Zwischen dem Gailtal im Norden und dem Karnischen Hauptkamm im Süden erstreckt sich eine Gebirgslandschaft, deren Wälder zu den bemerkenswertesten Buchenwaldgebieten Kärntens gehören.
Die Karnischen Alpen sind vor allem für ihre schroffen Kalkberge, tief eingeschnittenen Täler und die Nähe zur italienischen Grenze bekannt. Doch unterhalb der Felswände verbirgt sich eine besondere Waldlandschaft: In den tieferen und mittleren Höhenlagen wachsen Buchenwälder, die pflanzengeografisch bereits deutlich vom südosteuropäischen Raum geprägt sind.
Hier finden sich Illyrische Rotbuchenwälder des Lebensraumtyps 91K0.
Ihre bedeutendsten Vorkommen liegen in Kärnten unter anderem im Bereich des Kronhof- und Nölblinggrabens, der Garnitzenklamm und der Mautner Klamm. Die Kärntner Untersuchungen zu den Waldlebensraumtypen weisen diese Gebiete ausdrücklich als Schwerpunkte der Illyrischen Buchenwälder aus.
Damit sind die Karnischen Alpen nicht einfach ein weiteres Buchenwaldgebiet. Sie gehören zu den wichtigen Rückzugs- und Verbreitungsräumen jener Buchenwälder, die den südöstlichen Alpenraum mit den großen Buchenwaldlandschaften Südosteuropas verbinden.
Zwischen Alpen und Südosten
Die besondere Stellung der Karnischen Alpen beginnt mit ihrer Lage. Der Gebirgszug bildet einen Teil des südlichen Alpenbogens und trennt Österreich von Italien. Gleichzeitig liegt die Region in unmittelbarer Nähe zu den südlichen Kalkalpen und damit in einem Übergangsraum verschiedener klimatischer und pflanzengeografischer Einflüsse. Aus dem Süden können feuchte und relativ milde Luftmassen weit in die Täler eindringen. Die Gebirgsketten zwingen die Luft zum Aufsteigen, wodurch es zu hohen Niederschlägen kommen kann. Für die Wälder entsteht dadurch ein vergleichsweise feuchtes und ausgeglichenes Klima. Diese Bedingungen begünstigen die Buche.
Noch wichtiger ist jedoch die Verbindung mit dem südosteuropäischen Florenraum.
Der Begriff „illyrisch“ wird in der Vegetationskunde für einen südosteuropäisch geprägten Pflanzenraum verwendet. Sein Einfluss reicht vom Balkan über Slowenien bis in die südlichen Ostalpen. Die Karnischen Alpen liegen mitten in diesem Übergangsbereich. Die Buchenwälder erzählen daher nicht nur etwas über das lokale Klima. Sie erzählen auch von der Pflanzengeografie Europas.
Die Buche am Südrand der Alpen
Die Rotbuche (Fagus sylvatica) ist eine der wichtigsten Baumarten der natürlichen Waldvegetation Europas. Ihre besondere Fähigkeit ist die hohe Schattentoleranz. Junge Buchen können lange Zeit unter dem Kronendach älterer Bäume überleben. Während andere Baumarten auf viel Licht angewiesen sind, kann die Buche im Schatten ausharren und auf eine günstige Gelegenheit warten. Öffnet sich durch den Tod oder das Umstürzen eines alten Baumes eine Lücke im Kronendach, beginnt die junge Buche stärker zu wachsen. Auf diese Weise kann sich ein Buchenwald selbst verjüngen.
In einem alten Wald stehen deshalb nicht nur die großen Bäume der Gegenwart. Zwischen ihnen wächst bereits die nächste Waldgeneration. Der Buchenwald ist ein System aus verschiedenen Altersphasen, die gleichzeitig nebeneinander existieren können.

Was einen Illyrischen Buchenwald ausmacht
Der Lebensraumtyp 91K0 – Illyrische Rotbuchenwälder (Aremonio-Fagion) ist in der europäischen Fauna-Flora-Habitat-Richtlinie als Lebensraum von gemeinschaftlichem Interesse ausgewiesen.
Sein Verbreitungsgebiet liegt vor allem in den Dinariden und angrenzenden Gebirgsräumen Südosteuropas. Ausläufer reichen in die südöstlichen Alpen und damit auch nach Österreich. Die illyrischen Buchenwälder bilden dabei einen wichtigen Schwerpunkt der biologischen Vielfalt innerhalb der europäischen Buchenwälder.
Sie unterscheiden sich von den klassischen mitteleuropäischen Buchenwäldern nicht dadurch, dass dort eine völlig andere Baumart wachsen würde. Die Buche bleibt Buche.
Der Unterschied liegt in der gesamten Lebensgemeinschaft.
Klima, Geologie, Boden, Begleitbaumarten und Krautschicht verbinden sich zu einer Waldgesellschaft mit südosteuropäischer Prägung. Zu den charakteristischen Pflanzen des Lebensraumtyps gehören beispielsweise Aremonia agrimonoides, Homogyne sylvestris, Saxifraga cuneifolia und Euphorbia carniolica. Weitere illyrisch und südalpin geprägte Arten ergänzen das floristische Bild.
Kalk und Wasser
Die Karnischen Alpen sind geologisch ausgesprochen vielfältig. Kalk- und Dolomitgesteine prägen weite Bereiche, daneben treten andere Gesteine und geologische Einheiten auf. Für die Buchenwälder bedeutet das eine große Vielfalt an Standorten. Auf kalkreichen Böden können sich andere Waldgesellschaften entwickeln als auf stärker versauerten oder tiefgründig verwitterten Böden. Hanglage, Bodenmächtigkeit und Wasserhaushalt entscheiden darüber, wie sich die Bäume entwickeln. Besonders wichtig sind die tief eingeschnittenen Gräben und Schluchten. Dort bleibt die Luftfeuchtigkeit häufig höher als auf den umgebenden Hängen. Quellen, Bäche und wasserführende Rinnen schaffen zusätzlich ein feuchtes Kleinklima. Solche Standorte können für die Buche ausgesprochen günstig sein.
Der Wald der Gräben
Ein Blick auf die Verteilung der Illyrischen Buchenwälder in den Karnischen Alpen zeigt eine auffällige Konzentration in bestimmten Tälern und Gräben. Zu den bedeutenden Vorkommen gehören der Kronhofgraben, der Nölblinggraben, die Garnitzenklamm und die Mautner Klamm. Die Kärntner Natura-2000-Studie bezeichnet diese Bereiche als wichtige zusammenhängende Vorkommen des Lebensraumtyps. Im Kronhofgraben sind nach den Natura-2000-Daten rund 311 Hektar dem Lebensraumtyp 91K0 zugeordnet. In der Garnitzenklamm sind es rund 161 Hektar. Diese Zahlen sind bemerkenswert.
Sie zeigen, dass die Bedeutung der Karnischen Alpen nicht nur aus einzelnen kleinen Restbeständen besteht. In bestimmten Tälern konnten sich größere zusammenhängende Buchenwaldflächen erhalten.
Gerade solche zusammenhängenden Waldlandschaften besitzen einen hohen naturschutzfachlichen Wert.

Der Buchenwald ist mehr als die Buche
Auch in den Karnischen Alpen wächst die Buche nicht allein. Je nach Höhenlage und Standort können Weißtanne, Fichte, Bergahorn, Esche, Bergulme und weitere Laubbaumarten beigemischt sein. In tieferen, wärmeren Lagen verändert sich die Zusammensetzung des Waldes. Mit zunehmender Höhe treten kühlere und montan geprägte Waldgesellschaften in den Vordergrund. Die Weißtanne besitzt dabei eine besondere Bedeutung. Wie die Buche ist sie sehr schattentolerant und kann sich unter einem bestehenden Kronendach verjüngen. Gemeinsam können Buche und Tanne mehrschichtige Wälder bilden, in denen verschiedene Baumgenerationen gleichzeitig vorhanden sind. Die Fichte kann ebenfalls Bestandteil dieser Wälder sein. Ihre Bedeutung hängt jedoch stark vom Standort ab. Ein natürlicher Buchen-Tannen-Wald ist etwas anderes als ein von der Forstwirtschaft geprägter, gleichaltriger Fichtenbestand.
Der Wald als Lebensgemeinschaft
Unter dem Kronendach beginnt eine zweite Welt. Pilze verbinden sich mit den Feinwurzeln der Bäume. Bakterien und andere Mikroorganismen zersetzen organisches Material. Käfer leben in der Rinde und im Holz. Vögel suchen in der Streuschicht nach Nahrung. Im Frühjahr kann sich der Waldboden mit Blüten füllen. Später schließt sich das Kronendach und der Wald wird dunkler. Die Lichtverhältnisse verändern sich im Jahresverlauf. Das hat unmittelbare Auswirkungen auf die Pflanzenwelt. Viele Frühjahrsblüher nutzen die kurze Zeit, in der die Bäume noch kein geschlossenes Blätterdach besitzen. Sobald die Buchen ihre Blätter entfalten, erreicht nur noch wenig Licht den Boden. Die Schattentoleranz der Buche prägt damit nicht nur die Baumschicht. Sie beeinflusst das gesamte Waldökosystem.
Wenn der Wald alt werden darf
Besonders wertvoll werden die Buchenwälder dort, wo Bäume alt werden können. Eine alte Buche ist ein komplexer Lebensraum.
Mit zunehmendem Alter entstehen Höhlen, Astabbrüche, Rindentaschen und abgestorbene Kronenteile. Diese Strukturen werden von Vögeln, Fledermäusen, Insekten und Pilzen genutzt. Wenn der Baum schließlich stirbt, endet seine ökologische Funktion nicht. Stehendes Totholz wird von spezialisierten Organismen besiedelt. Spechte suchen darin nach Larven und schaffen neue Höhlen. Später fällt der Stamm zu Boden und wird Teil des liegenden Totholzes. Pilze bauen das Holz weiter ab. Am Ende gelangen seine Bestandteile zurück in den Boden. Der Tod eines Baumes ist deshalb kein Ende, sondern ein Übergang. Ein naturnaher Buchenwald besteht aus Keimlingen, jungen Bäumen, alten Bäumen und Totholz – gleichzeitig.

Ein besonderes Schutzgut
Die Illyrischen Rotbuchenwälder gehören zu den Schutzgütern des europäischen Natura-2000-Netzwerks.
In den Karnischen Alpen wird dieser Lebensraum unter anderem in den Europaschutzgebieten Wolayersee und Umgebung, Garnitzenklamm und Kronhofgraben geschützt. Im Europaschutzgebiet Wolayersee und Umgebung sind rund 86,5 Hektar des Lebensraumtyps 91K0 ausgewiesen; im Kronhofgraben sind es rund 311 Hektar. Die Garnitzenklamm beherbergt rund 160,7 Hektar. Besonders eindrucksvoll ist die Garnitzenklamm. Auf nur rund 250 Hektar Gesamtfläche des Europaschutzgebietes sind dort sowohl Hainsimsen-Buchenwälder als auch Illyrische Rotbuchenwälder ausgewiesen. Der Lebensraumtyp 91K0 nimmt rund 161 Hektar ein. Gleichzeitig ist dort mit Dicranum viride ein Moos des Anhangs II der FFH-Richtlinie nachgewiesen.
Solche Gebiete zeigen, dass Naturschutz nicht immer große Flächen benötigt. Auch ein relativ kleinräumiges Tal kann eine außerordentliche Bedeutung besitzen, wenn dort seltene und naturnahe Waldlebensräume erhalten geblieben sind.
Naturschutz braucht Zeit
Der Schutz eines Buchenwaldes bedeutet nicht nur, die Fläche auf einer Karte abzugrenzen. Ein Waldlebensraum muss sich entwickeln können. Dazu gehören natürliche Verjüngung, unterschiedliche Altersstufen, alte Bäume und ausreichend Totholz. Auch die natürliche Baumartenzusammensetzung und die Struktur des Waldes sind entscheidend. Gerade bei den Illyrischen Buchenwäldern ist die Unterscheidung zwischen einem natürlichen Waldlebensraum und einem lediglich von Buchen dominierten Wirtschaftswald wichtig. Nicht jeder Bestand mit vielen Buchen ist automatisch ein 91K0.
Die Zuordnung erfolgt anhand der gesamten Waldgesellschaft und ihrer standörtlichen und floristischen Eigenschaften. Genau diese fachliche Abgrenzung war auch Gegenstand der wissenschaftlichen Bearbeitung des Lebensraumtyps in Österreich.
Die Spuren der Nutzung
Auch die Buchenwälder der Karnischen Alpen sind keine von Menschen völlig unberührten Wälder. Holz wurde über Jahrhunderte genutzt. In den Tälern wurde Landwirtschaft betrieben, und die Bergbaugeschichte der Region hat ebenfalls Spuren hinterlassen.
Die heutige Waldlandschaft ist deshalb das Ergebnis einer langen Entwicklung. Manche Bestände wurden stärker genutzt, andere blieben aufgrund ihrer Steilheit oder schlechten Erreichbarkeit vergleichsweise naturnah. Gerade diese schwer zugänglichen Hänge und Gräben konnten zu Rückzugsräumen für alte Waldstrukturen werden.
Was für den Menschen früher ein schwer nutzbarer Wald war, kann heute ein besonders wertvoller Lebensraum sein.
Wald und Naturgefahren
In den steilen Karnischen Alpen erfüllt der Wald noch eine weitere wichtige Funktion. Er stabilisiert die Hänge. Die Wurzeln halten den Boden zusammen, die Streuschicht schützt die Bodenoberfläche und die Vegetation beeinflusst den Wasserhaushalt. Auf steilen Hängen kann ein geschlossener Wald dadurch zur Verringerung von Erosion beitragen. Gleichzeitig können Lawinen, Steinschlag und Muren die Waldentwicklung beeinflussen. Der Wald muss sich an diese Prozesse anpassen. Wo regelmäßig Lawinen abgehen, können keine hohen, geschlossenen Bestände entstehen. An anderen Stellen entwickeln sich stabile, mehrschichtige Bergwälder.
Ein Wald zwischen zwei Welten
Die Karnischen Alpen sind eine Grenzlandschaft. Nördlich liegt der mitteleuropäisch geprägte Alpenraum, südlich beginnt der Einfluss des südosteuropäischen und adriatischen Raumes. Die Buchenwälder stehen genau dazwischen.
Ihre Baumarten, ihre Krautschicht und ihre Standortbedingungen erzählen von dieser Übergangssituation. Der Lebensraumtyp 91K0 bildet dabei eine Verbindung zu den großen illyrischen Buchenwaldgebieten Südosteuropas.
Die Illyrischen Buchenwälder der Karnischen Alpen sind ein Teil der europäischen Waldnatur.
Sie verbinden die Alpen mit dem südosteuropäischen Raum, speichern Kohlenstoff, schützen Böden und Hänge, bieten Lebensraum für unzählige Organismen und bewahren eine Waldgeschichte, die weit über menschliche Zeiträume hinausreicht.
Wer durch einen alten Buchenwald der Karnischen Alpen geht, sieht deshalb nicht nur einen Wald. Er sieht ein Stück Europa.
Ein Stück Waldnatur, das nur erhalten bleibt, wenn wir ihm erlauben, alt zu werden.

Quellen
- Amt der Kärntner Landesregierung, Abteilung 8 – Umwelt, Wasser und Naturschutz: Kirchmeir, H. & Kreimer, E. (2015): Studie zur Ausweisung von Natura-2000-Gebieten (Wälder) in Kärnten. Klagenfurt.
- Amt der Kärntner Landesregierung, Abteilung 8 – Umwelt, Energie und Naturschutz: Grundlagen und Schutzbestimmungen der Europaschutzgebiete im Bereich der Karnischen Alpen. Kärnten.
- European Environment Agency: Natura 2000 Standard Data Form – Wolayersee und Umgebung, AT2109000. Europäische Union.
- European Environment Agency: Natura 2000 Standard Data Form – Garnitzenklamm, AT2159000. Europäische Union.
- European Environment Agency: Natura 2000 Standard Data Form – Kronhofgraben, AT2161000. Europäische Union.
- European Environment Agency: Natura 2000 Standard Data Form – Kirchbachgraben, AT2168000. Europäische Union.
- Bundesforschungszentrum für Wald / Kuratorium Wald: Natura 2000 Wald – Naturnahe Waldbewirtschaftung. Handbuch zu den Wald-Lebensraumtypen und waldassoziierten Arten. Wien.
- Bundesforschungszentrum für Wald / Kuratorium Wald: Illyrische Rotbuchenwälder – Lebensraumtyp 91K0 (Aremonio-Fagion). Natura 2000 Wald, Wien.
- BOKU – Universität für Bodenkultur Wien, Institut für Waldbau: Wissenschaftliche Bearbeitung von 91K0 Illyrische Rotbuchenwälder gemäß GEZ-Studie. Wien.
- Ellmauer, T. (Hrsg.): Entwicklung von Kriterien, Indikatoren und Schwellenwerten zur Beurteilung des Erhaltungszustandes der Natura-2000-Schutzgüter. Band 3: Lebensraumtypen des Anhangs I der Fauna-Flora-Habitat-Richtlinie. Umweltbundesamt, Wien.
- Essl, F., Egger, G., Ellmauer, T. & Aigner, S.: Rote Liste gefährdeter Biotoptypen Österreichs – Wälder, Forste, Vorwälder. Umweltbundesamt, Wien.
- Willner, W. & Grabherr, G. (Hrsg.): Die Wälder und Gebüsche Österreichs. Elsevier, München.
- Fauna-Flora-Habitat-Richtlinie 92/43/EWG: Anhang I – Lebensraumtyp 91K0 „Illyrische Rotbuchenwälder (Aremonio-Fagion)“.
- Natura 2000 Standard Data Form AT2109000, AT2159000 und AT2161000: Angaben zu den geschützten Waldlebensraumtypen der Karnischen Alpen.
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