Ein Standardwerk zum Verständnis unserer Wälder
Wer einen Wald verstehen möchte, sollte nicht bei den einzelnen Bäumen stehen bleiben. Ein Wald ist weit mehr als die Summe seiner Baumarten. Er ist eine Lebensgemeinschaft, die sich aus dem Zusammenwirken von Klima, Boden, Wasser, Licht, Relief, Höhenlage, Pflanzen, Tieren und Mikroorganismen entwickelt hat. Zugleich trägt jeder Wald die Spuren seiner Geschichte: natürliche Veränderungen, Störungen, menschliche Nutzung und die Entwicklung der Landschaft haben seine heutige Gestalt geprägt.
Kaum ein Werk hat diese Zusammenhänge für Mitteleuropa so umfassend dargestellt wie „Vegetation Mitteleuropas mit den Alpen in ökologischer, dynamischer und historischer Sicht“ von Heinz Ellenberg. Das erstmals 1963 erschienene Werk wurde zu einem grundlegenden Standardwerk der Vegetationsökologie. In der 6. Auflage von 2010 wurde es von Christoph Leuschner vollständig überarbeitet und stark erweitert. Die Ausgabe umfasst mehr als 1300 Seiten und behandelt die Vegetation Mitteleuropas von ihren naturräumlichen Grundlagen über ihre historische Entwicklung bis zu aktuellen Umweltveränderungen. Ein großer Teil des Werkes ist den Wäldern gewidmet.
Für die Waldökologie ist dieses Buch besonders interessant, weil es einen grundlegenden Perspektivwechsel ermöglicht:
Man betrachtet den Wald nicht nur als Bestand von Bäumen, sondern als standortgebundene Lebensgemeinschaft.
Die Frage lautet also nicht allein, welche Baumarten in einem Wald vorkommen, sondern warum gerade diese Arten dort wachsen, welche Umweltbedingungen sie vorfinden und wie sich der Wald unter natürlichen und menschlichen Einflüssen entwickelt. Gerade für die Alpen und die Buchenwälder Kärntens ist dieser Blickwinkel von großer Bedeutung.
1.Die Vegetation als Ausdruck von Klima, Boden und Landschaft
Eine der grundlegenden Aussagen Ellenbergs ist, dass die Vegetation eines Standortes nicht zufällig zusammengesetzt ist. Pflanzenarten besitzen unterschiedliche Ansprüche und Toleranzen gegenüber Temperatur, Wasser, Licht, Nährstoffen, Bodenreaktion und anderen Umweltfaktoren. Die Zusammensetzung einer Pflanzengemeinschaft spiegelt deshalb in gewisser Weise die Lebensbedingungen eines Standortes wider. Wer einen Wald aufmerksam betrachtet, kann daher vieles über seinen Standort erfahren. Welche Pflanzen wachsen in der Krautschicht? Gibt es viele Moose? Ist der Boden eher sauer oder basenreich? Ist er trocken oder dauerhaft feucht? Wie stark ist der Bestand beschattet? Welche Baumarten können sich natürlich verjüngen? Welche Pflanzen fehlen? Aus der Gesamtheit dieser Merkmale lässt sich ein Bild der ökologischen Bedingungen entwickeln.
Ellenberg hat diese Zusammenhänge besonders für die Pflanzen Mitteleuropas systematisch untersucht. Bekannt geworden sind unter anderem die Ellenberg-Zeigerwerte, mit deren Hilfe Pflanzenarten hinsichtlich verschiedener ökologischer Faktoren eingeordnet werden können. Sie ermöglichen es, aus dem Vorkommen bestimmter Pflanzen Rückschlüsse auf Standortbedingungen zu ziehen. Die 6. Auflage enthält eine überarbeitete Fassung dieser Zeigerwerte. Dabei handelt es sich nicht um starre Naturgesetze. Pflanzen reagieren auf das gesamte Standortgefüge, und lokale Bedingungen können erheblich voneinander abweichen. Die Zeigerwerte sind deshalb vor allem ein Werkzeug, um ökologische Zusammenhänge besser zu erkennen.
2.Der Wald als Lebensgemeinschaft
Besonders ausführlich behandelt Ellenberg die naturnahen Wälder Mitteleuropas. Dabei werden zunächst die standörtlichen und ökologischen Grundlagen betrachtet: die räumliche Gliederung der Wälder, Höhenstufen, Klima, Waldinnenklima, Bodenwasserhaushalt und chemische Bodeneigenschaften. Anschließend werden die wichtigsten Baumarten hinsichtlich ihrer Ökologie und ihrer Konkurrenzbeziehungen miteinander verglichen. Das ist für das Verständnis von Wäldern entscheidend. Denn die Frage, warum an einem bestimmten Standort Buche, Fichte, Tanne, Lärche oder Zirbe wächst, lässt sich nicht mit einem einzigen Faktor beantworten. Temperatur, Niederschlag, Boden, Wasserhaushalt, Licht und Konkurrenz wirken zusammen.
Auch die Baumarten selbst verändern ihren Standort. Sie beeinflussen beispielsweise die Lichtverhältnisse, die Qualität der Streu, die Humusbildung und den Nährstoffkreislauf. Ein Wald ist deshalb ein sich selbst mitgestaltendes System.

3.Die Rotbuche – eine Schlüsselart der mitteleuropäischen Wälder
Eine besondere Stellung nimmt die Rotbuche (Fagus sylvatica) ein. Sie ist eine der wichtigsten Baumarten der natürlichen Vegetation Mitteleuropas und besitzt unter geeigneten Bedingungen eine außerordentlich hohe Konkurrenzkraft. Buchen können mit ihrem dichten Kronendach den Waldboden stark beschatten. Dadurch entstehen besondere Bedingungen für die Kraut- und Strauchschicht. Arten, die viel Licht benötigen, haben unter einem geschlossenen Buchendach wenig Chancen; schattenverträgliche Arten können dagegen bestehen.
Das erklärt auch, weshalb ein naturnaher Buchenwald oft überraschend artenarm erscheinen kann, wenn man nur die Krautschicht betrachtet. Seine ökologische Bedeutung lässt sich nicht allein an der Zahl der sichtbaren Pflanzenarten messen. Entscheidend ist das gesamte Gefüge aus Baumkronen, Unterwuchs, Boden, Pilzen, Mikroorganismen und Tierwelt.
Ellenberg behandelt die Buchen- und Buchenmischwälder deshalb differenziert. Die Buche wächst nicht überall unter denselben Bedingungen. Je nach Boden, Nährstoffversorgung, Wasserhaushalt und Klima entstehen unterschiedliche Waldgesellschaften. In der 6. Auflage nimmt der Abschnitt über Buchen und Buchenmischwälder einen großen Raum ein.
4.Buchenwälder sind nicht überall gleich
Für den Alpenraum ist diese Differenzierung besonders wichtig.
Ein Buchenwald auf kalkreichem Untergrund unterscheidet sich ökologisch von einem Buchenwald auf saurem, nährstoffärmerem Boden. Ebenso unterscheiden sich Wälder trockener, sonniger Hänge von solchen auf frischen oder feuchten Standorten. Auch die Höhenlage verändert die Konkurrenzverhältnisse. Mit zunehmender Höhe nehmen die Durchschnittstemperaturen ab, die Vegetationsperiode wird kürzer und die klimatischen Belastungen nehmen zu. Die Buche kann deshalb in höheren Lagen zunehmend von anderen Baumarten zurückgedrängt werden. Dabei gibt es keine einfache Grenze, ab der plötzlich „kein Buchenwald mehr“ vorkommt. Die tatsächlichen Übergänge sind fließend und werden durch Exposition, Geländeform, Boden und lokales Klima beeinflusst.
Gerade darin liegt eine wichtige Erkenntnis für die Alpen:
Höhenstufen sind ökologische Gradienten und keine starren Etagen.

5.Die Wälder der Alpen – ein Mosaik verschiedener Lebensgemeinschaften
Die Alpen bieten auf relativ engem Raum eine außerordentliche Vielfalt an Lebensbedingungen. Täler, Hänge, Hochflächen und Gipfelregionen unterscheiden sich hinsichtlich Temperatur, Niederschlag, Schneelage, Sonneneinstrahlung, Bodenentwicklung und Wasserhaushalt. Dementsprechend verändert sich auch die Vegetation.
Von tieferen Lagen mit wärmeliebenden Laubwäldern reicht die Entwicklung über Buchen- und Buchenmischwälder, montane Mischwälder und Nadelwälder bis zu den hochmontanen und subalpinen Waldgesellschaften. Dabei sind Fichte, Tanne, Lärche und Zirbe von besonderer Bedeutung.
Der Bergwald ist deshalb nicht einfach ein „Nadelwald in den Bergen“. Er ist das Ergebnis eines komplexen Zusammenspiels von Höhenlage, Klima, Gelände, Boden und Konkurrenz.
6.Bergwälder – Schutzgemeinschaften der Alpen
Bergwälder besitzen neben ihrer Bedeutung als Lebensraum eine weitere, für den Menschen unmittelbar erkennbare Funktion. Sie können Hänge stabilisieren, Wasser zurückhalten und den Abfluss verlangsamen. In vielen Gebieten schützen sie Siedlungen, Verkehrswege und landwirtschaftlich genutzte Flächen vor Naturgefahren. Ihre ökologische Bedeutung geht jedoch weit darüber hinaus.
Bergwälder sind Lebensräume für zahlreiche Pflanzen- und Tierarten und bilden wichtige Verbindungen zwischen unterschiedlichen Landschaftsräumen. Gleichzeitig sind sie besonders empfindlich gegenüber Veränderungen, weil die klimatischen Bedingungen mit zunehmender Höhe ohnehin an die physiologischen Grenzen vieler Baumarten heranreichen.
Ellenbergs Betrachtung hilft, diese Wälder nicht isoliert zu betrachten, sondern als Teil eines größeren Systems von Vegetationsstufen und Landschaftsräumen.
7.Die Lärche – eine besondere Baumart der Alpen
Die Europäische Lärche (Larix decidua) nimmt innerhalb der alpinen Wälder eine besondere Stellung ein. Als sommergrüner Nadelbaum unterscheidet sie sich deutlich von den immergrünen Nadelbäumen Fichte, Tanne und Zirbe. Sie kann unter klimatisch anspruchsvollen Bedingungen wachsen und spielt insbesondere in höheren Lagen eine wichtige Rolle. Häufig tritt sie gemeinsam mit Fichte oder Zirbe auf.
Ihre heutige Verbreitung ist jedoch nicht ausschließlich das Ergebnis natürlicher Standortbedingungen. Die Alpen sind seit Jahrhunderten durch menschliche Nutzung geprägt. Almwirtschaft, Waldweide, Holznutzung und forstliche Bewirtschaftung haben die Waldstruktur und die Konkurrenzverhältnisse zwischen Baumarten teilweise erheblich verändert. Deshalb muss bei der Beurteilung eines heutigen Lärchenwaldes immer auch seine Geschichte berücksichtigt werden. Ein Wald kann heute natürlich wirken und dennoch durch frühere menschliche Eingriffe geprägt sein.
8.Die Zirbe – angepasst an die Hochlagen
Noch deutlicher wird die Bedeutung von Klima und Höhenlage bei der Zirbe (Pinus cembra).
Die Zirbe gehört zu den charakteristischen Baumarten der hochmontanen und subalpinen Alpen. Sie ist an lange Winter, tiefe Temperaturen, kurze Vegetationszeiten und hohe Schneebelastungen angepasst. In höheren Lagen kann sie gemeinsam mit der Lärche und teilweise mit der Fichte Waldgesellschaften bilden. Mit zunehmender Höhe wird das Wachstum schwieriger, die Bäume bleiben kleiner und die Entwicklung verläuft langsamer. Schließlich wird die Waldgrenze erreicht.
Die Waldgrenze ist dabei kein überall gleich hoch liegender Grenzwert. Sie hängt von Klima, Exposition, Relief, Schneeverhältnissen und der Geschichte der Nutzung ab. Auch menschliche Einflüsse können dazu beigetragen haben, dass die heutige Waldgrenze nicht überall der ursprünglichen entspricht.
Gerade die Zirbenwälder zeigen deshalb besonders eindrucksvoll, wie eng Vegetation und Klima miteinander verbunden sind.
9.Die Waldgrenze – eine ökologische Grenze
An der Waldgrenze lässt sich besonders gut beobachten, wie Pflanzen auf zunehmenden Umweltstress reagieren. Die Vegetationsperiode wird immer kürzer. Frost kann während der Wachstumszeit auftreten, die Schneedecke bleibt lange liegen, und die Bäume müssen mit niedrigen Temperaturen und mechanischer Belastung durch Schnee und Eis zurechtkommen. Unter diesen Bedingungen verändern sich Wuchsform und Wachstum. Bäume werden kleiner, wachsen langsamer und können sich nicht mehr zu geschlossenen Hochwäldern entwickeln.
Die Waldgrenze ist daher nicht einfach eine geografische Linie. Sie ist das Ergebnis eines komplexen Zusammenwirkens klimatischer und ökologischer Faktoren.
Ellenbergs Betrachtung der Höhenstufen macht solche Zusammenhänge verständlich und zeigt zugleich, warum Veränderungen des Klimas langfristig auch Veränderungen der Vegetationsverteilung bewirken können.

10.Der Wald hat eine Geschichte
Ein besonders wichtiger Bestandteil des Werkes ist die historische Betrachtung.
Die heutige Vegetation Mitteleuropas ist das Ergebnis einer langen Entwicklung. Nach den Eiszeiten wanderten Baumarten wieder in Mitteleuropa ein. Gleichzeitig veränderte der Mensch die Landschaft über Jahrtausende durch Rodung, Landwirtschaft, Weidewirtschaft und Holznutzung.
Ellenberg widmet der Entstehung der heutigen Pflanzendecke unter dem Einfluss des Menschen einen ausführlichen Abschnitt. Behandelt werden unter anderem die Auflichtung und Zerstörung von Wäldern, traditionelle Formen der Waldnutzung, die Entwicklung vom Nieder- und Mittelwald zur modernen Forstwirtschaft sowie spätere Veränderungen durch Technisierung und Intensivierung. Diese historische Perspektive ist für die heutige Waldökologie von großer Bedeutung. Denn ein Wald, den wir heute als „natürlich“ wahrnehmen, kann Spuren jahrhundertelanger Nutzung tragen. Umgekehrt können bestimmte heute selten gewordene Waldstrukturen früher wesentlich verbreiteter gewesen sein.
Wer den heutigen Wald schützen möchte, muss daher auch seine Geschichte kennen.
11.Natürliche Dynamik und menschliche Eingriffe
Wälder sind dynamische Systeme. Bäume sterben, Licht fällt auf den Waldboden, neue Pflanzen keimen, Bestände verdichten sich wieder. Stürme, Lawinen, Trockenperioden, Krankheiten und andere natürliche Störungen können die Entwicklung beeinflussen. Ein alter Wald ist deshalb kein statischer Zustand. Besonders wertvoll ist die Betrachtung der verschiedenen Entwicklungsphasen: von der Verjüngung über die Wachstums- und Reifephase bis zum Zerfall und zur Entstehung neuer Waldstrukturen.
In natürlichen oder naturnahen Wäldern können alte Bäume, Baumhöhlen, stehendes Totholz und liegende Stämme wichtige Lebensräume darstellen. Der Zerfall eines Baumes bedeutet deshalb nicht das Ende seiner ökologischen Bedeutung. Im Gegenteil: Mit dem Absterben beginnt eine neue Phase seines Beitrags zum Ökosystem.
Dieser Gedanke ist für das Verständnis naturnaher Wälder von zentraler Bedeutung.
12.Warum alte Buchenwälder besonders wertvoll sind
Gerade alte Buchenwälder zeigen, was unter einem Wald als komplexer Lebensgemeinschaft zu verstehen ist. Ein alter Buchenwald besitzt eine andere Struktur als ein gleichaltriger, intensiv bewirtschafteter Bestand. Alte Bäume entwickeln starke Stämme und Kronen, einzelne Exemplare sterben ab und werden zu Totholz. Dadurch entstehen unterschiedliche Lichtverhältnisse und zahlreiche Kleinlebensräume.
Mit zunehmendem Alter steigt die strukturelle Vielfalt.
Dies bedeutet nicht, dass jeder alte Wald automatisch „natürlich“ ist oder dass jede Nutzung grundsätzlich ökologisch schädlich wäre. Entscheidend ist vielmehr, welche Strukturen und Prozesse vorhanden sind und wie stark sie durch menschliche Eingriffe verändert werden.
Ellenbergs Werk bietet dafür einen wichtigen Bezugsrahmen: Es macht verständlich, welche Waldgesellschaft zu welchem Standort gehört und wie sich die Vegetation unter unterschiedlichen Bedingungen entwickeln kann.
13.Naturnahe Wälder als Teil einer größeren Landschaft
Ein weiterer wichtiger Gedanke ist die Verbindung zwischen einzelnen Waldflächen und der gesamten Landschaft.
Ein Buchenwald steht nicht isoliert. Er steht in Verbindung mit angrenzenden Wäldern, Gewässern, Wiesen, Felslebensräumen und anderen Lebensräumen. Tiere bewegen sich zwischen diesen Bereichen, Samen werden verbreitet, Wasser fließt durch Landschaften und ökologische Prozesse wirken über die Grenzen einzelner Grundstücke hinaus.
Für den Naturschutz bedeutet das: Es reicht nicht immer, einzelne besonders schöne oder wertvolle Waldflächen zu schützen. Entscheidend ist auch die Erhaltung ihrer ökologischen Zusammenhänge.
Gerade im Alpenraum, wo Täler, Verkehrswege, Siedlungen, Energieinfrastruktur und intensive Nutzungen natürliche Lebensräume zunehmend fragmentieren können, gewinnt dieser Landschaftszusammenhang an Bedeutung.

14.Ellenbergs Bedeutung für die heutige Waldökologie
Obwohl Ellenbergs Grundlagenwerk bereits Jahrzehnte zurückreicht, ist sein grundlegender Ansatz weiterhin von großer Bedeutung. Die 6. Auflage wurde 2010 umfassend überarbeitet und berücksichtigt unter anderem aktuelle Umweltbelastungen und die Dynamik von Lebensgemeinschaften.
Seine besondere Stärke liegt darin, verschiedene Betrachtungsebenen miteinander zu verbinden:
Standort – Pflanze – Pflanzengemeinschaft – Wald – Landschaft – Geschichte.
Erst in dieser Verbindung wird verständlich, warum sich unsere Wälder so unterscheiden und warum Veränderungen an einer Stelle Auswirkungen auf das gesamte System haben können.
Für interessierte Bürgerinnen und Bürger bietet das Werk deshalb einen wertvollen Schlüssel zur eigenen Beobachtung. Wer künftig durch einen Buchenwald geht, kann sich fragen: Wie ist der Boden beschaffen? Welche Pflanzen wachsen hier? Wie stark ist der Wald beschattet? Welche Baumarten kommen gemeinsam vor? Welche Altersstrukturen sind vorhanden? Gibt es Totholz? Wie wirkt die Hanglage? Wie könnte sich dieser Wald ohne weitere Eingriffe entwickeln?
Ein solcher Blick verändert die Wahrnehmung. Aus „Bäumen im Wald“ wird eine Lebensgemeinschaft.
15.Was wir aus Ellenbergs Werk für Kärnten lernen können
Diese Betrachtungsweise ist gerade für Ober- und Mittelkärnten von besonderer Bedeutung. Kärnten liegt in einem Übergangsbereich verschiedener klimatischer und biogeografischer Einflüsse. Die unterschiedlichen Höhenlagen, geologischen Untergründe, Expositionen und Niederschlagsverhältnisse führen zu einer großen Vielfalt an Waldgesellschaften.
Die Buchenwälder Ober- und Mittelkärntens sind deshalb nicht nur schöne Landschaftselemente. Sie sind Teil eines größeren mitteleuropäischen Vegetationszusammenhangs.
Ihre Bedeutung erschließt sich erst vollständig, wenn man sie als Lebensgemeinschaften und als Ergebnis einer langen Natur- und Kulturgeschichte betrachtet.
Das gilt ebenso für die Bergwälder und die höher gelegenen Lärchen- und Zirbenwälder.
Jeder dieser Waldtypen besitzt seine eigenen ökologischen Bedingungen, seine charakteristischen Arten und seine eigene Dynamik. Zusammen bilden sie ein fein abgestimmtes Mosaik alpiner Lebensräume.
16.Wissen als Grundlage des Schutzes
Hier liegt auch die besondere Bedeutung von Ellenbergs Werk für die Arbeit von IRBIS.
Waldschutz beginnt mit dem Kennenlernen. Wer weiß, welche Pflanzen in einem Buchenwald vorkommen, welche Bedingungen sie benötigen und wie eine Waldgesellschaft entstanden ist, kann ihre Besonderheit besser erkennen. Wer die Unterschiede zwischen einem Buchenwald, einem montanen Mischwald und einem Lärchen-Zirben-Wald versteht, erkennt zugleich, dass diese Wälder nicht beliebig austauschbar sind. Wer die natürliche Dynamik eines Waldes kennt, versteht auch, dass ein alter Baum, Totholz oder ein sich selbst entwickelnder Waldbestand nicht „ungenutzte Fläche“ bedeutet, sondern Teil eines ökologischen Prozesses sein kann.
Wissenschaftliches Wissen kann damit helfen, eine andere Beziehung zur Landschaft zu entwickeln: weg von der ausschließlichen Betrachtung als Nutzfläche und hin zur Wahrnehmung als Lebensraum.
17.Von der Vegetationskunde zur Verantwortung
Ellenbergs Werk verbindet wissenschaftliche Genauigkeit mit einem Gedanken, der für den heutigen Naturschutz besonders wichtig ist:
Die Vegetation erzählt uns etwas über die Natur eines Ortes.
Sie zeigt uns, welche Bedingungen dort herrschen, welche Entwicklungen möglich sind und welche Veränderungen stattgefunden haben. Gerade deshalb ist Vegetationskunde weit mehr als die Bestimmung von Pflanzenarten. Sie ist eine Möglichkeit, Landschaft zu lesen. Wer Landschaft lesen kann, beginnt auch ihre Verletzlichkeit zu verstehen.
Die Zerstörung eines alten Buchenwaldes bedeutet dann nicht einfach den Verlust einer bestimmten Zahl von Bäumen. Verloren geht eine über lange Zeit entstandene Lebensgemeinschaft mit Boden, Pilzen, Pflanzen, Tieren, Mikroklima, Altersstrukturen und natürlichen Entwicklungsprozessen.
Ebenso lässt sich ein gewachsener Bergwald nicht ohne Weiteres durch eine andere Waldfläche ersetzen. Standort, Artenzusammensetzung, Alter, Bodenentwicklung und ökologische Beziehungen sind das Ergebnis einer langen Entwicklung.
Das macht den Schutz naturnaher Wälder zu einer Aufgabe, die weit über die Frage der Holzproduktion hinausgeht.

18.IRBIS – Wissen, Vernetzung und Bewahrung
Die Auseinandersetzung mit Ellenberg passt deshalb unmittelbar zum Grundgedanken von IRBIS.
IRBIS möchte Wissen nicht als Selbstzweck vermitteln. Die Beschäftigung mit Waldökologie soll dazu beitragen, die Natur besser kennenzulernen, Zusammenhänge zu verstehen und daraus Bewusstsein und Verantwortung entstehen zu lassen.
Buchenwälder, Bergwälder, Lärchen- und Zirbenwälder sind komplexe Lebensgemeinschaften, eingebettet in eine größere Landschaft und geprägt von Klima, Boden, Höhenlage, Naturgeschichte und menschlicher Nutzung.
Wer diese Zusammenhänge erkennt, kann die Wälder Ober- und Mittelkärntens mit anderen Augen sehen.
Dann wird aus dem Buchenwald nicht nur ein schöner Landschaftsraum, sondern ein einzigartiger Lebensraum.
Aus dem Bergwald wird nicht nur eine Ansammlung von Nadelbäumen, sondern eine hochangepasste alpine Lebensgemeinschaft.
Die Zirbe an der Waldgrenze wird ein Beweis dafür, wie weit sich Leben an extreme Bedingungen anpassen kann.
Wissen schafft Verständnis. Verständnis schafft Wertschätzung. Und Wertschätzung kann die Bereitschaft stärken, Verantwortung zu übernehmen.
Genau darin liegt eine zentrale Idee von IRBIS: Menschen miteinander zu verbinden, die sich für die Natur, den Wald und die Bewahrung naturnaher Lebensräume einsetzen möchten.
Die Beschäftigung mit Ellenberg ist deshalb nicht nur ein Blick in ein bedeutendes wissenschaftliches Standardwerk. Sie ist auch eine Einladung, den Wald selbst genauer anzusehen – seine Bäume, seine Pflanzen, seinen Boden, seine Geschichte und seine stille Dynamik. Denn was wir kennen und verstehen, können wir auch besser schützen.
IRBIS – Im Zeichen des SchneeleopardenFür die Schönheit der Natur.
Für die Würde des Lebendigen.
Für die Bewahrung der Wälder.
