Die montanen Buchenwälder der Nordabdachung der Karawanken und Karnischen Alpen
Kurt Zukrigl (1989) – eine vegetationskundliche Schlüsselarbeit für Südkärnten
Einleitung
Mit seiner 1989 erschienenen Arbeit „Die montanen Buchenwälder der Nordabdachung der Karawanken und Karnischen Alpen“ legte der österreichische Forstwissenschaftler und Botaniker Kurt Zukrigl eine grundlegende vegetationskundliche Untersuchung der südkärntnerischen Buchenwälder vor. Die Arbeit erschien als Band 9 der Reihe Naturschutz in Kärnten beim Amt der Kärntner Landesregierung und umfasst 116 Seiten.
Für die Waldökologie Kärntens besitzt diese Untersuchung bis heute eine besondere Bedeutung. Zukrigl beschrieb nicht einfach einzelne Waldbestände, sondern untersuchte die Zusammenhänge zwischen Standort, Vegetation, Höhenlage, Boden, Klima und menschlicher Nutzungsgeschichte.
Seine Arbeit macht damit sichtbar, was einen Buchenwald ökologisch auszeichnet: Nicht allein die Buche als Baumart, sondern die gesamte Pflanzengemeinschaft und ihre Bindung an einen bestimmten Lebensraum.
Bemerkenswert ist auch die wissenschaftsgeschichtliche Bedeutung der Arbeit: Die späteren Untersuchungen und Kartierungen der Kärntner Waldlebensräume greifen vielfach auf Zukrigls Aufnahmen und seine Abgrenzung der Buchenwaldgesellschaften zurück. Eine Kärntner Natura-2000-Studie bezeichnet seine Arbeit ausdrücklich als wichtige pflanzensoziologische Grundlage für die montanen Buchenwälder der Nordabdachung von Karawanken und Karnischen Alpen.
1. Zukrigls zentrale Frage
Im Mittelpunkt steht eine scheinbar einfache, tatsächlich aber grundlegende Frage:
Welche Buchenwälder wachsen wo – und warum?
Zukrigl betrachtet den Wald dabei nicht als beliebige Ansammlung von Bäumen.
Er untersucht die Waldgesellschaft. Eine Waldgesellschaft ist eine Lebensgemeinschaft, in der Baum-, Strauch-, Kraut- und Moosschicht charakteristisch miteinander verbunden sind und auf bestimmte Standortbedingungen reagieren. Damit wird die Buche zu einem Teil eines größeren Systems. Je nachdem, ob ein Wald beispielsweise auf Kalk, Silikat, tiefgründigem Boden, flachgründigem Hang, trockenem Standort oder feucht-kühler Hochlage wächst, verändert sich auch seine Artenzusammensetzung.
2. Die Buche als prägende Baumart der montanen Waldlandschaft
Zukrigls Untersuchungen zeigen eindrucksvoll die große ökologische Bedeutung der Rotbuche (Fagus sylvatica) in den montanen Waldlandschaften Südkärntens. Die Buche kann in sehr unterschiedlichen Waldgesellschaften dominieren. Sie bildet sowohl relativ reine Buchenbestände als auch Mischwälder mit Weißtanne, Fichte, Bergahorn, Lärche, Esche, Eberesche und weiteren Baumarten.
Damit wird deutlich:„Buchenwald“ bedeutet nicht zwangsläufig „reiner Buchenbestand“.
Gerade die natürlichen Übergänge zwischen Buche und anderen Baumarten sind für das Verständnis der Waldökologie entscheidend.
3. Die Nordabdachung der Karawanken und Karnischen Alpen als besonderer Naturraum
Das Untersuchungsgebiet ist aus geobotanischer Sicht außergewöhnlich.
Hier treffen unterschiedliche Einflüsse aufeinander alpine Höhenstufen, südalpine Vegetation, illyrische Florenelemente, inneralpine Klimabedingungen, unterschiedliche geologische Ausgangsgesteine, stark differenzierte Reliefverhältnisse. Dadurch entstehen auf relativ engem Raum sehr unterschiedliche Waldgesellschaften.
Die späteren Kärntner Schutzgebietsuntersuchungen bestätigen diese außerordentliche Bedeutung: Für Kärnten werden unter anderem Hainsimsen-Buchenwälder, illyrische Rotbuchenwälder sowie Schlucht- und Hangmischwälder als eigenständige Waldlebensraumtypen ausgewiesen.
Zukrigls Arbeit liefert für das Verständnis dieser Vielfalt einen wesentlichen historischen und pflanzensoziologischen Baustein.
4. Standort und Waldgesellschaft
Eine der wichtigsten Erkenntnisse Zukrigls lautet:
Der Wald ist Ausdruck seines Standortes.
Entscheidend sind unter anderem Gestein, Boden, Wasserhaushalt, Hanglage, Exposition, Seehöhe, Temperatur, Schneebedeckung, Lichtverhältnisse und menschliche Nutzung. Deshalb können zwei Wälder, die auf den ersten Blick ähnlich aussehen, pflanzensoziologisch deutlich verschieden sein. Umgekehrt können unterschiedliche Baumartenkombinationen zu derselben übergeordneten Waldgesellschaft gehören, wenn sie auf vergleichbare Standortbedingungen reagieren.

5. Die Höhenstufen der Buchenwälder
Zukrigl zeigt, dass sich die Buchenwälder entlang des Bergreliefs verändern.
Mit zunehmender Höhe verändern sich Temperatur, Vegetationsperiode, Schneelage, Bodenentwicklung, Feuchtigkeit und Konkurrenzverhältnisse zwischen Baumarten. Damit verschiebt sich auch das Verhältnis von Buche, Tanne, Fichte und anderen Baumarten. In den hochmontanen Bereichen entstehen besondere Buchenwaldgesellschaften, die bereits deutlich an die Bedingungen der höheren Gebirgslagen angepasst sind.
6. Der hochmontane Buchenwald
Besonders charakteristisch ist das von Zukrigl beschriebene Saxifrago rotundifoliae-Fagetum.
Es handelt sich um einen hochmontanen, süd- bzw. illyrisch geprägten Buchenwald, der vor allem an kühl-feuchten, häufig stark geneigten Standorten vorkommt. Moderne Darstellungen führen diese Gesellschaft ausdrücklich auf Zukrigls Beschreibung von 1989 zurück. Typisch sind dominante Rotbuche, Beimischung von Fichte, Weißtanne, Lärche, Bergahorn sowie artenreiche Krautschichten auf geeigneten Standorten. Die heutige vegetationskundliche Literatur ordnet diese Gesellschaft dem hochmontan-subalpinen Formenkreis der Buchenwälder zu.
7. Buchenwald ist nicht überall gleich
Ein besonders wichtiger Aspekt der Arbeit besteht in der Differenzierung verschiedener Buchenwaldgesellschaften.
Zukrigl unterscheidet unter anderem Gesellschaften, die sich hinsichtlich Höhenlage, Boden, Gestein, Feuchtigkeit, Nährstoffversorgung, Exposition und Artenzusammensetzung voneinander unterscheiden. Diese Differenzierung ist für den Naturschutz von großer Bedeutung. Denn der Schutz eines „Buchenwaldes“ bedeutet nicht automatisch, dass alle Buchenwälder ökologisch gleichwertig oder austauschbar wären. Jeder Waldtyp besitzt seine eigene ökologische Identität.
8. Buchenwälder auf Kalk und Silikat
Besonders interessant ist die Differenzierung zwischen karbonatischen und silikatischen Standorten. Kalk- und Dolomitstandorte besitzen andere chemische und bodenkundliche Eigenschaften als Silikatstandorte. Dadurch verändern sich Bodenreaktion, Nährstoffangebot, Wasserhaushalt, Bodenentwicklung, Krautschicht und Begleitbaumarten.
Die Buchenwälder der Region bilden daher ein Mosaik unterschiedlicher Standorttypen.
Diese kleinräumige Differenzierung ist ein wesentlicher Teil des natürlichen Reichtums der Südostalpen.
9. Buchen-Tannen-Wälder
Eine besondere Bedeutung besitzen die Buchen-Tannen-Wälder.
Buche und Weißtanne können gemeinsam sehr leistungsfähige montane Waldökosysteme bilden. Hinzu können unter bestimmten Bedingungen Fichte, Bergahorn oder weitere Baumarten kommen. Diese Mischwälder sind ökologisch besonders interessant, weil unterschiedliche Baumarten verschiedene ökologische Funktionen übernehmen.
Zukrigls Arbeit enthält entsprechende Aufnahmen aus den Karawanken und Karnischen Alpen; spätere vegetationskundliche Revisionen ordnen insbesondere das von ihm beschriebene Lamiastro flavidi-Abieti-Fagetum in den südalpinen Buchenwald-Komplex ein.

10. Natürliche Waldgesellschaft und menschliche Nutzung
Ein besonders wertvoller Aspekt von Zukrigls Arbeit ist, dass er die heutigen Buchenbestände nicht ausschließlich als Ergebnis natürlicher Entwicklung betrachtet.
Auch die historische Nutzung des Waldes hat ihre Spuren hinterlassen. Dazu gehörten Niederwaldwirtschaft, Brennholznutzung, Köhlerei, Waldweide, Holznutzung. Gerade die Buche wurde historisch intensiv genutzt. Aus Buchenholz wurde beispielsweise Holzkohle hergestellt, die für das Kärntner Bergbauwesen eine wichtige Rolle spielte. Neuere Untersuchungen zur Vellacher Kotschna greifen diesen Aspekt von Zukrigl ausdrücklich auf.
11. Die scheinbar „natürliche“ Dominanz der Buche
Damit ergibt sich eine bemerkenswerte Erkenntnis: Ein heute sehr buchendominierter Bestand muss nicht in jedem Fall exakt dem ursprünglichen natürlichen Baumartenverhältnis entsprechen.
Historische Bewirtschaftung kann Baumarten unterschiedlich gefördert oder zurückgedrängt haben. In manchen hochmontanen Beständen wurden beispielsweise auffällige Mehrstämmigkeit und überwachsene Stöcke als Hinweise auf frühere Niederwaldnutzung interpretiert. Das bedeutet: Auch ein naturnah wirkender Wald besitzt eine Geschichte. Diese Geschichte gehört zu seinem ökologischen Verständnis.
12. Waldgeschichte und Waldökologie gehören zusammen
Zukrigls Ansatz verbindet damit zwei Ebenen: Wie sieht der Wald heute aus? und Wie ist er entstanden? Diese Verbindung ist entscheidend. Denn die heutige Artenzusammensetzung kann nur verstanden werden, wenn man gleichzeitig berücksichtigt natürliche Standortbedingungen, Klimaentwicklung, Waldentwicklung, menschliche Nutzung, historische Bewirtschaftung.
Damit wird der Wald zu einem historischen Ökosystem.
13. Die Krautschicht als ökologischer Zeiger
Für die pflanzensoziologische Arbeit ist nicht nur die Baumschicht entscheidend. Auch die Krautschicht liefert wichtige Informationen über den Standort. Bestimmte Pflanzen zeigen beispielsweise basenreiche Böden, saure Böden, hohe Feuchtigkeit, trockene Bedingungen, nährstoffreiche Standorte oder lange Schneebedeckung. Die Zusammensetzung der Krautschicht ermöglicht dadurch Rückschlüsse auf die ökologischen Bedingungen eines Waldes.
14. Ein Wald lässt sich an seinen Pflanzen „lesen“
Genau darin liegt eine besondere Stärke der Vegetationskunde. Wer die Pflanzen eines Waldes kennt, kann aus ihrer Kombination Informationen über den Standort gewinnen. Die Vegetation wird damit zu einem ökologischen Indikator.
Zukrigls Arbeit ist deshalb nicht nur eine Aufzählung von Pflanzenarten. Sie versucht, aus deren Kombination die ökologischen Gesetzmäßigkeiten des Waldstandortes zu erkennen.
15. Das Anemono-trifoliae-Fagetum
Eine weitere wichtige von Zukrigl verwendete Gesellschaft ist das Anemono trifoliae-Fagetum. Es nimmt eine vermittelnde Stellung zwischen tiefer gelegenen, wärmeren Buchenwäldern und den hochmontanen Buchenwäldern ein. Aktuelle Darstellungen beschreiben diese Gesellschaft als in Österreich auf Kärnten konzentriert; sie kommt besonders häufig in den Karawanken und seltener in den Karnischen Alpen vor. Gerade solche Übergangsgesellschaften zeigen, dass Waldvegetation nicht aus scharf voneinander getrennten Einheiten besteht. Vielmehr entstehen ökologische Gradienten und Übergänge.

16. Übergänge sind ökologisch besonders interessant
Zwischen verschiedenen Waldgesellschaften gibt es häufig fließende Übergänge.
Ein Wald kann beispielsweise je nach Hangposition, Feuchtigkeit, Boden und Höhenlage allmählich von einer Buchenwaldgesellschaft in eine andere übergehen. Diese Übergangszonen erhöhen die strukturelle Vielfalt einer Landschaft. Sie sind deshalb auch für die biologische Vielfalt von Bedeutung.
17. Die Bedeutung von Tanne und Fichte
In höheren Lagen treten neben der Buche insbesondere Weißtanne und Fichte stärker hervor. Die tatsächliche Baumartenmischung hängt von den lokalen Bedingungen ab. Zukrigls Arbeiten zeigen damit ein wichtiges Prinzip: Es gibt nicht die eine „richtige“ Baumartenmischung für alle Buchenwälder. Die natürliche Mischung ist standortabhängig.
18. Buchenwald als dynamisches System
Zukrigls Waldgesellschaften dürfen deshalb nicht als starre Vegetationstypen verstanden werden. Ein Wald verändert sich. Bäume wachsen. Andere sterben. Lichtverhältnisse verändern sich. Verjüngung entsteht. Störungen schaffen neue Entwicklungsphasen. Die Waldgesellschaft bleibt dabei als ökologischer Grundtyp erkennbar, obwohl ihre konkrete Struktur ständig in Bewegung ist.
19. Natürliche Störungen gehören zum Wald
Auch natürliche Ereignisse wie Lawinen, Windwurf, Schneebruch, Steinschlag, lokale Bodenbewegungen können die Waldstruktur verändern. Gerade in den Gebirgen entstehen dadurch kleinräumige Mosaike. Ein Buchenwald kann neben einer natürlichen Lücke, einem Lawinenbereich oder einem Hangschuttstandort liegen. Dadurch entstehen unterschiedliche Entwicklungsstadien auf engem Raum.
20. Schutzwald und Buchenwald
In den alpinen Landschaften erfüllen viele Waldgesellschaften zugleich eine wichtige Schutzfunktion. Sie stabilisieren Hänge. Sie bremsen Erosion. Sie beeinflussen den Wasserhaushalt. Sie können vor Steinschlag oder Lawinen schützen. Moderne Beschreibungen der montanen Waldlebensräume betonen ausdrücklich, dass insbesondere strukturreiche Schlucht- und Hangmischwälder sowie andere Waldgesellschaften Schutzwaldfunktionen übernehmen können. Damit besitzt der Wald neben seinem ökologischen auch einen unmittelbaren landschaftlichen und sicherheitsrelevanten Wert.
21. Die Verbindung von Wald, Gelände und Klima
Zukrigls Arbeit macht deutlich, dass Waldvegetation nur im Zusammenhang mit dem gesamten Naturraum verstanden werden kann.
Der Wald steht in Beziehung zu:
Geologie → Boden → Wasser → Relief → Klima → Vegetation
Diese Faktoren beeinflussen sich gegenseitig. Die Waldgesellschaft ist deshalb gewissermaßen das sichtbare Ergebnis eines komplexen Naturprozesses.

22. Die Karnischen Alpen als Waldlandschaft
Die Karnischen Alpen sind in diesem Zusammenhang besonders interessant. Ihre geologische und topographische Vielfalt erzeugt zahlreiche unterschiedliche Standortbedingungen.
Dazu kommen unterschiedliche Expositionen, Höhenstufen, lokale Klimaverhältnisse, Schneeverhältnisse und unterschiedliche Bodenentwicklungen. Die Buchenwälder der Karnischen Alpen sind daher nicht als einheitlicher Waldtyp zu betrachten.
Sie bilden ein Mosaik verschiedener Waldgesellschaften und Übergänge.
23. Die Karawanken als besonderer Buchenwaldraum
Für die Karawanken gilt Ähnliches. Hier ist der Einfluss südlicher bzw. illyrischer Florenelemente besonders deutlich. Das erklärt die besondere Zusammensetzung mancher Buchenwaldgesellschaften. Die moderne Naturschutzfachliteratur ordnet die entsprechenden Bestände unter anderem dem europäischen Lebensraumtyp 91K0 – Illyrische Rotbuchenwälder zu.
Für Kärnten wurde dieser Lebensraumtyp als eigenständiges Schutzgut ausgewiesen.
24. Illyrische Buchenwälder
Der Begriff „illyrisch“ bezeichnet dabei nicht einfach einen bestimmten Wald mit besonders vielen Pflanzenarten. Er beschreibt einen geobotanischen Einflussbereich, der sich durch charakteristische südosteuropäische bzw. südostalpine Florenelemente auszeichnet. Die Buchenwälder der Südostalpen bilden damit eine wichtige Übergangszone zwischen verschiedenen europäischen Vegetationsräumen. Gerade diese Übergangslage macht sie wissenschaftlich besonders interessant.
25. Die Bedeutung für Kärnten
Zukrigls Arbeit ist deshalb weit mehr als eine regionale Spezialstudie.
Sie zeigt exemplarisch, wie vielfältig die Buchenwälder Kärntens sind. Spätere Schutzgebietsstudien konnten auf dieser Grundlage verschiedene Waldlebensraumtypen und ihre räumliche Verteilung weiter untersuchen. Die Kärntner Natura-2000-Studie von 2015 nennt Zukrigls Arbeit ausdrücklich als Grundlage für die pflanzensoziologische Beschreibung der montanen Buchenwälder von Karawanken und Karnischen Alpen.
26. Von der Vegetationsaufnahme zum Naturschutz
Zukrigls Arbeit zeigt einen wichtigen Weg der modernen Naturschutzwissenschaft:
Vegetation erfassen → Waldgesellschaften erkennen → Standorte verstehen → Verbreitung kartieren → Schutzprioritäten bestimmen
Aus wissenschaftlichen Vegetationsaufnahmen können somit konkrete Naturschutzinformationen entstehen. Genau diese Verbindung ist für heutige Schutzgebietsausweisungen und Natura 2000 von großer Bedeutung.
27. Warum Waldgesellschaften Schutz verdienen
Ein Wald ist nicht allein deshalb wertvoll, weil dort viele Bäume stehen. Sein Wert kann darin liegen, dass dort eine bestimmte, standorttypische Waldgesellschaft erhalten geblieben ist. Dazu gehören charakteristische Baumarten, typische Krautschicht, besondere Bodenbedingungen, natürliche Entwicklungsprozesse, historische Kontinuität und spezifische Lebensgemeinschaften.Der Schutz richtet sich damit auf ein ökologisches Ganzes.
28. Die Bedeutung der natürlichen Zusammensetzung
Zukrigls Ansatz legt nahe, dass die Bewertung eines Waldes immer die Frage nach seiner standortgerechten natürlichen Zusammensetzung einschließen sollte. Ein Wald mit hohen Holzvorräten kann ökologisch dennoch deutlich von der natürlichen Waldgesellschaft abweichen. Umgekehrt kann ein wirtschaftlich wenig interessanter Bestand einen hohen naturschutzfachlichen Wert besitzen, wenn er eine seltene oder besonders naturnahe Waldgesellschaft repräsentiert.
29. Waldökologische Vielfalt ist Standortvielfalt
Die enorme Waldvielfalt der Region ist letztlich eine Folge ihrer Naturraumvielfalt. Je unterschiedlicher Gestein, Boden, Klima, Relief und Wasserhaushalt sind, desto vielfältiger können die Waldgesellschaften sein.
Das Obere Drautal, die Karnischen Alpen, die Gailtaler Alpen und die Karawanken besitzen deshalb einen besonderen Wert als Waldlandschaft mit hoher Standortdiversität.
30. Ein wichtiger Unterschied zur reinen Forstwirtschaft
Zukrigls Arbeit zeigt einen Perspektivwechsel: Die Frage lautet nicht: „Wie viel Holz produziert dieser Wald?“ sondern: „Welche Waldgesellschaft ist dies – und welche natürlichen Bedingungen haben sie hervorgebracht?“ Diese Frage ist für Naturschutz und Waldökologie entscheidend. Denn ein Wald kann gleichzeitig Holzproduktionsfläche, Lebensraum, Schutzwald, Kohlenstoffspeicher, Wasserregulator und Teil einer historischen Landschaft sein.
31. Die ökologische Identität eines Waldes
Jede Waldgesellschaft besitzt gewissermaßen eine eigene ökologische Identität. Sie ergibt sich aus dem Zusammenspiel von Arten, Standort, Boden, Klima, Struktur und Geschichte.
Wird ein solcher Wald vollständig beseitigt, kann zwar an derselben Stelle wieder Wald gepflanzt werden. Aber damit entsteht nicht automatisch wieder dieselbe Waldgesellschaft. Dazu braucht es Zeit, Bodenentwicklung, natürliche Prozesse und die entsprechende Artenausstattung.
32. Warum Aufforstung und Waldökosystem nicht dasselbe sind
Eine Aufforstung kann relativ schnell wieder eine geschlossene Baumfläche hervorbringen. Doch ein gewachsener Wald besitzt zusätzlich alte Bodenstrukturen, etablierte Pilzgemeinschaften, Altbäume, Totholz, natürliche Altersphasen, komplexe Mikrohabitate und genetische Kontinuität. Die Wiederherstellung der Waldfläche ist daher nicht dasselbe wie die Wiederherstellung des Waldökosystems. Diese Unterscheidung ist für die Bewertung von Eingriffen in alte oder naturnahe Buchenwälder von grundlegender Bedeutung.

33. Zukrigl und die heutige Naturschutzbiologie
Obwohl Zukrigls Arbeit aus dem Jahr 1989 stammt, sind viele ihrer Grundlagen weiterhin relevant. Die spätere Naturschutzforschung hat die Bedeutung von Buchenwäldern und ihrer natürlichen Gesellschaften weiter differenziert. Die heutigen FFH-Lebensraumtypen und Natura-2000-Bewertungen bauen teilweise auf solchen pflanzensoziologischen Grundlagen auf. Die wissenschaftliche Terminologie hat sich weiterentwickelt. Der grundlegende Gedanke bleibt jedoch: Wer Wald schützen will, muss wissen, welchen Wald er vor sich hat.
34. Die besondere Bedeutung der historischen Arbeit
Zukrigls Untersuchung besitzt heute zusätzlich einen dokumentarischen Wert. Sie hält Vegetationsaufnahmen und Verhältnisse fest, die als Vergleichsgrundlage für spätere Untersuchungen dienen können. Damit werden historische Vegetationsstudien zu einer Art ökologischem Gedächtnis. Sie ermöglichen es, Veränderungen der Waldvegetation über Jahrzehnte zu erkennen.
36. Der Wald als Naturerbe
Damit besitzt Zukrigls Arbeit auch eine kultur- und naturgeschichtliche Dimension.
Die Buchenwälder der Karawanken und Karnischen Alpen sind nicht bloß heutige Vegetationsflächen. Sie sind das Ergebnis einer langen Geschichte aus Klima, Eiszeiten, Wiederbewaldung, Gebirgsentwicklung, Bodenbildung, Konkurrenz zwischen Baumarten und menschlicher Nutzung.
Sie sind somit Teil eines natürlichen Erbes, das sich über lange Zeiträume entwickelt hat.
37. Die zentrale Erkenntnis
Die wichtigste Botschaft der Arbeit lässt sich deshalb in einem Satz zusammenfassen:
Die montanen Buchenwälder Südkärntens sind keine einheitlichen Bestände, sondern ein fein gegliedertes Mosaik standortgebundener, historisch gewachsener Waldgesellschaften.
Diese Erkenntnis ist für den Naturschutz von grundlegender Bedeutung. Denn wenn jeder Standort eine eigene ökologische Ausprägung besitzt, kann auch jeder Eingriff unterschiedliche Folgen haben.
38. Was Zukrigls Arbeit für Oberkärnten bedeutet
Für Oberkärnten ergibt sich daraus ein besonders wichtiger Blick auf die Landschaft. Die Region ist nicht einfach von „Wald“ bedeckt. Sie besitzt eine Vielzahl verschiedener Waldökosysteme, die miteinander verbunden sind. Dazu gehören montane Buchenwälder, Buchen-Tannen-Wälder, hochmontane Buchenwälder, illyrisch geprägte Buchenwälder, Schlucht- und Hangmischwälder, Schutzwälder sowie Übergangsgesellschaften.
Diese Vielfalt ist ein wesentlicher Bestandteil des Naturwertes der Region.
39. Eine Landschaft, die nicht beliebig ersetzbar ist
Aus Zukrigls Ansatz folgt eine wichtige Konsequenz:
Ein Waldstandort ist nicht beliebig austauschbar.
Wenn eine bestimmte Waldgesellschaft über Jahrzehnte oder Jahrhunderte an einem Standort entstanden ist, besitzt sie eine ökologische Geschichte. Eine andere Waldfläche an einem anderen Ort kann diese Geschichte nicht einfach übernehmen. Deshalb muss der Schutz wertvoller Waldgesellschaften immer auch standortbezogen und räumlich gedacht werden.
40. Von der einzelnen Buche zur gesamten Waldlandschaft
Zukrigls Arbeit beginnt bei Vegetationsaufnahmen und einzelnen Pflanzenarten. Ihre Bedeutung reicht jedoch weit darüber hinaus. Aus den einzelnen Aufnahmen entsteht ein Bild der Waldlandschaft.
Und aus der Waldlandschaft entsteht eine Vorstellung von:
Naturraum → Waldgesellschaft → Lebensraum → Landschaft → Naturerbe
Damit führt die Vegetationskunde unmittelbar zum Naturschutz.
41. Schlussfolgerung für IRBIS
Im Zeichen des Schneeleoparden
Für IRBIS ist Zukrigls Werk von besonderer Bedeutung, weil es wissenschaftlich sichtbar macht, was wir eigentlich bewahren wollen. Wir sprechen nicht einfach von „Bäumen“.
Wir sprechen von gewachsenen Waldgesellschaften.
Von Buchenwäldern, die an bestimmte Böden, Hänge, Höhenlagen und Klimabedingungen gebunden sind. Von Buchen-Tannen-Wäldern, hochmontanen Buchenwäldern und illyrisch geprägten Waldgesellschaften. Von einer Landschaft, deren Vielfalt aus dem jahrtausendelangen Zusammenspiel von Geologie, Klima, Vegetation und menschlicher Geschichte entstanden ist. Zukrigls Arbeit und die darauf aufbauende Kärntner Naturschutzforschung zeigen, wie differenziert diese Waldlebensräume tatsächlich sind. Gerade deshalb kann der Wert eines solchen Waldes nicht allein in Waldfläche, Holzvorrat oder der Zahl der zu fällenden Bäume gemessen werden.
Wenn eine gewachsene Waldgesellschaft zerstört wird, verlieren wir nicht lediglich eine bestimmte Anzahl von Bäumen. Wir verlieren einen konkreten Naturraum mit seiner eigenen Artenzusammensetzung, seinem Boden, seinem Mikroklima, seiner Geschichte und seinen natürlichen Entwicklungsprozessen.
Für IRBIS bedeutet das:
Wir wollen die Wälder Oberkärntens nicht nur als Holzbestände erhalten. Wir wollen ihre ökologische Identität bewahren.
Denn ein Buchenwald, der über Generationen an seinem Standort gewachsen ist, ist mehr als Rohstoff. Er ist Lebensraum. Er ist Naturgeschichte. Er ist Boden, Wasser, Pilz, Pflanze und Tier. Er ist Teil der Landschaft. Und er ist ein Stück unseres natürlichen Erbes.
Wo großtechnische Vorhaben – ob Höchstspannungsleitungen, Windkraftanlagen oder andere Infrastrukturprojekte – in solche gewachsenen Waldsysteme eingreifen, muss deshalb die Frage gestellt werden, was tatsächlich verloren geht.
Nicht nur wie viele Bäume. Sondern welcher Wald. Welche Waldgesellschaft. Welcher Lebensraum. Welche ökologische Kontinuität. Welche Landschaft. Welche Zukunft.
Im Zeichen des Schneeleoparden.
Für die Schönheit der Natur.
Für die Würde des Lebendigen.
Für die Bewahrung der Wälder.
IRBIS steht für die Überzeugung, dass die wertvollen Buchen- und Buchenmischwälder Oberkärntens nicht beliebig ersetzbare Flächen sind. Sie sind lebendige, gewachsene Ökosysteme – und damit ein Naturerbe, das wir nicht leichtfertig verlieren dürfen.
Was über Jahrhunderte gewachsen ist, verdient unseren Schutz.
