Zwischen dem Ossiacher See und dem Klagenfurter Becken liegt ein Waldgebiet, das auf den ersten Blick unspektakulär erscheinen mag. Keine hochalpinen Gipfel, keine ausgedehnten Felswände und keine großen zusammenhängenden Wildnisgebiete prägen die Ossiacher Tauern. Und doch besitzen ihre Wälder eine besondere Bedeutung.
Hier treffen unterschiedliche Buchenwaldgesellschaften aufeinander.
Neben Hainsimsen-Buchenwäldern des Lebensraumtyps 9110 finden sich auch Illyrische Rotbuchenwälder des Lebensraumtyps 91K0 – ein Waldlebensraum, der in Österreich vor allem im südlichen Alpenraum vorkommt und für Kärnten von besonderer Bedeutung ist.
Das Europaschutzgebiet „Ossiacher Tauern“ umfasst rund 959 Hektar. Nach den Natura-2000-Daten nehmen Hainsimsen-Buchenwälder etwa 432 Hektar und Illyrische Rotbuchenwälder rund 96 Hektar ein. Damit ist fast die Hälfte des Schutzgebietes einem Buchenwald-Lebensraumtyp zugeordnet. Die Ossiacher Tauern sind damit ein bemerkenswertes Beispiel dafür, wie wertvoll auch eine vom Menschen seit Jahrhunderten genutzte Waldlandschaft für den europäischen Naturschutz sein kann.
Zwischen Alpen und Süden
Die besondere Stellung der Ossiacher Tauern hängt wesentlich mit ihrer geografischen Lage zusammen. Kärnten liegt am Übergang zwischen dem alpinen, mitteleuropäischen und südosteuropäischen Raum. Die Ossiacher Tauern befinden sich dabei nördlich des Klagenfurter Beckens und stehen klimatisch und pflanzengeografisch bereits unter dem Einfluss des südlichen Alpenraumes.
Der Begriff „illyrisch“ bezeichnet in der Vegetationskunde einen südosteuropäisch geprägten Florenraum. Sein Einfluss reicht vom Balkan über Slowenien bis in die südlichen Ostalpen. Die Karawanken sind das bedeutendste österreichische Zentrum dieser illyrischen Waldprägung. Aber die Ausläufer dieser Vegetationszone reichen weiter nach Norden und Osten – und erreichen auch die Ossiacher Tauern. Hier zeigt sich besonders deutlich, dass pflanzengeografische Grenzen keine scharfen Linien sind.Arten und Waldgesellschaften verändern sich allmählich entlang von Klima, Boden und Relief.
Hainsimsen-Buchenwälder
Ein Teil der Buchenwälder der Ossiacher Tauern gehört zum Lebensraumtyp 9110 – Hainsimsen-Buchenwälder (Luzulo-Fagetum).
Diese Wälder entwickeln sich auf eher sauren, basenärmeren Böden. Ihre Krautschicht ist meist weniger üppig als jene nährstoffreicher Buchenwälder. Typische Pflanzen sind säureverträgliche Arten wie Hainsimsen und Heidelbeeren. Das scheinbar „arme“ Erscheinungsbild des Waldbodens darf dabei nicht mit einem ökologisch armen Wald verwechselt werden. Auch ein Hainsimsen-Buchenwald besitzt ein komplexes Beziehungsgefüge aus Bäumen, Pilzen, Bodenorganismen, Pflanzen und Tieren. Gerade die unterschiedliche chemische Beschaffenheit der Böden trägt dazu bei, dass sich innerhalb der Buchenwälder verschiedene Lebensgemeinschaften entwickeln.

Illyrische Rotbuchenwälder
Noch spezieller ist der Lebensraumtyp 91K0 – Illyrische Rotbuchenwälder (Aremonio-Fagion).
Er gehört zu den Lebensraumtypen des Anhangs I der europäischen Fauna-Flora-Habitat-Richtlinie und ist damit Bestandteil des Natura-2000-Netzwerks.
Der Lebensraumtyp wurde für Österreich insbesondere durch die südosteuropäische Erweiterung des Natura-2000-Systems relevant.
In Kärnten besitzt dieser Lebensraumtyp seinen Schwerpunkt in den südlichen Randalpen. Er kommt dort unter anderem in den Karawanken, der Vellacher Kotschna und weiteren Gebieten vor. Gleichzeitig reichen seine Vorkommen auch in andere Teile Kärntens hinein. Die Ossiacher Tauern liegen dabei am nördlichen Rand dieser besonderen pflanzengeografischen Prägung. Das macht ihre Buchenwälder interessant: Sie zeigen, wie weit der Einfluss der illyrischen Vegetation in Kärnten reicht.
Wald auf engem Raum
Die Ossiacher Tauern zeigen besonders gut, wie stark sich Waldgesellschaften bereits auf relativ kurze Entfernungen verändern können. Ein sonniger Südhang erwärmt sich deutlich stärker als ein schattiger Nordhang. In einer Geländemulde bleibt die Luftfeuchtigkeit höher, während eine exponierte Kuppe stärker dem Wind ausgesetzt ist. Auch die Bodentiefe kann sich innerhalb weniger Meter verändern. Auf tiefgründigem Boden können Bäume ein weitreichendes Wurzelsystem entwickeln. Auf flachgründigen Standorten über Kalk oder anderem Ausgangsgestein sind die Wurzeln stärker auf die vorhandene Bodenmächtigkeit angewiesen. Der Wald reagiert auf diese Unterschiede unmittelbar. Was für den Menschen wie ein einheitlicher Wald aussieht, kann aus ökologischer Sicht aus vielen kleinen Standortmosaiken bestehen.
Der Wald als Lebensgemeinschaft
Die Buche ist nicht allein.
Unter ihrem Kronendach lebt eine Vielzahl anderer Organismen. Pilze bilden Mykorrhizaverbindungen mit den Baumwurzeln. Insekten leben an Blättern, Rinde und Holz. Vögel nutzen Baumhöhlen und suchen in der Streuschicht nach Nahrung. Zahlreiche Bodenorganismen zersetzen Laub und abgestorbenes Holz. Besonders wichtig sind dabei die Pilze. Ein großer Teil der Bäume steht in einer engen Lebensgemeinschaft mit Mykorrhizapilzen. Die Pilze erschließen mit ihren feinen Hyphen Bereiche des Bodens, die für die Baumwurzeln selbst kaum erreichbar wären. Im Gegenzug erhalten sie Kohlenhydrate aus der Photosynthese der Bäume. Der Wald ist deshalb kein Nebeneinander einzelner Lebewesen.
Er ist ein Netzwerk von Beziehungen.
Schutz durch Natura 2000
Die besondere Bedeutung der Buchenwälder der Ossiacher Tauern ist auch rechtlich verankert.
Das Gebiet wurde 2018 als Europaschutzgebiet „Ossiacher Tauern“ ausgewiesen und in das Natura-2000-Netzwerk aufgenommen.
Die Schutzverordnung nennt ausdrücklich Buchenwald-Lebensraumtypen als Schutzgüter. Der Schutz dient dabei nicht nur dem Erhalt einer bestimmten Baumart. Ziel ist der Erhalt eines günstigen Erhaltungszustandes der geschützten Lebensräume. Die Kärntner Schutzbestimmungen sehen deshalb auch vor, dass für die Schutzgüter geeignete Bewirtschaftungsmaßnahmen festgelegt werden können. Naturschutz bedeutet in einem solchen Gebiet daher nicht zwangsläufig, dass jede forstliche Nutzung ausgeschlossen ist. Vielmehr geht es darum, die ökologischen Eigenschaften des Lebensraumes langfristig zu erhalten.

Naturschutz und Forstwirtschaft
Gerade bei Buchenwäldern ist die Frage des richtigen Umgangs mit dem Wald besonders interessant.
Ein Wirtschaftswald kann naturnah bewirtschaftet werden und dennoch Holz produzieren. Entscheidend ist, ob die Baumartenzusammensetzung zum Standort passt, ob unterschiedliche Altersphasen vorhanden sind und ob wertvolle Strukturen erhalten bleiben.
Problematisch wird es dort, wo natürliche Buchenwaldgesellschaften durch gleichförmige, standortfremde oder stark fichtendominierte Bestände ersetzt werden.
Die natürliche Waldvegetation kann deshalb eine wichtige Orientierung für eine zukunftsfähige Waldbewirtschaftung liefern. Sie zeigt, welche Baumarten unter den gegebenen Standortbedingungen langfristig konkurrenzfähig sind.
Alte Buchen als Zeitzeugen
Eine alte Buche erzählt ihre Geschichte nicht in Worten. Aber ihr Stamm verrät viel. Jede Verletzung, jeder starke Ast und jede Höhlung kann eine Episode ihres Lebens widerspiegeln. Stürme, Schneebruch, Trockenperioden und Konkurrenz mit Nachbarbäumen hinterlassen Spuren. Ein alter Baum ist deshalb auch ein Stück Waldgeschichte. Wo mehrere alte Bäume gemeinsam stehen, entsteht ein völlig anderer Lebensraum als in einem jungen, gleichförmigen Bestand. Solche alten Waldstrukturen sind selten geworden. Sie benötigen Zeit – und genau diese Zeit ist eine der wichtigsten Voraussetzungen für naturnahe Wälder.
Vielfalt als Zukunftsstrategie
Ein vielfältiger Wald besitzt mehr Möglichkeiten, auf Veränderungen zu reagieren.
Unterschiedliche Baumarten nutzen den Boden unterschiedlich. Sie haben verschiedene Wurzelsysteme, unterschiedliche Ansprüche an Wasser und Licht und reagieren nicht in gleicher Weise auf Hitze, Trockenheit oder Schädlinge. Auch die Altersstruktur spielt eine wichtige Rolle. Ein Wald mit Jungwuchs, mittelalten Bäumen und alten Beständen ist dynamischer als ein gleichaltriger Bestand. Wenn einzelne Bäume ausfallen, entstehen Lücken, die von der nächsten Generation genutzt werden können.
Ein Wald am Rand des illyrischen Raumes
Die Buchenwälder der Osssiacher Tauern besitzen eine eigene Bedeutung. Sie liegen in jenem südlichen Kärntner Raum, in dem die mitteleuropäische Waldvegetation in die illyrisch geprägte Vegetation des Südostalpenraumes übergeht. Das macht sie zu einem interessanten Bindeglied.
Die Natura-2000-Ausweisung schützt hier nicht einfach „Bäume“, sondern einen Ausschnitt aus einer größeren europäischen Waldlandschaft.
Der Lebensraumtyp 91K0 reicht über Staats- und Landschaftsgrenzen hinweg. Seine österreichischen Vorkommen bilden einen Teil des südosteuropäischen Buchenwaldareals. Die Ossiacher Tauern gehören zu den Gebieten, in denen diese besondere Waldprägung sichtbar wird.
Die Zukunft der Buchenwälder
Ein alter Buchenwald entsteht nicht in wenigen Jahrzehnten. Was heute als wertvoller Wald geschützt wird, ist das Ergebnis einer Entwicklung, die weit über die Lebensspanne eines einzelnen Menschen hinausreicht. Deshalb ist Waldschutz immer auch eine Entscheidung für die Zukunft. Es geht darum, alte Bäume stehen zu lassen, natürliche Verjüngung zu ermöglichen, Totholz im Wald zu belassen und die Vielfalt der Waldstrukturen zu erhalten. Gleichzeitig kann eine naturnahe Waldbewirtschaftung dort, wo Nutzung stattfindet, dazu beitragen, stabile und standortgerechte Wälder zu entwickeln.
Waldökologie beginnt nicht bei der Frage, wie viele Bäume in einem Wald stehen. Sie beginnt bei der Frage, welche Beziehungen zwischen ihnen bestehen.
Die Buchenwälder der Ossiacher Tauern sind deshalb nicht nur ein Schutzgut der europäischen Naturschutzpolitik. Sie sind ein lebendiger Teil der Naturgeschichte Kärntens.
Wer durch einen alten Buchenwald geht, sieht vielleicht nur Stämme, Kronen und Blätter. Wer genauer hinsieht, erkennt einen Lebensraum, der seit Jahrhunderten wächst, stirbt und sich erneuert. Genau deshalb lohnt es sich, ihn zu bewahren.

Quellen
- Amt der Kärntner Landesregierung, Abteilung 8 – Umwelt, Energie und Naturschutz: Studie zur Ausweisung der FFH-Lebensraumtypen 9110, 9180, 91K0 und 91L0 in Kärnten. Klagenfurt.
- Amt der Kärntner Landesregierung: Verordnung der Landesregierung vom 27. November 2018, mit der das Gebiet „Ossiacher Tauern“ zum Europaschutzgebiet erklärt wird. LGBl. Nr. 93/2018.
- Amt der Kärntner Landesregierung: Europaschutzgebiet „Ossiacher Tauern“ – Schutzbestimmungen und Grundlagen. Kärnten.
- European Environment Agency (EEA): Natura 2000 Standard Data Form – Ossiacher Tauern, AT2158000. Europäische Union.
- Bundesforschungszentrum für Wald / Kuratorium Wald: Natura 2000 Wald – Naturnahe Waldbewirtschaftung. Handbuch zu den Wald-Lebensraumtypen und waldassoziierten Arten. Wien.
- Bundesforschungszentrum für Wald / Kuratorium Wald: Buchenwälder und Buchenmischwälder – Waldlebensraumtypen 9110, 9130, 9140, 9150 und 91K0. Natura 2000 Wald, Wien.
- BOKU – Universität für Bodenkultur Wien, Institut für Waldbau: Wissenschaftliche Bearbeitung von 91K0 Illyrische Rotbuchenwälder gemäß GEZ-Studie. Forschungsprojekt im Auftrag des Umweltbundesamtes.
- Ellmauer, T. (Hrsg.): Entwicklung von Kriterien, Indikatoren und Schwellenwerten zur Beurteilung des Erhaltungszustandes der Natura-2000-Schutzgüter. Band 3: Lebensraumtypen des Anhangs I der Fauna-Flora-Habitat-Richtlinie. Umweltbundesamt, Wien.
- Essl, F., Egger, G., Ellmauer, T. & Aigner, S.: Rote Liste gefährdeter Biotoptypen Österreichs – Wälder, Forste, Vorwälder. Umweltbundesamt, Wien.
- Willner, W. & Grabherr, G. (Hrsg.): Die Wälder und Gebüsche Österreichs. Elsevier, München.
- Fauna-Flora-Habitat-Richtlinie 92/43/EWG: Anhang I – Lebensraumtyp 9110 „Hainsimsen-Buchenwälder“ und Lebensraumtyp 91K0 „Illyrische Rotbuchenwälder (Aremonio-Fagion)“.
- Natura 2000 Standard Data Form AT2158000: Europaschutzgebiet „Ossiacher Tauern“, Europäische Kommission / European Environment Agency.
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