Die Buchenwälder des Oberen Drautales
Ein außergewöhnlicher Waldlandschaftskomplex zwischen Alpen und Illyrien
Das Obere Drautal besitzt eine Waldlandschaft, deren besondere Bedeutung erst sichtbar wird, wenn man den Wald nicht allein als Holzbestand, sondern als komplexes Ökosystem und als Teil einer einzigartigen Landschaftsgeschichte betrachtet.
Gerade die schattseitigen Hänge des Oberen Drautales beherbergen einen zusammenhängenden Komplex aus Buchen- und Buchenmischwäldern, der eine bemerkenswerte Übergangsstellung zwischen mitteleuropäischen und illyrisch geprägten Buchenwäldern einnimmt.
Hier treffen unterschiedliche floristische und klimatische Einflüsse aufeinander:
mitteleuropäische Waldarten verbinden sich mit südostalpinen und illyrischen Elementen;
hinzu kommen alpine Arten und –
an besonders begünstigten Standorten – auch Florenelemente mit mediterranem Charakter
sowie als besondere Spezialität: Rotkiefer – Buchen – Mischwälder.
Diese Verbindung verschiedener Florenräume macht die Wälder des Oberen Drautales zu einem außergewöhnlich interessanten Waldgebiet der Südostalpen.
Die pflanzensoziologischen Arbeiten von Kurt Zukrigl gehören zu den wichtigsten Grundlagen für das Verständnis dieser Buchenwälder. Seine Untersuchung der montanen Buchenwälder der Nordabdachung von Karawanken und Karnischen Alpen zeigt, wie eng die Zusammensetzung der Wälder mit Höhenlage, Exposition, Geologie, Boden, Wasserhaushalt und regionalem Klima verbunden ist. Die spätere Naturschutzforschung bestätigt die Bedeutung dieser Arbeiten für die Erfassung der illyrischen Buchenwälder Kärntens.

Ein Wald zwischen mehreren Florenwelten
Die besondere Stellung des Oberen Drautales liegt in seiner Übergangslage.
Die Region befindet sich nicht einfach innerhalb eines einheitlichen Vegetationsraumes. Vielmehr treffen hier unterschiedliche Einflüsse zusammen: mitteleuropäische Florenelemente, illyrische und südostalpine Arten, alpine Pflanzen, wärmeliebende Arten begünstigter Lagen sowie Elemente, die unter günstigen Bedingungen bis in den mediterran beeinflussten Raum reichen.
Gerade diese Überlagerung macht die Waldvegetation so einzigartig und wertvoll.
Zukrigls Untersuchungen zeigen, dass die Buchenwälder der Südostalpen gegenüber anderen österreichischen Buchenwaldgebieten eine besondere floristische Eigenständigkeit besitzen können. Auch die heutige österreichische Waldökologie unterscheidet deshalb eigene illyrische Buchenwaldgesellschaften und führt die Illyrischen Rotbuchenwälder (FFH-Lebensraumtyp 91K0) als eigenständigen Lebensraumtyp.
Das Obere Drautal liegt damit in einem ökologisch besonders interessanten Übergangsraum:
Mitteleuropa – Südostalpen – Illyrien – alpine Florenwelt.
Die Buche als verbindendes Element
Inmitten dieser unterschiedlichen Einflüsse besitzt die Rotbuche eine herausragende Stellung. Sie ist nicht einfach eine Baumart unter vielen. Sie bildet das strukturelle Rückgrat zahlreicher natürlicher Waldgesellschaften der montanen Stufe. Dabei tritt sie keineswegs überall in gleicher Form auf. Auf geeigneten Standorten entstehen Buchenwälder, Buchen-Tannen-Wälder, Buchen-Fichten-Tannen-Wälder, illyrische Buchenmischwälder, hochmontane Buchenwälder, sowie Übergänge zu anderen Waldgesellschaften.
Gerade diese Mischung und die Übergänge sind ökologisch besonders wertvoll.
Bartsch und Röhrig betrachten den Wald deshalb konsequent auf mehreren Ebenen: von der einzelnen Baumart über Populationen und Lebensgemeinschaften bis zum Waldökosystem und zur Landschaft. Waldökologie endet für sie nicht an der Bestandesgrenze.
Das ist für das Obere Drautal entscheidend. Denn der Wert dieser Landschaft liegt nicht in einem einzelnen Buchenbestand. Er liegt in der Gesamtheit der miteinander verbundenen Waldlebensräume.
Die schattseitigen Hänge – das stille Herz des Waldes
Besonders hervorzuheben sind die schattseitigen Hänge des Oberen Drautales. Hier herrschen Bedingungen, die sich deutlich von den wärmeren und trockeneren Südhängen unterscheiden wie geringere Sonneneinstrahlung, kühlere Mikroklimate, höhere Luftfeuchtigkeit, längere Schneebedeckung, geringere Verdunstung und günstigere Bodenfeuchte. Solche Standorte können ausgesprochen strukturreiche Buchenmischwälder hervorbringen.
Zukrigl beschreibt beispielsweise hochmontane, illyrisch-südalpine Buchenwaldgesellschaften, die gerade an ausgeprägten Schattlagen vorkommen. Für den von ihm beschriebenen Saxifrago rotundifoliae-Fagetum werden schattige, häufig tiefgründige Böden mit gut entwickeltem Mullhumus als typische Standorte angegeben.
Das macht die schattseitigen Waldhänge zu mehr als bloßen „Nordhängen“. Sie sind eigenständige ökologische Räume.

Ein Wald mit außergewöhnlicher Standortvielfalt
Die Besonderheit des Oberen Drautales wird noch deutlicher, wenn man den Untergrund betrachtet. Auf engem Raum wechseln unterschiedliche Gesteine, Böden und Reliefsituationen. Damit verändern sich auch die Waldgesellschaften. Auf kalk- und dolomitreichen Standorten können andere Buchenwaldgesellschaften entstehen als auf silikatischen oder stärker verwitterten Substraten.
Die moderne Beschreibung des illyrischen montanen Tannen-Buchenwaldes zeigt beispielsweise eine deutliche Bindung an mittelmontane Standorte, häufig über Dolomit oder Kalk, während auf ärmeren Silikatstandorten andere Buchenwaldgesellschaften auftreten.
So entsteht ein kleinräumiges Mosaik, das für die Biodiversität von großer Bedeutung ist.
Die außergewöhnliche Verbindung von Buche und Rotkiefer
Eine besondere Erscheinung dieses Landschaftsraumes ist die Verbindung von Rotkiefer und Buche. Der Rotkiefer-Buchenmischwald ist ökologisch besonders interessant, weil er unterschiedliche Standort- und Entwicklungseinflüsse miteinander verbindet. Die Rotkiefer kann an trockeneren, flachgründigeren oder stärker exponierten Standorten eine wichtige Rolle übernehmen, während die Buche auf geeigneten Standorten ihre hohe Konkurrenzkraft entfaltet. Solche Mischbestände zeigen, dass Waldgesellschaften nicht nach einem einfachen Schema funktionieren.
Sie sind das Ergebnis eines Zusammenspiels von:
Klima + Gestein + Boden + Relief + Wasser + Exposition + Konkurrenz + Waldgeschichte.
Auch die österreichische Waldökologie weist auf das Vorkommen von Rotföhren in Buchenwaldkomplexen hin und beschreibt Buchenwälder mit Rotföhre als charakteristische Ausprägung bestimmter trockenerer Karbonatstandorte.
Die Rotkiefer-Buchenwälder des Oberen Drautales sind deshalb nicht als „zufällige Mischung“ zu betrachten. Sie gehören zur standörtlichen und historischen Vielfalt dieser Waldlandschaft.
Wald als lebendes Netzwerk
Die eigentliche ökologische Bedeutung wird aber erst deutlich, wenn man den Wald als Ganzes betrachtet.
Ein Wald besteht nicht nur aus Bäumen. Er umfasst Bodenorganismen, Pilze und Mykorrhiza, Kraut- und Strauchschicht, Baumgemeinschaften, Vögel, Säugetiere, Insekten, Totholz, Quellen und Kleingewässer, Mikroklimate und natürliche Verjüngungsprozesse.
Bartsch und Röhrig ordnen den Wald ausdrücklich als Ökosystem und Landschaftssystem ein. Sie behandeln Strukturen, Konkurrenz, Tiere, Walddynamik und Stabilität und betrachten schließlich auch die Wälder auf Landschaftsebene.
Das bedeutet für das Obere Drautal: Der ökologische Wert eines zusammenhängenden Waldgebietes ist größer als die Summe seiner einzelnen Parzellen.
Der zusammenhängende Wald ist das eigentliche Schutzgut
Genau hier liegt eine der wichtigsten Konsequenzen für den Naturschutz.
Wenn ein zusammenhängender Wald durch eine breite technische Schneise geteilt wird, geht nicht nur Waldfläche verloren.
Es verändert sich das gesamte System.
Eine Trasse isoliert Waldflächen voneinander, verändert Wanderbewegungen von Tieren, schafft Randbereiche, verändert das Mikroklima, verstärkt Wind- und Austrocknungseffekte, beeinflusst natürliche Verjüngungsprozesse, verändert Lebensgemeinschaften und unterbricht wichtige ökologische Verbindungen.
Bartsch und Röhrig behandeln ausdrücklich die Beziehungen zwischen Waldökosystem und Landschaftsebene sowie die Auswirkungen menschlicher Eingriffe auf Waldökosysteme.
Deshalb muss der Schutz des Oberen Drautales über die einzelne Waldfläche hinausgehen.Es geht um die Erhaltung eines zusammenhängenden Waldsystems.
Nur eine intakte Landschaft lässt ihre ganze ökologische Vielfalt erkennen und erhalten.
Warum gerade die Schattlagen besonders schutzwürdig sind
Die schattseitigen Buchenwälder besitzen eine besondere Bedeutung, weil sie vielfach Bedingungen bewahren, die für kühl-feuchte montane Waldgesellschaften charakteristisch sind. Sie bilden einen Gegenpol zu den stärker wärmegeprägten Standorten der gegenüberliegenden Hänge. In ihnen können sich Waldgesellschaften erhalten, die auf ein bestimmtes Mikroklima angewiesen sind.
Gerade angesichts eines sich erwärmenden Klimas gewinnen solche kühl-feuchten Refugialräume zusätzliche Bedeutung.

Ein Naturraum zwischen Alpen und Süden
Das Faszinierende am Oberen Drautal ist, dass sich hier Gegensätze begegnen. Die Landschaft ist alpinen Ursprungs und besitzt gleichzeitig südliche Einflüsse. Kühle, schattige Bergwälder stehen einer wärmebegünstigten Vegetation gegenüber. Buchenwälder verbinden sich mit Tanne und Fichte. An anderen Standorten treten Rotkiefer und wärmeliebende Arten hinzu. Damit entsteht ein ökologisches Übergangsgebiet, in dem sich verschiedene Vegetationsgeschichten überlagern.
Zukrigls Arbeiten machen gerade diese regionale Differenzierung sichtbar. Seine Untersuchung der montanen Buchenwälder wurde später ausdrücklich als wichtige Grundlage für die Erfassung der Buchenwald-Lebensräume in Kärnten herangezogen.
Ein Wald, der nicht beliebig ersetzbar ist
Aus dieser Perspektive wird verständlich, warum eine Rodung nicht einfach durch eine spätere Aufforstung gleichwertig ausgeglichen werden kann. Man kann Bäume pflanzen. Man kann eine Waldfläche wieder begrünen. Aber man kann weder kurzfristig noch mittelfristig die gewachsene Bodenentwicklung, die vorhandenen Pilzgemeinschaften, die Altersstruktur, die genetische Kontinuität, das Mikroklima, die gewachsenen Artenbeziehungen, die historische Waldkontinuität.
Ein neu begründeter Bestand ist deshalb nicht automatisch dasselbe wie der Wald, der zuvor dort existierte.
Waldfläche („Forst“) und Waldökosystem sind nicht dasselbe.
Keine technische Schneise durch ein lebendiges Waldsystem !
Vor diesem Hintergrund sind großtechnische Infrastrukturprojekte in einem solchen Waldkomplex besonders kritisch zu betrachten.
Eine Höchstspannungsleitung ist technisch gesehen eine Trasse.
Aus ökologischer Sicht erzeugt sie eine dauerhafte Landschaftsschneise. Diese Schneise steht nicht isoliert in der Landschaft. Sie durchschneidet ein bestehendes System.
Deshalb darf die Frage nicht allein lauten: Wie viele Hektar Wald werden gerodet?
Die entscheidendere Frage lautet: Welche ökologische Funktion verliert die Landschaft durch die Zerschneidung dieses Waldsystems? und Welche Waldgesellschaften, Lebensräume und ökologischen Verbindungen werden dadurch beeinträchtigt?
Diese Betrachtungsweise entspricht dem ökosystemaren Ansatz von Bartsch und Röhrig, der Wald nicht nur auf der Ebene einzelner Bäume, sondern bis hin zur Landschaft betrachtet.
Der Wert des Oberen Drautales liegt in seiner Gesamtheit
Das Besondere dieses Waldgebietes liegt deshalb nicht darin, dass irgendwo eine einzelne besonders seltene Buche steht. Sein Wert entsteht aus der Gesamtheit aus den Buchenwäldern, den Buchen-Tannen-Wäldern, den illyrischen Florenelementen, den alpinen Arten, den wärmebegünstigten Waldgesellschaften, den Rotkiefer-Buchenmischwäldern, den schattseitigen Hängen, den unterschiedlichen Böden und Gesteinen, und vor allem aus ihrer räumlichen Verbindung. Diese Verbindung ist das eigentliche Naturkapital der Landschaft.
Ein Wald zwischen Vergangenheit und Zukunft
Zukrigl hilft uns zu verstehen, welcher Wald vor uns steht. Bartsch und Röhrig helfen uns zu verstehen, wie dieser Wald als Ökosystem funktioniert. Zusammen ergeben beide Perspektiven ein besonders starkes Bild:
Der Buchenwald des Oberen Drautales ist zugleich Vegetationsgesellschaft, Ökosystem, Lebensraum, Landschaftselement und Naturgeschichte.
Seine Zukunft darf deshalb nicht allein nach wirtschaftlichen oder technischen Kriterien entschieden werden.

Quellen
- Europäische Kommission: Council Directive 92/43/EEC (Habitats Directive) – Annex I: Forest habitats, insbesondere 9110 Luzulo-Fagetum-Buchenwälder, 9130 Asperulo-Fagetum-Buchenwälder, 9140 subalpine Buchenwälder und 9150 mitteleuropäische Orchideen-Kalk-Buchenwälder.
- Europäische Kommission: Natura 2000 – Permitting procedure / Article 6 Habitats Directive. Schutz von Natura-2000-Gebieten vor erheblichen Beeinträchtigungen sowie Anforderungen an Pläne und Projekte.
- Europäische Kommission: Birds Directive – Directive 2009/147/EC. Schutz wildlebender Vogelarten und ihrer Lebensräume; Fragmentierung durch Verkehrsnetze wird ausdrücklich als Problem genannt.
- UNESCO World Heritage Centre: Ancient and Primeval Beech Forests of the Carpathians and Other Regions of Europe. Welterbestätte mit Buchenwäldern in 18 europäischen Staaten, einschließlich Österreich.
- UNESCO World Heritage Committee: Decision 41 COM 8B.7 – Ancient and Primeval Beech Forests of the Carpathians and Other Regions of Europe. Begründung des außergewöhnlichen universellen Wertes der europäischen Buchenwälder; ausdrücklich genannt werden Fragmentierung, Verlust von Konnektivität und Veränderungen des Mikroklimas als Gefährdungen.
- UNESCO World Heritage Centre: Documents – Ancient and Primeval Beech Forests of the Carpathians and Other Regions of Europe. Enthält Nominierungsunterlagen, IUCN-Evaluierungen, Managementpläne und Karten.
- Council of Europe: European Landscape Convention (Florence Convention, ETS No. 176). Zentrale Quelle für den Schutz, das Management und die Planung von Landschaften. Die Konvention bezieht ausdrücklich auch durch menschliche Eingriffe stark veränderte Landschaften ein.
- Council of Europe: Recommendation CM/Rec(2019)7 – Landscape integration in policies relating to rural territories in agricultural and forestry, energy and demographic transition. Besonders relevant für Energieinfrastruktur, Wald, ländliche Räume und Landschaftsplanung.
- Council of Europe: Wind energy and landscape. Behandelt die Landschaftswirkung von Windkraftanlagen und betont, dass Windkraftanlagen wegen ihrer Größe und der für Windparks erforderlichen Flächen besonders auffällige Landschaftselemente sind. Die Errichtung soll als Landschaftsprojekt wie andere Infrastrukturvorhaben behandelt werden.
- Council of Europe: Explanatory Report of the European Landscape Convention. Grundlagen zu Landschaftswahrnehmung, Landschaftsqualität, Veränderung und Landschaftsplanung.
- Europäische Kommission: Guidance document on wind energy developments and EU nature legislation. Behandelt die Auswirkungen von Windkraftanlagen auf geschützte Arten und Lebensräume sowie Vermeidung, Standortwahl und Minderungsmaßnahmen.
- Europäische Kommission: Guidance on energy transmission infrastructure and EU nature legislation. Sehr wichtig für Stromtrassen, Leitungen und andere Energieinfrastruktur in sensiblen Landschaften und Natura-2000-Gebieten.
- Europäische Kommission: Natura 2000 and spatial planning. Strategische Raumplanung wird ausdrücklich als Möglichkeit genannt, Konflikte zwischen Energie-, Verkehrs- und anderen Infrastrukturprojekten und Natura-2000-Gebieten bereits auf Planungsebene zu vermeiden.
- UNESCO – Ancient and Primeval Beech Forests of Europe → Bedeutung und Schutz der Buchenwälder.
- EU-Habitatrichtlinie / Natura 2000 → rechtlicher Schutz bestimmter Buchenwald-Lebensraumtypen.
- UNESCO/IUCN – Welterbe-Unterlagen → Fragmentierung, Konnektivität, Pufferzonen und Schutz vor Störungen.
- Europäische Landschaftskonvention → Landschaft als eigenständiges Schutzgut und Grundlage für Landschaftsplanung.
- Council of Europe – Wind Energy and Landscape → sehr gute Quelle für die Argumentation zu technischer Überprägung durch Windkraft.
- EU-Leitfaden Windenergie und EU-Naturschutzrecht → Auswirkungen von Windkraft auf Arten, Lebensräume und Natura 2000.
- EU-Leitfaden Energieübertragungsinfrastruktur → besonders relevant für Stromtrassen, Leitungskorridore und Zerschneidung von Lebensräumen.
