7.2 – Das Obere Drautal darf nicht zur Stromtrasse werden

Es gibt Landschaften, denen man sich verpflichtet fühlt. Das Obere Drautal gehört zu dieser Kategorie.

Wer hier lebt, erlebt eine Landschaft, die über Jahrhunderte gewachsen ist: die Berge, die Wälder, die Drau, die Wiesen und Weiden, die bäuerlichen Kulturlandschaften, die Dörfer und Höfe. Auf den schattseitigen Hängen finden sich wertvolle Buchen- und Buchenmischwälder; sonnseitig liegt eine harmonisch gewachsene Kulturlandschaft, die von Generationen geprägt wurde. Diese Landschaft ist kein leerer Raum. Sie ist Lebensraum. Sie ist Natur. Sie ist Heimat. Sie ist einzigartig.

Jetzt droht eine neue Dimension technischer Überprägung

Zwischen Lienz und Obersielach soll eine neue 380-kV-Höchstspannungsleitung errichtet werden. Das Projekt „Netzraum Kärnten“ umfasst nach den aktuellen Angaben rund 192 Kilometer neue 380-kV-Leitung, rund 173 Kilometer Mitführung der 110-kV-Leitung und betrifft 36 Gemeinden. Die Grobtrasse wurde in einer Breite von etwa 200 bis 1.000 Metern untersucht; die konkrete Feintrasse soll erst im weiteren Planungsverfahren festgelegt werden.

Das bedeutet eine technische Infrastruktur von einer Größenordnung, die das Landschaftsbild ganzer Regionen über Jahrzehnte prägen wird.

Ist dieser Preis für dieses Tal wirklich verantwortbar?

Eine Landschaft ist mehr als eine Fläche auf einer Karte

Auf einer Karte erscheint eine Trasse als Linie. Im Gelände wird aus dieser Linie eine Realität. Masten ragen in den Himmel. Leiterseile überspannen Täler und Hänge. Wald wird geöffnet. Zufahrten werden benötigt. Arbeitsflächen entstehen. Waldränder verändern sich. Lebensräume werden zerschnitten.

Über allem entsteht eine neue technische Ordnung, die sich dauerhaft in das Landschaftsbild einschreibt.

Was auf einem Plan als Infrastruktur erscheint, wird vor Ort zu einem Bestandteil des täglichen Lebens. Zu einem Bestandteil des Blickfeldes. Zu einem Bestandteil der Heimat.

Deshalb darf die Diskussion nicht allein von Netztechnik, Energiebedarf und Wirtschaftlichkeit bestimmt werden.

Eine Landschaft hat einen eigenen Wert.

Die letzten zusammenhängenden Buchenwälder dürfen nicht zur Verfügungsmasse werden

Besonders betroffen sind jene Waldlandschaften, deren Wert gerade in ihrer Natürlichkeit und räumlichen Geschlossenheit liegt. Ein Buchenmischwald ist ein hochkomplexes Ökosystem. In ihm leben Bäume unterschiedlichen Alters, Pilze, Flechten, Moose, Insekten, Vögel, Fledermäuse und zahlreiche weitere Organismen. Der Wald speichert Kohlenstoff, reguliert Wasser, schützt Böden, beeinflusst das Mikroklima und verbindet Lebensräume. Sein ökologischer Wert steigt mit seiner Struktur, seinem Alter und seiner Kontinuität.

Deshalb ist die Frage einer neuen Stromtrasse im Wald nicht mit der simplen Aussage beantwortet: „Wir pflanzen an anderer Stelle wieder Bäume.“ Ein junger Aufforstungsbestand ist kein reifer oder gar alter Buchenwald.  Eine Ersatzpflanzung ist kein Ersatz für jahrzehnte- und jahrhundertelang gewachsene Waldstrukturen. Eine Ausgleichsfläche kann nicht einfach das zurückgeben, was an einem konkreten Ort verloren gegangen ist.

Zerschneidung ist Zerstörung

Besonders kritisch ist die Fragmentierung. Ein zusammenhängender Wald ist ökologisch etwas anderes als voneinander getrennte Waldinseln. Mit jeder neuen Schneise entstehen neue Waldränder. Licht, Wind, Temperatur und Feuchtigkeit verändern sich. Arten, die auf geschlossene Waldstrukturen angewiesen sind, werden beeinträchtigt.

Die Wirkung endet deshalb nicht an der Grenze der gerodeten Fläche. Sie reicht in den verbleibenden Wald hinein. Wir müssen den Wald als zusammenhängenden Lebensraum betrachten.

Das Tal darf kein technischer Korridor werden

Das Obere Drautal besitzt seine Schönheit gerade durch das Zusammenspiel seiner Elemente. Wald. Berg. Wiese. Wasser. Hof. Dorf. Kulturlandschaft. Diese Elemente bilden gemeinsam eine Identität.

Wird eines dieser Elemente massiv verändert, verändert sich das Ganze. Das ist das Wesen einer Landschaft. Eine technisch dominierte Infrastruktur kann deshalb nicht isoliert betrachtet werden. Sie verändert Wahrnehmung. Sie verändert Raumgefühl. Sie verändert Sichtbeziehungen. Sie verändert Landschaftsästhetik.

Und sie verändert auch das Verhältnis der Menschen zu ihrer Heimat.

Heimat kann man nicht kompensieren

Ein besonders wichtiger Aspekt wird in großen Infrastrukturverfahren leicht übersehen:

Man kann nicht einfach die Landschaft ersetzen, mit der Menschen seit Generationen verbunden sind. Wenn eine solche Landschaft ihre vertraute Gestalt verliert, ist das nicht bloß eine ästhetische Frage. Es ist eine gesellschaftliche Frage.

Wir verlangen nicht das Unmögliche

Wir verlangen, dass die Alternativen ernsthaft geprüft werden.

Wir verlangen, dass bestehende Infrastrukturkorridore konsequent berücksichtigt werden.

Wir verlangen, dass Waldökologie nicht nur als einzelne Schutzgut-Kategorie in einem Genehmigungsverfahren erscheint, sondern als Grundlage einer verantwortungsvollen Raumplanung.

Wir verlangen eine vollständige Betrachtung der kumulativen Auswirkungen.

Wir verlangen Transparenz.

Wir verlangen unabhängige fachliche Bewertung.

Wir verlangen, dass die Frage gestellt wird:

Muss eine solche Infrastruktur tatsächlich genau dort und genau in dieser Form errichtet werden?

Denn technisch möglich bedeutet nicht automatisch: ökologisch und ethisch verantwortbar.

Was heute entschieden wird, betrifft Generationen

Die heutige Generation wird die Entscheidung treffen. Die nächste Generation wird mit ihren Folgen leben. Wenn die Masten stehen, stehen sie nicht für fünf Jahre. Wenn Wald gerodet und zerschnitten wird, lässt sich die ursprüngliche Situation nicht einfach wiederherstellen. Wenn eine Landschaft ihren Charakter verliert, kann man ihn nicht per Bescheid zurückgeben. Deshalb muss heute über das Jahr 2030 hinausgedacht werden. Über 2050 hinaus. Über unsere eigene Lebenszeit hinaus.

Was hinterlassen wir?

Diese Frage ist der eigentliche Maßstab verantwortungsvoller Politik.

Natur darf nicht erst dann wertvoll werden, wenn sie in einem Schutzgebiet liegt.

Ein Wald ist nicht erst dann schützenswert, wenn ein Gesetz ihn ausdrücklich unter besonderen Schutz stellt.

Eine Landschaft ist nicht erst dann wertvoll, wenn sie touristisch vermarktet wird.

Und Heimat ist nicht erst dann schützenswert, wenn sie wirtschaftlich verwertbar ist.

Wir müssen wieder lernen, Dinge zu bewahren – weil sie wertvoll sind.

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