Das Illyrische Buchenland – eine Vision
Vision eines grenzüberschreitenden Biosphärenparks zwischen Drau, Gail, Karawanken, Karnische Alpen, Julischen Alpen und Dinariden
Zwischen dem Oberen Drautal und den Dinariden liegt eine Landschaft, die auf der europäischen Landkarte bisher kaum als zusammengehöriger Naturraum wahrgenommen wird.
Das sollte sich ändern. Denn zwischen Oberem Drautal, Gailtal, Karnischen Alpen, Julischen Alpen, Karawanken und Ossiacher Tauern spannt sich ein außergewöhnlicher Waldraum. Nach Süden setzt er sich über die slowenischen und kroatischen Gebirge in die Dinariden fort.
Es ist ein Raum der Täler und Schluchten, der Kalkberge und Karstlandschaften, der Quellen und Flüsse – vor allem aber ein Raum der Buchenwälder.
Hier liegt ein wesentlicher Teil jenes südosteuropäischen Buchenwaldraumes, aus dem sich die Rotbuche nach der letzten Eiszeit wieder über Europa ausbreitete.
Die UNESCO beschreibt die europäischen alten und ursprünglichen Buchenwälder deshalb als Zeugnis eines außergewöhnlichen natürlichen Prozesses:
Aus wenigen eiszeitlichen Refugien in den Alpen, Dinariden, im Mittelmeerraum und in den Karpaten breitete sich die Buche innerhalb weniger Jahrtausende über weite Teile Europas aus.
Heute umfasst das entsprechende UNESCO-Welterbe 93 Teilgebiete in 18 Staaten.
Die Vision des Illyrischen Buchenlandes würde genau dort ansetzen, wo diese Geschichte besonders deutlich wird. Sie würde eine bereits vorhandene ökologische Verbindung sichtbar machen.
Ein Waldraum, der Europa verbindet
Die politische Landkarte teilt diese Region auf mehrere Staaten und Länder auf. Die Ökologie tut das nicht. Die Buche kennt keine Staatsgrenzen. Sie wächst im Oberen Drautal, Gailtal, in den Karnischen Alpen und Karawanken, in den Julischen Alpen und weiter südlich in den Dinariden. Die geologischen Einheiten verändern sich. Das Klima verändert sich. Die Höhenlagen verändern sich. Die Waldgesellschaften verändern sich. Aber die große ökologische Verbindung bleibt bestehen. Gerade darin liegt die besondere Bedeutung dieses Raumes.
Der Lebensraumtyp 91K0 – Illyrische Rotbuchenwälder (Aremonio-Fagion) besitzt in Österreich seinen Schwerpunkt im südlichen Randgebirge.
Dazu zählen insbesondere die Karawanken, Karnischen Alpen, Gailtaler Alpen und Teile der Lienzer Dolomiten. Kleinere Vorkommen reichen auf geeigneten Kalk- und Dolomitstandorten sogar in das Obere und Untere Drautal sowie in das Klagenfurter Becken. Damit wird etwas sichtbar, das bei einer Betrachtung einzelner Schutzgebiete leicht übersehen wird:
Die einzelnen Buchenwaldgebiete sind Teile eines größeren zusammenhängenden Naturraumes.
Vom Oberen Drautal zu den Dinariden
Im Westen beginnt unser vorgeschlagener Naturraum im Bereich des Oberen Drautals.
Die Hänge des Drautales besitzen auf geeigneten kalkhaltigen Standorten besondere Voraussetzungen für illyrisch geprägte Buchenwälder. Die aktuelle Fachliteratur zum Lebensraumtyp 91K0 weist ausdrücklich auf solche Vorkommen hin. Von hier führt die ökologische Verbindung nach Osten und Süden. Über die Gailtaler Alpen erreicht sie das Gailtal. Weiter südlich folgen die Karnischen Alpen und die Karawanken. Nach Osten und Südosten schließen die Julischen Alpen an. Und schließlich führt die große Waldachse in die Dinariden.
Was auf einer Landkarte wie eine Reihe einzelner Gebirge aussieht, wird aus waldökologischer Sicht zu einer zusammenhängenden Geschichte der europäischen Buche.

Das Gailtal – Talraum zwischen den Buchenwäldern
Das Gailtal besitzt in diesem Zusammenhang eine besondere Funktion. Täler sind keine bloßen Zwischenräume zwischen Bergen. Sie können ökologische Verbindungen herstellen. Flüsse, Auwälder, Hangwälder und Seitentäler bilden ein Mosaik unterschiedlicher Lebensräume. Die Drau und die Gail verbinden dabei Landschaften, die durch ihre Gebirge voneinander getrennt erscheinen. Die Wälder an den Hängen reichen in die Seitentäler hinein. Dort beginnen die eigentlichen Waldkorridore. Eine solche Betrachtung ist für den Naturschutz von großer Bedeutung.
Denn der Schutz einzelner Waldinseln reicht langfristig nicht aus. Arten brauchen Verbindung. Wälder brauchen Verbindung. Genetischer Austausch braucht Verbindung.
Die Karnischen Alpen – ein Kernraum des illyrischen Buchenwaldes
Die Karnischen Alpen gehören zu den bedeutendsten österreichischen Landschaften für den Lebensraumtyp 91K0.
Kronhofgraben, Nölblinggraben, Garnitzenklamm und Mautner Klamm zeigen, wie stark sich die illyrischen Buchenwälder in bestimmten Tal- und Schluchtlagen konzentrieren können. Hier treffen hohe Niederschläge, Kalkgestein, Schluchten, Hänge und südosteuropäische Klimaeinflüsse zusammen. Die Buche findet Bedingungen, unter denen sie gemeinsam mit Tanne und anderen Laubbaumarten stabile Waldgesellschaften bilden kann.
Die Karnischen Alpen wären deshalb ein wichtiger Bestandteil eines möglichen Kernbereiches der Vision des Illyrischen Buchenlandes.
Die Karawanken – die große Waldbrücke
Noch deutlicher wird die ökologische Verbindung in den Karawanken. Der Gebirgszug bildet eine natürliche Brücke zwischen den Alpen und dem südosteuropäischen Raum. Auf der österreichischen Seite gehören die Karawanken zu den wichtigsten Vorkommensgebieten der illyrischen Buchenwälder. Auf der slowenischen Seite setzt sich die Waldlandschaft fort.
Die Grenze zwischen Kärnten und Slowenien ist für den Wald bedeutungslos. Der gleiche geologische Großraum, ähnliche Klimaverhältnisse und verwandte Waldgesellschaften setzen sich über die Grenze hinweg fort.
Genau für solche Situationen wurde das Instrument des grenzüberschreitenden Biosphärenreservates geschaffen.
UNESCO beschreibt ausdrücklich, dass ökologische Systeme sehr oft Staatsgrenzen überschreiten und dass transboundary biosphere reserves eine Möglichkeit darstellen, solche gemeinsam geteilten Ökosysteme koordiniert zu schützen und nachhaltig zu entwickeln.
Die Julischen Alpen – das Herz des Übergangsraumes
Die Julischen Alpen nehmen innerhalb des vorgeschlagenen Illyrischen Buchenlandes eine Schlüsselstellung ein. Sie sind gleichzeitig Alpenraum, Karstlandschaft und Übergangsraum zum dinarischen Südosten.
2024 wurde bereits das grenzüberschreitende UNESCO-Biosphärenreservat Julische Alpen zwischen Italien und Slowenien eingerichtet. Es umfasst 2.671 km², davon 735 km² Kernzonen, 438 km² Pufferzonen und 1.497 km² Entwicklungsbereiche.
Das ist ein wichtiger Hinweis auf die Realisierbarkeit unserer Vision. Der Gedanke eines grenzüberschreitenden Biosphärenraumes ist in dieser Landschaft also keineswegs utopisch.
Ein Teil des Grundgedankens ist bereits Realität. Die Vision des Illyrischen Buchenlandes würde diesen Ansatz lediglich weiterdenken: Nicht nur die Julischen Alpen sollen als zusammenhängender Naturraum betrachtet werden. Auch die angrenzenden Buchenwaldlandschaften der Karnischen Alpen, Karawanken und des südlichen Kärntens gehören in diese Betrachtung.
Die Ossiacher Tauern – ein nördlicher Vorposten
Auch die Ossiacher Tauern erhalten in diesem Gesamtbild eine neue Bedeutung. Auf den ersten Blick liegen sie außerhalb der großen südlichen Gebirgsketten. Ökologisch betrachtet sind sie jedoch ein wichtiges Bindeglied.
Hier finden sich sowohl Hainsimsen-Buchenwälder des Lebensraumtyps 9110 als auch Illyrische Rotbuchenwälder des Typs 91K0.
Die Ossiacher Tauern zeigen damit, wie weit der südosteuropäische Einfluss der Buchenwaldvegetation nach Norden reicht. Sie sind kein isoliertes Buchenwaldgebiet. Sie sind ein nördlicher Ausläufer des illyrischen Waldraumes.
Die Dinariden – das große Refugium
Nach Süden und Südosten öffnet sich schließlich der Blick auf die Dinariden. Hier wird die Dimension dieser Waldgeschichte erst richtig sichtbar. Die Dinariden waren während der Eiszeiten ein bedeutender Rückzugsraum für Pflanzenarten. Die Buche konnte hier unter klimatisch günstigen Bedingungen überdauern. Nach dem Ende der letzten Eiszeit begann ihre Ausbreitung nach Norden. Die heutige europäische Buchenwaldlandschaft ist deshalb ohne die Dinariden kaum zu verstehen.
Die UNESCO nennt die Dinariden ausdrücklich unter jenen eiszeitlichen Refugialräumen, von denen aus sich die europäische Buche nach der letzten Eiszeit ausbreitete.
Die Vision des Illyrischen Buchenlandes würde damit nicht nur einen aktuellen Waldlebensraum schützen. Er würde einen Teil der Evolutions- und Ausbreitungsgeschichte der europäischen Buche als zusammenhängenden Naturraum sichtbar machen.

Warum gerade ein Biosphärenpark?
Ein Nationalpark wäre für einen solchen Raum nicht das geeignete Instrument. Die Region ist seit Jahrhunderten von Menschen geprägt. Dörfer, Landwirtschaft, Forstwirtschaft, Almen, Straßen und Verkehrswege gehören zur Landschaft. Genau hier liegt die Stärke des Biosphärenpark-Gedankens.
UNESCO-Biosphärenreservate sollen drei miteinander verbundene Aufgaben erfüllen: Schutz von Biodiversität und Landschaft, nachhaltige wirtschaftliche und gesellschaftliche Entwicklung sowie Forschung, Bildung, Monitoring und Wissensvermittlung.
Ein Biosphärenpark bedeutet deshalb nicht, dass Menschen aus der Landschaft verschwinden. Im Gegenteil. Die Menschen werden Teil des Schutzkonzeptes.
Drei Zonen für das Illyrische Buchenland
Ein möglicher Biosphärenpark müsste entsprechend der UNESCO-Vorgaben aus drei miteinander verbundenen Zonen bestehen.
Die Kernzonen
Hier liegen die wertvollsten und naturnächsten Wälder. Alte Buchenbestände. Natürliche Schluchten. Totholzreiche Wälder. Naturwaldreservate. Besonders wertvolle Natura-2000-Lebensräume. Bereiche mit hoher genetischer und biologischer Bedeutung. Hier sollte der natürliche Waldprozess Vorrang haben.
Die Pufferzone
Rund um die Kernbereiche würde eine größere Landschaftszone liegen. Hier wären naturnahe Forstwirtschaft, Forschung, Umweltbildung und angepasster Tourismus möglich. Holznutzung wäre nicht grundsätzlich ausgeschlossen. Aber sie müsste sich an den ökologischen Zielen orientieren, vor allem standortgerechte Baumarten, strukturreiche Bestände, Ermöglichung der Walddynamik und Schonung sensibler Lebensräume.
Die Entwicklungszone
Außerhalb der Pufferbereiche lägen Gemeinden, Siedlungen, Landwirtschaft und wirtschaftlich genutzte Flächen. Hier ist das Ziel Nachhaltigkeit. Regionale Landwirtschaft, Nachhaltige Forstwirtschaft, Naturtourismus, Ökologische Bildungsangebote, Regionale Produkte, Forschung und vor allem eine regionale Entwicklung, die den Wert der Landschaft nicht zerstört, von dem sie lebt.
Das entspricht genau dem Grundgedanken des UNESCO-MAB-Programms.
Ein europäisches Naturerbe
Die eigentliche Bedeutung des Illyrischen Buchenlandes liegt jedoch noch tiefer. Es ist ein Naturerbe der europäischen Geschichte. Denn die Buchenwälder erzählen die Geschichte der Wiederbesiedlung Europas nach der Eiszeit.
Das Welterbe schützt herausragende alte und ursprüngliche Waldflächen. Der Biosphärenpark würde den größeren Landschaftszusammenhang schützen, in dem diese Wälder liegen.

Der Kärntner Teil des Illyrischen Buchenlandes
Ein Naturraum von europäischer Verantwortung
Der Kärntner Teil des vorgeschlagenen Biosphärenparks wäre dabei von besonderer Bedeutung. Er würde sich vom Oberen Drautal über Gailtal und Gailtaler Alpen, Karnische Alpen und Karawanken bis zu den Ossiacher Tauern erstrecken und die bestehenden Schutzgebiete zu einem größeren ökologischen Zusammenhang verbinden.
Gerade hier wird deutlich, dass Kärnten über einen Waldschatz verfügt, dessen Bedeutung weit über das Bundesland hinausreicht.
Der Lebensraumtyp 91K0 besitzt in Österreich seinen deutlichen Schwerpunkt im südlichen Randgebirge. Das Umweltbundesamt nennt ausdrücklich die Karawanken, Karnischen Alpen und Gailtaler Alpen sowie die Lienzer Dolomiten als Schwerpunktgebiet; zusätzlich kommen Vorkommen im Oberen und Unteren Drautal und im Klagenfurter Becken hinzu.
Das ist bemerkenswert. Denn es bedeutet:
Ein großer Teil des österreichischen Verbreitungsschwerpunktes der Illyrischen Buchenwälder liegt unmittelbar in Kärnten.

Das Obere Drautal – mehr als ein Tal
Das Obere Drautal wird in der öffentlichen Wahrnehmung häufig vor allem als Verkehrs- und Siedlungsraum betrachtet. Aus waldökologischer Sicht ist es jedoch Teil eines viel größeren Systems.
Die Hänge des Tales verbinden die inneralpinen Waldgebiete mit den südlichen Randgebirgen. Auf geeigneten Kalkstandorten treten illyrische Buchenwälder auf. Die Fachliteratur zum Lebensraumtyp 91K0 weist ausdrücklich auf diese Vorkommen hin. Damit erhält das Obere Drautal eine neue Bedeutung: Es ist nicht nur Durchgangsraum. Es ist ökologischer Korridor. Gerade Korridore sind von unschätzbarem Wert.
Was wir hier noch besitzen
In vielen Teilen Europas sind alte Buchenwälder selten geworden. Wälder wurden über Jahrhunderte genutzt. Wälder wurden in gleichaltrige Bestände umgewandelt. Standortfremde Baumarten wurden eingebracht. Die Folge ist, dass viele Wälder heute zwar grün und vital aussehen, aber nur noch einen Teil der ursprünglichen Waldstruktur besitzen.
In Kärnten finden sich dagegen noch zahlreiche Bereiche, in denen unterschiedliche Entwicklungsphasen, alte Bäume, natürliche Verjüngung und naturnahe Waldgesellschaften erhalten sind.
Diese Wälder sind nicht deshalb wertvoll, weil sie „unberührt“ wären. Sie sind wertvoll, weil natürliche Prozesse noch stattfinden können.
Die Verantwortung gegenüber kommenden Generationen
Ein Buchenwald ist langsamer als ein Menschenleben. Ein Mensch denkt in Jahrzehnten. Ein Wald denkt in Jahrhunderten. Eine heute gepflanzte Buche wird vielleicht erst von unseren Urenkeln als großer Baum erlebt. Eine heute 300 Jahre alte Buche hat bereits mehrere Menschengenerationen überlebt. Wenn wir einen solchen Baum schützen, schützen wir deshalb etwas, das wir selbst nicht mehr herstellen können.
Wir können keinen 300 Jahre alten Wald pflanzen. Wir können nur verhindern, dass er verschwindet.
Ein Naturerbe darf nicht nach kurzfristigem Nutzen bewertet werden
Die Versuchung ist groß, Landschaften nach ihrem unmittelbaren wirtschaftlichen Nutzen zu beurteilen. Die entscheidende Frage lautet jedoch: Was verlieren wir, wenn wir diese Landschaft verändern? Ein alter Buchenwald lässt sich nicht ersetzen. Ein naturnaher Talraum lässt sich nicht an anderer Stelle einfach neu herstellen. Eine jahrtausendealte ökologische Verbindung lässt sich nicht mit einer Ausgleichsmaßnahme vollständig rekonstruieren.
Der Vergleich mit Rothwald und Kalkalpen
Österreich besitzt mit den Wäldern des Wildnisgebietes Dürrenstein-Lassingtal und den Waldlandschaften der Kalkalpen international herausragende Naturwälder. Diese Gebiete sind zu Recht von höchstem naturschutzfachlichem Rang.
Aber daraus darf nicht der falsche Schluss gezogen werden, dass nur dort bedeutende Buchenwälder existieren. Die Bedeutung eines Waldgebietes hängt nicht allein von seinem Bekanntheitsgrad ab.
Der südliche Alpenraum Kärntens besitzt einen anderen, aber ebenso wichtigen Wert: Hier liegt die Verbindung zwischen den alpinen Buchenwäldern und dem illyrisch-dinarischen Buchenwaldraum.
Gerade diese Verbindung ist für das Verständnis der europäischen Buchenwaldgeschichte von Bedeutung. Das Umweltbundesamt beschreibt den Lebensraumtyp 91K0 in Österreich ausdrücklich als Lebensraum der südlichen Kalkalpen und nennt dabei genau jene Gebirgssysteme, die den Kärntner Teil unseres vorgeschlagenen Biosphärenparks bilden.

Die 380-kV-Leitung und die Frage nach der Landschaft
Gerade deshalb muss bei großen Infrastrukturprojekten nicht nur die technische Notwendigkeit betrachtet werden, sondern auch die langfristige Bedeutung des betroffenen Landschaftsraumes. Die österreichische Übertragungsnetzplanung begründet den Kärntner 380-kV-Ausbau mit Versorgungssicherheit, Entlastung des bestehenden Netzes und der Verbindung erneuerbarer Erzeugung mit Speichern. Das sind wichtige energiepolitische Ziele. Aber sie dürfen nicht automatisch bedeuten, dass jede Landschaft als verfügbarer Raum für Infrastruktur betrachtet wird.
Für das Obere Drautal stellt sich daher eine grundlegende Frage:
Muss ausgerechnet ein ökologisch und landschaftlich besonders wertvoller Raum einen weiteren tiefgreifenden Infrastrukturkorridor aufnehmen?
Diese Frage sollte gestellt werden dürfen. Nicht aus Technikfeindlichkeit. Nicht aus Fortschrittsfeindlichkeit.
Sondern aus Verantwortung gegenüber einer Landschaft, deren Wert weit über die Grenzen Kärntens hinausreicht.
Auch bei der Windkraft braucht es Maß
Gerade in einer Landschaft mit wertvollen Wäldern, sensiblen Bergkämmen, Wildtierkorridoren und einer außergewöhnlichen landschaftlichen Qualität muss sehr genau geprüft werden, wo Energieanlagen sinnvoll sind. Interessanterweise kommt eine regionale Energieanalyse für die KEM Großglockner/Mölltal–Oberes Drautal zu dem Ergebnis, dass das Windkraftpotenzial in den Tallagen gering ist und Windenergie für die damalige Modellregion keine wesentliche Rolle spielen sollte.
Das bedeutet nicht, dass damit jede zukünftige Windkraftentscheidung erledigt wäre. Aber es zeigt: Energiepolitik und Landschaftsschutz müssen gemeinsam gedacht werden.
Ein Biosphärenpark als politisches Versprechen
Das Illyrische Buchenland könnte deshalb mehr sein als ein Naturschutzprojekt. Es könnte ein politisches Versprechen sein. Ein Versprechen, dass Entwicklung möglich ist, ohne alles zu überprägen. Ein Versprechen, dass wirtschaftliche Nutzung und Naturschutz miteinander verbunden werden können. Ein Versprechen, dass alte Wälder nicht erst dann geschützt werden, wenn sie bereits auf internationalen Roten Listen stehen. Und vor allem ein Versprechen an kommende Generationen.
UNESCO versteht Biosphärenreservate ausdrücklich als Modellregionen, in denen Naturschutz, nachhaltige Entwicklung, Forschung, Bildung und lokale Beteiligung zusammengeführt werden.
Genau darin liegt die Chance.
Kärnten könnte Vorbild sein
Der Kärntner Teil des Illyrischen Buchenlandes könnte dabei den Ausgangspunkt bilden.
Nicht als abgeschottete Wildnis. Sondern als Modell für eine Landschaft, die ihren eigenen Wert erkennt.Mit starken Kernzonen, naturnah bewirtschafteten Wäldern, geschützten Buchenbeständen, ökologischen Korridoren.
Mit Gemeinden, die an der Entwicklung beteiligt sind, mit Landwirtschaft und Forstwirtschaft als Partner, mit Forschung und Umweltbildung und mit einer klaren politischen Linie:
Nicht alles, was technisch möglich ist, muss in dieser Landschaft auch gebaut werden.
Stolz auf das, was wir bewahren
Naturschutz wird in der öffentlichen Diskussion häufig als Verzicht dargestellt. Aber man kann es auch anders sehen.
Wir können stolz darauf sein, wenn wir sagen: Diese Schlucht haben wir bewahrt. Diesen alten Buchenwald haben wir bewahrt. Diesen Bergrücken haben wir freigehalten. Diesen Talraum haben wir nicht zerschnitten.
Diesen Wald dürfen unsere Kinder noch so erleben, wie wir ihn heute erleben.
Das ist kein Verzicht. Das ist eine Leistung.
Die große Chance
Das Illyrische Buchenland wäre ein außergewöhnliches europäisches Projekt. Es würde Österreich, Slowenien und – je nach weiterer Ausgestaltung – den dinarischen Raum miteinander verbinden.
Die UNESCO kennt bereits erfolgreiche grenzüberschreitende Biosphärenreservate. Das 2024 eingerichtete Biosphärenreservat Julische Alpen zwischen Italien und Slowenien zeigt sogar unmittelbar in dieser Region, dass eine solche grenzüberschreitende Zusammenarbeit möglich ist.
Der nächste Schritt könnte deshalb sein, die bereits vorhandenen Schutzgebiete, Natura-2000-Gebiete, Naturparks und naturnahen Waldlandschaften als Teile eines größeren ökologischen Zusammenhangs zu betrachten.

Ein Blick in die nahe Zukunft
Vielleicht liegt genau darin die Hoffnung. Dass wir in einigen Jahren auf diese Landschaft zurückblicken und sagen können:
Wir haben rechtzeitig erkannt, was wir besitzen.
Wir haben das Obere Drautal als Teil eines europäischen Naturraumes verstanden.
Wir haben Gailtal, Karnische Alpen und Karawanken nicht als einzelne Landschaften betrachtet, sondern als miteinander verbundene Waldlandschaft.
Wir haben die Verbindung zu den Julischen Alpen und den Dinariden erkannt.
Wir haben die Ossiacher Tauern als nördlichen Ausläufer des illyrischen Buchenwaldes ernst genommen.
Wir haben alte Wälder geschützt. Wir haben ökologische Korridore erhalten. Wir haben auf neue Zerschneidung verzichtet.
Kein weiterer großer Infrastrukturkorridor hat das Obere Drautal unnötig zerschnitten. Die wertvollen Berglandschaften wurden nicht mit Windkraftanlagen überprägt. Die alten Buchenwälder stehen noch. Die jungen Buchen wachsen unter ihrem Schutzschirm nach.
Unsere Kinder können durch diese Wälder gehen und verstehen, warum ihre Eltern und Großeltern damals gesagt haben:
Bis hierher – und nicht weiter ! Wir lassen uns unseren Lebensraum, unsere Landschaft und unsere Wälder nicht zerstören !
Nicht aus Angst vor Veränderung. Sondern aus Wissen um den Wert dessen, was nicht ersetzbar ist.
Das Illyrische Buchenland – ein Naturerbe für Europa
Die Buchenwälder zwischen Oberem Drautal, Gailtal, Karnischen Alpen, Julischen Alpen, Karawanken, Ossiacher Tauern und Dinariden sind mehr als einzelne Waldflächen.
Sie sind Teil einer europäischen Naturgeschichte. Sie verbinden eiszeitliche Refugien mit den heutigen Buchenwäldern Mitteleuropas. Sie verbinden Alpen und Südosteuropa. Sie verbinden Vergangenheit und Zukunft. Sie verbinden Menschen über Staatsgrenzen hinweg.
Ein möglicher Biosphärenpark Illyrisches Buchenland könnte diese Verbindung sichtbar machen.
Vielleicht werden wir dann in nicht allzu ferner Zukunft mit gutem Grund sagen können:
Wir haben das Naturerbe des südlichen Alpenraumes erkannt.
Wir haben das Illyrischen Buchenland geschützt.
Wir haben nicht alles verändert, nur weil wir es konnten.
Wir haben etwas bewahrt, das größer ist als wir selbst.
Und wir dürfen darauf stolz sein.
Eine wichtige fachliche Anmerkung
Das „Illyrische Buchenland“ ist hier bewusst ein neu vorgeschlagener Nameund kein bestehender UNESCO-Titel. Auch der beschriebene Gesamt-Biosphärenpark existiert derzeit nicht. Der Text entwickelt vielmehr eine fachlich begründete Vision, die sich an den tatsächlichen Verbreitungsgebieten des Lebensraumtyps 91K0, bestehenden Schutzgebieten und den UNESCO-Kriterien für Biosphärenreservate orientiert.

Quellen und fachliche Grundlagen
- UNESCO: Man and the Biosphere (MAB) Programme – Biosphere Reserves. Grundlagen zu Funktionen, Zonierung, nachhaltiger Entwicklung, Forschung und Beteiligung der Bevölkerung.
- UNESCO: Statutory Framework of the World Network of Biosphere Reserves. Kriterien für Biosphärenreservate, Kern-, Puffer- und Entwicklungszonen sowie Beteiligung der regionalen Akteure.
- UNESCO: Recommendations for the Establishment and Functioning of Transboundary Biosphere Reserves – Pamplona Recommendations. Grundlagen für grenzüberschreitende Biosphärenreservate und gemeinsame ökologische Planung.
- UNESCO World Heritage Centre: Ancient and Primeval Beech Forests of the Carpathians and Other Regions of Europe. UNESCO-Welterbe, Lebensraumgeschichte und nacheiszeitliche Ausbreitung der europäischen Buche.
- UNESCO World Heritage Committee: Decision 41 COM 8B.7 – Ancient and Primeval Beech Forests of the Carpathians and Other Regions of Europe. Anerkennung des außergewöhnlichen universellen Wertes der europäischen Buchenwälder.
- UNESCO: Julian Alps Transboundary Biosphere Reserve. Angaben zur 2024 eingerichteten grenzüberschreitenden Biosphärenregion Italien–Slowenien und ihrer Zonierung.
- Umweltbundesamt Österreich: Lebensraumtyp 91K0 – Illyrische Rotbuchenwälder. Bearbeitung gemäß GEZ-Studie. Verbreitung, Waldgesellschaften, Höhenstufen und Schwerpunktvorkommen in Österreich.
- Kuratorium Wald: NATURA2000.Wald – Handbuch Naturnahe Waldbewirtschaftung. Lebensraumtyp 91K0 und seine österreichische Verbreitung, insbesondere südliches Randgebirge und Obere/Untere Drau.
- Österreichische Power Grid AG: Netzraum Kärnten / 380-kV-Ausbau. Angaben zu den energiewirtschaftlichen Zielsetzungen des Kärntner Netzausbaus.
- Klima- und Energie-Modellregion Großglockner/Mölltal – Oberes Drautal: Energie- und Potenzialanalyse. Angaben zum Windenergiepotenzial der Region und zur Bedeutung der Windkraft im regionalen Energiesystem.
