelne Maschine.
Sie ist eine Gesamtmaschine. Menschen.Technik. Wirtschaft. Staat. Militär. Wissenschaft. Kapital. Infrastruktur. Energie. Ressourcen. Daten. Organisation. Produktion.
All diese Bereiche werden miteinander verbunden. Die Maschine wird dadurch größer als jede einzelne technische Anlage. Sie wird zu einem gesellschaftlichen Gesamtsystem.
Werlhof beschreibt die Megamaschine als die Utopie einer Welt, in der die ursprüngliche Natur zunehmend durch eine künstlich erzeugte, maschinenförmig organisierte Welt ersetzt werden soll. In ihrer jüngeren Darstellung verbindet sie diese Entwicklung ausdrücklich mit Kapitalismus, Digitalisierung, künstlicher Intelligenz und Transhumanismus.
Warum der Kapitalismus für Werlhof entscheidend ist
Der Kapitalismus ist in dieser Theorie nicht der Ursprung des gesamten Systems. Er ist dessen Beschleuniger. Das ist ein wesentlicher Unterschied. Die patriarchale Grundstruktur existiert nach Werlhofs Darstellung bereits lange vor dem modernen Kapitalismus. Der Kapitalismus entwickelt jedoch eine Wirtschaftsform, die Zerstörung und Umwandlung besonders stark vorantreibt, weil aus der Umwandlung von Natur in Waren Profit entsteht.
Natur wird Rohstoff. Rohstoff wird Produkt. Produkt wird Ware. Ware wird Kapital. Kapital wird erneut investiert. Und erneut wird Natur in Rohstoff verwandelt. Dadurch entsteht ein Kreislauf permanenter Expansion.
In dieser Perspektive ist die Natur nicht das Ziel des Wirtschaftens. Sie ist das Material, aus dem eine künstliche Welt hergestellt wird.
Die fünf grundlegenden Verhältnisse
Werlhof betrachtet die moderne Zivilisation als Zusammenspiel mehrerer grundlegender Verhältnisse.
Dazu gehören in ihrer Analyse insbesondere:
Patriarchat als gesellschaftliche Herrschafts- und Geschlechterordnung,
Kapitalismus als ökonomisches System der Aneignung und Verwertung,
Krieg und Militarisierung als organisierte Form von Gewalt und Zerstörung,
Technik und Wissenschaft als Mittel zur Umwandlung und Beherrschung der Natur,
und
die Megamaschine als zunehmende Zusammenfassung dieser Elemente zu einem globalen technischen Gesamtsystem.
Diese Bereiche sind für Werlhof keine voneinander unabhängigen Entwicklungen.
Sie verstärken sich gegenseitig. Die Wirtschaft benötigt Technik. Die Technik benötigt Wissenschaft. Die Wissenschaft erzeugt neue Möglichkeiten. Der Staat organisiert Infrastruktur. Das Militär entwickelt und nutzt Hochtechnologien. Der Kapitalismus macht technische Innovation wirtschaftlich verwertbar. Und die Natur liefert die dafür benötigten Ressourcen.
So entsteht ein sich selbst verstärkendes System.
Krieg als Motor des Systems
Besonders wichtig ist dabei der Krieg.
Werlhof bezeichnet die moderne Zivilisation deshalb als „alchemistisches Kriegssystem“.
Krieg ist in dieser Betrachtung nicht nur ein gelegentliches Versagen politischer Beziehungen. Er ist eine institutionalisierte Form der Zerstörung. Und zugleich ein technologischer Entwicklungsmotor.
Militärische Forschung erzeugt neue Technologien. Neue Technologien erzeugen neue Waffen. Neue Waffen verändern die Kriegsführung. Neue Kriege erzeugen neue technische Anforderungen. Diese Anforderungen erzeugen wiederum neue Forschung.
So entsteht ein Kreislauf.
Die Geschichte moderner Technologie ist eng mit der Geschichte militärischer Entwicklung verbunden.
Rosalie Bertell untersucht genau diese Verbindung aus einer anderen Richtung. In Planet Earth: The Latest Weapon of War beschreibt sie die zunehmende Verbindung von militärischer Macht, wissenschaftlicher Forschung, Technologie und Eingriffen in die natürlichen Systeme der Erde. Ihre Untersuchung reicht von Nukleartechnologie und Waffenwirkungen bis zu militärischer Nutzung des Weltraums und den ökologischen Folgen moderner Kriegsführung.
Damit ergänzt Bertell Werlhofs Analyse an einem entscheidenden Punkt:
Das Militär ist nicht nur Nutzer der Megamaschine. Es ist ein wesentlicher Bereich ihrer technologischen Entwicklung.
Rosalie Bertell: Der Planet selbst wird zum Kriegsraum
Bertells Perspektive erweitert den Blick über den Boden hinaus.
Für sie ist der moderne Krieg nicht mehr auf das Schlachtfeld beschränkt. Atmosphäre. Ozeane. Boden. Wasser. Weltraum. Elektromagnetische Systeme. Radioaktivität. Chemische Stoffe. All dies ist Teil militärischer Aktivitäten.
Ihr Buch Planet Earth: The Latest Weapon of War untersucht deshalb ausdrücklich militärische Aktivitäten im Zusammenhang mit Umweltzerstörung, Weltraumtechnologien, nuklearen Systemen und langfristigen ökologischen Folgen.
In No Immediate Danger beschäftigte sie sich bereits mit radioaktiver Belastung und deren Auswirkungen auf die Biosphäre und den menschlichen Organismus.
Für Werlhofs Systemanalyse wird Bertell damit zu einer wichtigen Ergänzung:
Werlhof fragt nach der historischen Struktur, aus der die moderne Zivilisation hervorgegangen ist. Bertell untersucht die technischen und militärischen Konsequenzen, die dieses System hervorbringt.
Die Natur wird zur „toten Materie“
Ein besonders wichtiger Punkt in Werlhofs Theorie betrifft das Verhältnis von Wissenschaft und Natur.
Sie beschreibt die Entwicklung der modernen Wissenschaft als einen Prozess, in dem Natur zunehmend als tote Materie verstanden wird. Wenn Natur nicht mehr als lebendig betrachtet wird, kann sie technisch zerlegt werden. Man kann sie auseinandernehmen. Man kann ihre Bestandteile isolieren. Man kann sie verändern. Man kann sie kombinieren. Man kann sie technisch reproduzieren.
Damit wird möglich, was Werlhof als alchemistische Umkehrung bezeichnet:
Das Leben wird zerstört, um daraus etwas Künstliches herzustellen, das anschließend als höherwertige Form des Lebens erscheint.
In ihrem neueren Text über die Megamaschine beschreibt sie genau diese Entwicklung: Die moderne Wissenschaft habe Natur zunehmend auf physikalisch-chemische Prozesse reduziert, während die Maschine gleichzeitig als mögliche neue Form von „Leben“ erscheinen könne.
Hier sieht Werlhof eine direkte Verbindung zur Gegenwart.
Von der Maschine zur künstlichen Intelligenz
Die Maschine ist in dieser Theorie deshalb nicht das Ende. Sie ist eine Entwicklungsstufe. Die mechanische Maschine wird zur industriellen Maschine. Die industrielle Maschine wird zur automatisierten Maschine. Die automatisierte Maschine wird zur digitalen Maschine. Die digitale Maschine wird zur lernenden Maschine. Und schließlich entsteht die Vorstellung einer künstlichen Intelligenz, die nicht nur rechnen, sondern selbstständig erkennen, lernen, entscheiden und schöpferisch tätig sein kann.
Werlhof interpretiert diese Entwicklung als Fortsetzung derselben historischen Bewegung.
Die Natur soll nicht mehr nur kontrolliert werden. Sie soll ersetzt werden.
Die künstliche Welt soll schließlich leistungsfähiger erscheinen als die natürliche Welt. Die Maschine soll intelligenter sein als der Mensch. Der künstliche Organismus soll leistungsfähiger sein als der biologische Organismus. Der künstliche „Mensch“ soll den natürlichen Menschen übertreffen.
In ihrer jüngeren Analyse verbindet Werlhof diese Entwicklung ausdrücklich mit künstlicher Intelligenz, Robotik, Digitalisierung, Transhumanismus und der Vorstellung eines technisch verbesserten Menschen.
Der Transhumanismus als Endpunkt der Entwicklung
Hier erhält die Megamaschine eine neue Dimension. Wenn der Mensch selbst Teil der Maschine wird, verschwindet nach Werlhofs Logik die letzte Grenze zwischen Natur und Technik. Der Mensch ist dann nicht mehr nur Benutzer der Maschine. Er wird selbst zur Maschine. Körper können technisch erweitert werden. Gehirne können digital unterstützt werden. Genetische Prozesse können verändert werden. Künstliche Intelligenz kann Entscheidungen übernehmen. Biologische Funktionen können durch technische Systeme ergänzt oder ersetzt werden.
Damit wird das ursprüngliche Leben nicht mehr als höchste Form betrachtet. Die künstlich geschaffene Form soll an seine Stelle treten.
Werlhof beschreibt dies als Konsequenz des patriarchalen Projekts einer künstlichen Neuschöpfung der Welt.
Die Digitalisierung als nächste Stufe der Megamaschine
Damit schließt sich der Kreis zu unserer vorherigen Betrachtung der Digitalisierung.
Smart Forest. Smart Agriculture. Smart City. Smart Grid. Smart Home. Smart Factory. Smart Mobility. Smart Health. Künstliche Intelligenz. Internet of Things. Internet of Bodies. Satellitennetze. Rechenzentren.Digitale Identitäten.
Immer mehr Bereiche werden miteinander verbunden.Aus vielen einzelnen Maschinen entsteht ein Netzwerk. Aus dem Netzwerk entsteht ein Gesamtsystem.
Aus dem Gesamtsystem entsteht die digitale Megamaschine.
Die Natur, der Mensch, der energieverbrauch, das Wetter, der Wald, der Boden, das Wasser, die Bewegungen, die Kommunikation wird dabei zunehmend vermessen.
Alles, was gemessen werden kann, kann in ein technisches Steuerungssystem integriert werden. Damit verbindet sich Werlhofs Analyse unmittelbar mit dem Begriff der Technokratie.
Technokratie als Organisationsform der Megamaschine
Patrick Wood beschreibt Technokratie als ein System, in dem gesellschaftliche Prozesse zunehmend nach technischen, quantifizierbaren und systemischen Kriterien organisiert werden.
Werlhof geht historisch tiefer.
Sie fragt: Warum entsteht überhaupt der Drang, alles in eine Maschine zu verwandeln ?
Ihre Antwort lautet:
Weil die Megamaschine die konsequente Weiterentwicklung einer jahrtausendealten patriarchalen Zivilisation sei.
Technokratie ist dann die Regierungs- und Organisationsform einer immer stärker maschinisierten Welt. Digitalisierung ist ihr technisches Nervensystem. Kapitalismus ist ihr ökonomischer Motor. Das Militär ist ein zentraler Bereich organisierter Gewalt und technologischer Entwicklung. Und die Natur ist die Ressourcenbasis, aus der das System seine materielle Existenz gewinnt.
Die Energiefrage
Damit bekommt auch die Energiefrage eine grundlegend andere Bedeutung. Die Megamaschine benötigt Energie. Immer mehr Maschinen benötigen Energie. Immer mehr Digitalisierung benötigt Energie. Rechenzentren benötigen Energie. Künstliche Intelligenz benötigt Energie. Satellitensysteme, Elektromobilitä, Industrie und Militär benötigen Energie. Und die Infrastruktur, die diese Systeme verbindet, benötigt ebenfalls Energie.
Damit entsteht ein selbstverstärkender Kreislauf:
Mehr Technik → mehr Energiebedarf → mehr Energieinfrastruktur → mehr Rohstoffbedarf → mehr Landschaftseingriffe → mehr Technik zur Steuerung des Systems.
Genau hier werden die vorherigen Themen dieser Webseite zu Bestandteilen eines Gesamtbildes.
Die 380-kV-Leitung ist nicht nur eine Leitung. Die Wasserkraftanlage ist nicht nur ein Kraftwerk. Das Rechenzentrum ist nicht nur ein Gebäude. Der Windpark ist nicht nur eine Energieanlage. Der Satellit ist nicht nur ein Kommunikationsgerät. Der Militärflugplatz ist nicht nur eine militärische Einrichtung.
Sie alle können als Bestandteile eines immer größeren technischen Gesamtsystems betrachtet werden.
Und die Natur ?
Hier liegt der entscheidende Punkt für die Waldökologie.
Die Natur benötigt keine Megamaschine. Die Megamaschine benötigt die Natur. Sie benötigt Metalle, Mineralien, Holz, Energie, Flächen, Böden, Ökosysteme, Atmosphäre und menschliche Arbeitskraft. Die Natur wird deshalb zur Grundlage der technischen Welt.
Doch je weiter die technische Welt wächst, desto stärker wird die natürliche Welt verändert. Wald wird gerodet. Flüsse werden verbaut. Berge werden durch Straßen, Tunnel und Leitungen erschlossen. Böden werden versiegelt. Rohstoffe werden abgebaut. Landschaften werden fragmentiert. Wasser wird umgeleitet.
Lebensräume werden in technische Nutzflächen verwandelt.
Aus Werlhofs Sicht handelt es sich dabei nicht um voneinander unabhängige Fehlentwicklungen.
Es handelt sich um verschiedene Erscheinungsformen derselben Grundbewegung:
Die natürliche Welt wird in eine künstliche Welt umgewandelt.
Die Landschaft als Material
Damit bekommt auch der Begriff „Landschaftszerstörung“ eine tiefere Bedeutung.
Ein Tal ist in der technischen Betrachtung ein Raum. Eine Leitung benötigt eine Trasse. Ein Kraftwerk benötigt einen Standort. Ein Windpark benötigt eine Fläche. Ein Rechenzentrum benötigt einen Bauplatz. Eine Straße benötigt einen Korridor. Ein Militärgelände benötigt Raum.
Die Landschaft wird dadurch zunehmend nach ihrer technischen Verfügbarkeit betrachtet.
Für die Waldökologie ist jedoch entscheidend, dass ein Wald nicht lediglich eine Fläche ist.
Die natürliche Welt wird als Material für die künstliche Welt behandelt.
Die „Schöpfung aus Zerstörung“
Damit lässt sich Werlhofs zentraler Begriff noch einmal zusammenfassen.
Ein Wald wird zerstört – daraus entsteht Energieinfrastruktur. Ein Berg wird abgebaut – daraus entstehen Metalle. Ein Fluss wird verändert – daraus entsteht Strom. Rohstoffe werden gewonnen – daraus entstehen Maschinen. Maschinen werden gebaut – daraus entsteht Produktion. Natur wird in Waren verwandelt. Waren erzeugen Kapital. Kapital finanziert neue Technik. Neue Technik benötigt neue Rohstoffe. Und der Kreislauf beginnt von vorne.
Die Zerstörung ist in dieser Perspektive nicht das Gegenteil der Produktion.
Sie ist deren Voraussetzung. Das bezeichnet Werlhof als „Schöpfung aus Zerstörung“.
Vom Naturraum zur Megamaschine
Aus dieser Perspektive lässt sich auch das Obere Drautal anders betrachten.
Ein Tal kann als Natur- und Kulturraum verstanden werden. Oder als Bestandteil eines europäischen Energie- und Infrastrukturnetzes. Der Fluss kann als lebendiger Lebensraum verstanden werden. Oder als Energiepotenzial. Der Wald kann als Ökosystem verstanden werden. Oder als Fläche. Der Berg kann als Landschaft verstanden werden. Oder als Standort für technische Infrastruktur. Der Raum kann als Heimat verstanden werden. Oder als Korridor für Energie, Verkehr und Kommunikation.
Diese unterschiedlichen Betrachtungsweisen existieren gleichzeitig.
Der Mensch innerhalb der Megamaschine
Der Mensch steht dabei nicht außerhalb. Auch er wird zunehmend Bestandteil des Systems. Er wird zunehmend mit digitalen Systemen verbunden.
Nicht nur die Natur wird technisch umgeformt. Der Mensch selbst wird umgeformt. Die Grenze zwischen natürlichem Menschen und künstlichem System wird zunehmend unscharf.
Dies ist der Zusammenhang zwischen Megamaschine, Digitalisierung, künstlicher Intelligenz und Transhumanismus.
Die Welt als Maschine
Die eigentliche Utopie der Megamaschine besteht nach Werlhof deshalb nicht darin, einzelne Maschinen zu besitzen.
Die Utopie besteht darin, die gesamte Welt maschinenförmig zu organisieren.
Eine Welt, in der alles berechenbar ist. Alles steuerbar. Alles verfügbar, produzierbar, ersetzbar, optimierbar.
Die Natur wäre nicht mehr die Grundlage des Lebens. Sie wäre lediglich das Ausgangsmaterial für die Konstruktion einer künstlichen Welt.
Warum Werlhof von einem „Krieg gegen die Natur“ spricht
Der Ausdruck „Kriegssystem“ erhält vor diesem Hintergrund eine besondere Bedeutung. Es geht nicht ausschließlich um bewaffnete Kriege. Es geht um eine dauerhafte Konfrontation mit der natürlichen Ordnung.
Werlhof beschreibt die patriarchale Zivilisation deshalb als ein System, das letztlich versucht, die natürliche Ordnung durch eine künstliche Ordnung zu ersetzen. Der „Krieg“ ist in diesem Sinne ein Verhältnis zur Natur. Die Natur soll nicht mehr einfach bestehen dürfen. Sie soll umgebaut werden.
Bertell und Werlhof: zwei Perspektiven auf dieselbe Entwicklung
Hier treffen sich die beiden Denkerinnen.
Rosalie Bertell zeigt, wie militärische Wissenschaft und Technologie direkt in die natürlichen Systeme der Erde eingreifen können.
Claudia von Werlhof fragt, warum eine Zivilisation überhaupt eine solche technische Entwicklung hervorbringt.
Die entscheidende Frage für die Waldökologie
Was geschieht mit dem Lebendigen, wenn eine Zivilisation immer größere Teile der Welt nach den Prinzipien von Maschine, Krieg, Produktion, Verwertung und technischer Kontrolle organisiert?
Werlhofs Antwort ist eindeutig:
Die natürliche Welt wird schrittweise in eine künstliche Welt umgewandelt.
Die Zerstörung des Lebendigen ist dabei nicht lediglich ein Unfall. Sie gehört zur inneren Logik des Systems.
Die letzte Konsequenz: eine Welt ohne Natur?
Wenn das Ziel tatsächlich darin besteht, Natur technisch zu ersetzen, stellt sich irgendwann die Frage:
Was bleibt von der Natur übrig, wenn alles technisch hergestellt werden soll?
Was geschieht mit einem Menschen, wenn sein Körper technisch optimiert und seine Fähigkeiten durch Maschinen ersetzt werden? Was geschieht mit dem Wald, wenn seine Funktionen vollständig technisch nachgebildet werden sollen? Was geschieht mit dem Wasser, wenn seine Nutzung vollständig technisch gesteuert wird? Was geschieht mit dem Klima, wenn es selbst als technisches Steuerungsproblem behandelt wird? Was geschieht mit dem Leben, wenn künstliche Intelligenz und Maschinen als mögliche bessere Formen des Lebens betrachtet werden?
Hier sieht Werlhof den Endpunkt der Megamaschine.
Nicht eine bessere Nutzung der Natur.
Sondern ihre Ersetzung durch das Künstliche.
Sie bezeichnet diese Entwicklung in ihren neueren Arbeiten als eine Form der künstlichen „Neuschöpfung“ der Welt und verbindet sie mit der Entwicklung von KI, Robotik und Transhumanismus.
Die Bedeutung für die Gegenwart
Damit erhält auch die heutige Naturzerstörung eine andere Bedeutung.
Wenn ein Wald für eine Stromleitung gerodet wird, ist das zunächst eine einzelne Maßnahme. Wenn Flüsse für Energiegewinnung verändert werden, sind es einzelne Kraftwerke. Wenn Landschaften für Windkraft verändert werden, sind es einzelne Energieanlagen. Wenn Berge für Rohstoffe abgebaut werden, sind es einzelne Bergwerke. Wenn Rechenzentren gebaut werden, sind es einzelne Industrieanlagen. Wenn militärische Systeme entwickelt werden, sind es einzelne Rüstungsprojekte.
Doch Werlhofs Perspektive fordert dazu auf, hinter diesen Einzelmaßnahmen das gemeinsame Zivilisationsprinzip zu betrachten.
Die Frage nach dem System
Werlhofs Analyse richtet sich deshalb nicht primär gegen eine einzelne Technologie.
Sie stellt eine grundlegendere Frage:
Welches Verhältnis zwischen Mensch und Natur wird durch die moderne Zivilisation hervorgebracht?
Eine Technologie kann dem Leben dienen. Eine andere kann es zerstören. Eine Maschine kann Arbeit erleichtern. Eine andere kann Menschen ersetzen. Digitale Systeme können Wissen verbreiten. Andere können Überwachung ermöglichen. Energie kann Leben ermöglichen. Ihre Erzeugung kann gleichzeitig Landschaft zerstören.
Die entscheidende Frage ist die Logik, nach der Technik eingesetzt wird.
Das große Bild
So ergibt sich schließlich ein umfassendes Bild:
Vor mehreren Jahrtausenden beginnt ein historischer Prozess der Patriarchalisierung. Die Natur wird zunehmend als etwas betrachtet, das beherrscht, angeeignet und verändert werden kann. Die Alchemie entwickelt die Vorstellung einer künstlichen Umwandlung der Materie. Die Maschine macht diese Umwandlung technisch möglich. Der Kapitalismus macht sie wirtschaftlich profitabel. Der Staat organisiert sie politisch. Das Militär entwickelt und nutzt ihre Technologien. Die Wissenschaft liefert die Erkenntnisse. Die Industrie produziert die Maschinen. Die Digitalisierung verbindet sie. Die künstliche Intelligenz erweitert ihre Fähigkeiten. Der Transhumanismus richtet die technische Umwandlung schließlich auf den Menschen selbst.
Die Megamaschine wird zum umfassenden Bild dieser Entwicklung. Ihre materielle Grundlage bleibt jedoch die Natur.
Deshalb entsteht der zentrale Widerspruch:
Je weiter die künstliche Welt wächst, desto mehr natürliche Welt wird benötigt, verbraucht und umgewandelt.
Die Frage nach der Welt, die wir schaffen
Claudia von Werlhofs Theorie des alchemistischen Kriegssystems und der Megamaschine bietet damit einen grundlegend anderen Blick auf die Naturzerstörung.
Sie fragt nicht nur nach den unmittelbaren Verursachern. Sie fragt nach dem Zivilisationsmodell dahinter. Nach ihrer Analyse leben wir nicht einfach in einer Welt, in der gelegentlich Fehler gemacht werden.
Wir leben in einem historisch gewachsenen System, dessen Entwicklung auf der zunehmenden technischen Umwandlung der natürlichen Welt beruht.
Und dieses System benötigt für seine weitere Entwicklung genau das, was es gleichzeitig zerstört die lebendige Erde.
Aus Sicht der Waldökologie wird damit eine Frage sichtbar, die hinter allen einzelnen Projekten steht:
Wollen wir eine Welt, in der Natur Grundlage und Grenze menschlichen Lebens bleibt – oder eine Welt, in der die Natur zunehmend zum Rohstoff für eine technisch erzeugte Welt wird?
Literatur:
West-End (2004, 2010)
Vom diesseits der Utopie zum Jenseits der Gewalt (2010)
Die Verkehrung (2011)
Der unerkannte Kern der Krise: Die Moderne als Er-Schöpfung der Welt (2012)
Väter des Nichts – Vom Wahn einer Neuschöpfung der Welt, 2 Bände (2026)
