Lebensraum Bergwald – Alpenpflanzen, Waldgesellschaften und die ökologische Vielfalt der Bergwälder
Herbert Reisigl · Richard Keller
Das Werk „Lebensraum Bergwald – Alpenpflanzen in Bergwald, Baumgrenze und Zwergstrauchheide“ von Herbert Reisigl und Richard Keller erschien erstmals 1989 im Gustav Fischer Verlag und wurde später als zweite, durchgesehene Auflage veröffentlicht. Es umfasst rund 144 Seiten und verbindet vegetationsökologische Grundlagen mit zahlreichen Fotografien, Zeichnungen und wissenschaftlichen Darstellungen. Herbert Reisigl, Professor für Geobotanik an der Universität Innsbruck, beschäftigte sich intensiv mit der Vegetation und Pflanzenwelt der Alpen. Gemeinsam mit Richard Keller entwickelte er mit „Lebensraum Bergwald“ eine vegetationsgeographisch-ökologische Einführung in einen der charakteristischsten und zugleich empfindlichsten Lebensräume des Alpenraums: den Bergwald. Das Buch betrachtet den Bergwald nicht einfach als Ansammlung von Bäumen. Es fragt vielmehr, warum bestimmte Pflanzen und Pflanzengesellschaften an bestimmten Orten vorkommen, wie sie mit Klima, Geologie und Boden zusammenhängen und wie sich die Vegetation entlang der Höhenstufen verändert.
Damit ist das Werk besonders wertvoll für das Verständnis der alpinen Waldlandschaften.
Und gerade für eine Region wie Oberkärnten und die Karnischen Alpen bietet dieser Ansatz einen wichtigen Schlüssel: Wer den Bergwald verstehen will, muss ihn aus seiner Landschaft heraus verstehen.
1. Der Bergwald als besonderer Lebensraum
Der Bergwald ist kein gewöhnlicher Wald in größerer Höhe. Mit zunehmender Meereshöhe verändern sich die Umweltbedingungen grundlegend. Temperatur, Niederschlag, Schneebedeckung, Vegetationsperiode, Sonneneinstrahlung, Wind und Bodenentwicklung beeinflussen die Pflanzenwelt. Der Bergwald liegt damit in einem Raum, in dem sich die ökologischen Bedingungen auf relativ kurzen Distanzen stark verändern können.
Reisigl und Keller führen deshalb in die Höhenstufen und Lebensbereiche der Alpenvegetation ein und betrachten den eigentlichen Bergwald gemeinsam mit den darüberliegenden Bereichen der Baumgrenze und Zwergstrauchheiden.
Der Wald wird dadurch als Teil eines vertikalen Landschaftssystems sichtbar:
Talraum → Bergwald → obere Waldgrenze → Zwergstrauchheide → alpine Vegetation
Diese Bereiche stehen miteinander in Verbindung. Der Bergwald kann deshalb nicht isoliert von den darüber- und darunterliegenden Lebensräumen betrachtet werden.
2. Die Alpen als Lebensraum mit starken Gradienten
Ein grundlegendes Thema des Buches sind die starken ökologischen Unterschiede innerhalb des Alpenraums. Auf kurzer horizontaler Distanz können sich Standorte durch ihre Höhe, Exposition und Geologie deutlich unterscheiden. Hinzu kommen Sonneneinstrahlung, Hangneigung, Schneelage, Temperatur, Niederschlag, Wind, Bodenfeuchte, Nährstoffversorgung. Ein südexponierter Hang kann deshalb völlig andere Vegetationsbedingungen aufweisen als ein gegenüberliegender Nordhang. Ebenso unterscheiden sich ein trockener, flachgründiger Kalkstandort und ein tiefgründiger, feuchter Boden. Diese Unterschiede erklären die große Vielfalt der alpinen Waldgesellschaften.
3. Geologie und Waldvegetation
Reisigl und Keller stellen die Geologie in einen engen Zusammenhang mit der Vegetation. Das Gestein beeinflusst die Bodenbildung. Der Boden beeinflusst wiederum Wasserhaushalt und Nährstoffversorgung. Diese Faktoren bestimmen, welche Pflanzenarten an einem Standort günstige Lebensbedingungen finden. Damit entsteht eine ökologische Kette:
Gestein → Boden → Wasser- und Nährstoffhaushalt → Vegetation → Waldgesellschaft
Gerade in den Alpen ist dieser Zusammenhang besonders deutlich.
Unterschiedliche Gesteine, Geländeformen und Bodenentwicklungen liegen oft unmittelbar nebeneinander. Dadurch entsteht eine hohe kleinräumige Vielfalt.
4. Der Boden als Grundlage des Bergwaldes
Wie bei jedem Wald ist auch im Bergwald der Boden ein zentraler Bestandteil des Ökosystems. Er ist nicht lediglich das Substrat, auf dem die Bäume wachsen. Der Boden beeinflusst Wasserverfügbarkeit, Nährstoffversorgung, Wurzelentwicklung, Bodenorganismen, Humusbildung, Verjüngung und damit letztlich die gesamte Waldgesellschaft. Im Bergwald kommen zusätzlich besondere Bedingungen hinzu. Steile Hänge, Erosion, hohe Niederschläge, Schneelasten und unterschiedliche Gesteine können die Bodenentwicklung stark beeinflussen. Der Wald wiederum stabilisiert den Boden und wirkt auf Wasserhaushalt und Erosionsprozesse zurück. Es entsteht eine gegenseitige Beziehung:
Der Standort prägt den Wald – und der Wald prägt wiederum seinen Standort.

5. Die Entwicklung der Wälder in den Alpen
Ein wesentlicher Abschnitt des Buches behandelt die Entwicklung des Waldes in den Alpen. Das Inhaltsverzeichnis nennt ausdrücklich Florengeschichte, Waldentwicklung und menschliche Eingriffe als zentrale Themen. Die heutige alpine Vegetation ist das Ergebnis einer langen Entwicklungsgeschichte. Nach den großen Veränderungen des Eiszeitalters wanderten Pflanzenarten wieder in die Alpen ein und besiedelten die unterschiedlichen Lebensräume. Dabei entstanden die heutigen Verbreitungsbilder nicht plötzlich. Sie sind das Ergebnis von Klimaentwicklung, Wanderungsbewegungen der Pflanzen, Konkurrenz, geologischen Bedingungen, Bodenentwicklung, natürlichen Störungen und menschlicher Nutzung. Der Bergwald besitzt deshalb eine Geschichte, die weit über die Lebensdauer einzelner Bäume hinausreicht.
6. Die Vegetation als Ausdruck der Umwelt
Eine zentrale Stärke des Werkes liegt in der Verbindung zwischen Pflanzenkenntnis und Ökologie. Reisigl und Keller zeigen, dass Pflanzenarten nicht zufällig miteinander vorkommen. Ihre Verteilung ist Ausdruck bestimmter Umweltbedingungen. Eine Pflanzengesellschaft kann deshalb gewissermaßen als ökologischer Fingerabdruck eines Standortes verstanden werden. Wer die Pflanzen kennt, kann Rückschlüsse ziehen auf Boden, Feuchtigkeit, Nährstoffversorgung, Klima, Höhenlage, Exposition und die Entwicklungsgeschichte eines Standortes. Das macht die Vegetationskunde zu einem wichtigen Werkzeug der Landschaftsanalyse.
7. Der Bergwald ist nicht überall gleich
Der Begriff „Bergwald“ beschreibt keine einheitliche Waldgesellschaft. Je nach Standort können sehr unterschiedliche Waldtypen auftreten. Die Zusammensetzung wird unter anderem beeinflusst durch Höhenlage, Klima, Gestein, Boden, Wasserhaushalt, Exposition und Nutzungsgeschichte. So können innerhalb einer Gebirgslandschaft unterschiedliche Laub-, Misch- und Nadelwaldgesellschaften unmittelbar aneinandergrenzen.
Diese Vielfalt ist ein wesentlicher Bestandteil des ökologischen Wertes alpiner Landschaften.
8. Buchenwälder im alpinen Raum
Für das Verständnis von Oberkärnten ist die Betrachtung der Buche besonders interessant. Die Buche besitzt in den Alpen eine differenzierte ökologische Stellung. Sie ist nicht in allen Höhenlagen und auf allen Standorten gleichermaßen konkurrenzfähig. Ihre Verbreitung wird durch Temperatur, Schneelage, Trockenheit, Boden und weitere Standortfaktoren begrenzt. Wo die ökologischen Bedingungen geeignet sind, kann sie jedoch naturnahe Waldgesellschaften wesentlich prägen.
In tieferen und mittleren Höhenlagen des südlichen und südöstlichen Alpenraums können deshalb Buchenwälder und Buchenmischwälder eine besondere Bedeutung besitzen.
Gerade die Übergangsbereiche zwischen montanen Laub- und Mischwäldern und den höher gelegenen Nadelwaldgesellschaften sind vegetationsökologisch besonders interessant.
9. Buchenmischwälder als Ausdruck besonderer Standortbedingungen
Der Wert eines Buchenmischwaldes liegt nicht allein in der Buche. Entscheidend ist das Zusammenspiel verschiedener Baumarten und Pflanzengemeinschaften. Je nach Standort kann die Buche beispielsweise mit Tanne, Fichte oder Edellaubhölzern verbunden sein. Dabei entstehen unterschiedliche Waldgesellschaften. Die Baumarten ergänzen sich hinsichtlich ihrer ökologischen Ansprüche. Eine solche Mischung kann Ausdruck der natürlichen Standortbedingungen sein und gleichzeitig eine hohe strukturelle und biologische Vielfalt ermöglichen.
Für Oberkärnten ist diese Betrachtung besonders wichtig. Die Region ist kein einheitlicher Naturraum. Sie verbindet unterschiedliche klimatische, geologische und floristische Einflüsse.
Dementsprechend kann auch die Bedeutung der Buche nur standortbezogen verstanden werden.

10. Das Zusammenspiel von Buche und Tanne
In montanen Bergwäldern können Buche und Tanne eine besonders interessante Waldgemeinschaft bilden. Die beiden Baumarten unterscheiden sich in ihren ökologischen Eigenschaften und ergänzen sich unter geeigneten Bedingungen. Die Tanne ist schattentolerant und kann sich unter einem geschlossenen Kronendach verjüngen. Die Buche besitzt ebenfalls eine hohe Schattentoleranz und kann unter geeigneten Bedingungen sehr konkurrenzstark sein. Gemeinsam mit weiteren Baumarten können daraus strukturreiche Mischwälder entstehen. Solche Wälder zeigen eindrucksvoll, dass Waldökosysteme nicht nur durch einzelne dominante Baumarten charakterisiert werden sollten. Entscheidend ist die Gemeinschaft.
11. Die Waldgrenze als ökologischer Übergangsraum
Ein besonderer Schwerpunkt des Werkes ist die Waldgrenze.
Die Waldgrenze ist kein scharfer Strich in der Landschaft. Sie ist ein Übergangsbereich. Mit zunehmender Höhe werden die Bedingungen für Bäume schwieriger: die Vegetationsperiode wird kürzer, die Temperaturen sinken, die Schneebedeckung verändert sich, die Windbelastung nimmt zu und die Wachstumsbedingungen verschlechtern sich. Die Waldgrenze entsteht deshalb aus dem Zusammenspiel verschiedener Umweltfaktoren. Sie ist ein besonders anschauliches Beispiel dafür, wie eng Vegetation und Standort miteinander verbunden sind.
12. Zwergsträucher und alpine Übergangsräume
Oberhalb beziehungsweise im Übergangsbereich der Waldgrenze treten Zwergsträucher und andere alpine Pflanzengemeinschaften auf. Auch diese Lebensräume stehen in Beziehung zum Bergwald. Die Grenze zwischen Wald und Nichtwald ist deshalb ökologisch nicht einfach eine Grenze zwischen zwei getrennten Welten. Vielmehr handelt es sich um einen Gradienten. Der Bergwald geht schrittweise in andere Lebensgemeinschaften über.
Für den Naturschutz bedeutet das: Wer nur den geschlossenen Wald betrachtet, erfasst nicht das gesamte ökologische System. Auch Übergangsbereiche können von hoher Bedeutung sein.
13. Ökophysiologie der Bergwaldbäume
Reisigl und Keller widmen sich auch der Ökophysiologie und Biologie der Bergwaldbäume.
Dabei geht es um die Frage, wie Pflanzen mit den besonderen Bedingungen des Gebirges umgehen. Bäume müssen sich unter anderem anpassen an niedrige Temperaturen, kurze Vegetationsperioden, Schneelasten, Frost, Trockenperioden, starke Sonneneinstrahlung, Wind und steile Standorte.
Diese Anpassungen bestimmen wesentlich, welche Baumarten wo vorkommen können. Die Verbreitung der Arten ist deshalb eng mit ihrer physiologischen Fähigkeit verbunden, bestimmte Umweltbedingungen zu ertragen.
14. Pflanzenstrategien im Bergwald
Pflanzen besitzen unterschiedliche Strategien, um mit den Bedingungen des Gebirges zurechtzukommen. Manche Arten sind besonders frosthart. Andere können mit wenig Nährstoffen auskommen. Wieder andere sind an trockene oder besonders feuchte Standorte angepasst. Die Vegetation eines Bergwaldes ist deshalb das Ergebnis vieler unterschiedlicher Anpassungsstrategien. Diese Vielfalt erhöht die ökologische Komplexität der Lebensgemeinschaft.
15. Der Mensch und der Bergwald
Ein besonders wichtiger Abschnitt des Buches beschäftigt sich mit den menschlichen Eingriffen in die alpinen Wälder. Das Inhaltsverzeichnis nennt ausdrücklich den Themenkomplex „menschliche Eingriffe“ sowie die Frage „Ende des Bergwaldes?“. Die Alpen sind keine vollständig vom Menschen unberührte Landschaft. Seit Jahrhunderten wurden Bergwälder genutzt, und diese Nutzung hat die Landschaft verändert. Gleichzeitig haben viele Bergwälder ihre grundlegenden ökologischen Strukturen bewahrt. Damit entsteht eine wichtige Unterscheidung:
Ein Wald kann eine lange Nutzungsgeschichte besitzen und dennoch ökologisch wertvolle, naturnahe Strukturen aufweisen.

16. Der Bergwald als Schutzsystem
Der Bergwald besitzt im Alpenraum eine besondere Funktion. Er schützt Hänge und Böden. Er beeinflusst den Wasserhaushalt. Er reduziert die Auswirkungen von Lawinen und Steinschlag. Er stabilisiert den Untergrund.
Damit ist der Bergwald nicht nur Lebensraum, sondern auch Schutzsystem der Landschaft. Diese Schutzfunktion ist eng mit der Struktur des Waldes verbunden. Wo Waldstrukturen zerstört oder dauerhaft verändert werden, entstehen deshalb nicht nur ökologische, sondern auch landschaftliche und sicherheitsrelevante Folgen.
17. Der Bergwald als Teil eines größeren Systems
Aus der vegetationsökologischen Perspektive von Reisigl und Keller ist der Bergwald Teil eines größeren räumlichen Zusammenhangs. Unterhalb des Waldes liegen Talräume und Kulturlandschaften. Oberhalb folgen Waldgrenze, Zwergstrauchheiden und alpine Lebensräume. Seitlich stehen unterschiedliche Waldgesellschaften miteinander in Verbindung.
Dadurch entsteht ein vertikales und horizontales Netzwerk von Lebensräumen.
Diese Vernetzung ist besonders in den Alpen von Bedeutung, weil die Landschaft durch Relief und Höhenstufen stark gegliedert ist.
18. Warum Übergangsräume besonders wertvoll sind
Ökologische Übergänge können eine besondere Artenvielfalt hervorbringen.
Dort treffen unterschiedliche Umweltbedingungen aufeinander. Ein Waldrand, eine Waldgrenze oder der Übergang zwischen unterschiedlichen Waldgesellschaften kann deshalb zahlreiche ökologische Nischen enthalten.
Für eine Region wie die Karnischen Alpen ist dieser Gedanke besonders interessant. Hier treffen unterschiedliche klimatische und geologische Einflüsse aufeinander. Die daraus entstehende Vielfalt ist nicht allein in einzelnen Pflanzenarten sichtbar. Sie zeigt sich in der gesamten Landschaftsstruktur.
19. Der Bergwald als dynamischer Lebensraum
Auch Reisigls Betrachtungsweise macht deutlich, dass der Bergwald kein statisches System ist. Vegetation verändert sich. Wälder wachsen. Bäume sterben. Lücken entstehen. Junge Pflanzen kommen nach. Standorte verändern sich. Klima und Nutzung beeinflussen die Entwicklung. Der Bergwald ist deshalb immer auch ein Entwicklungsprozess. Sein heutiger Zustand ist eine Momentaufnahme.
20. Was geschieht, wenn der Bergwald gestört wird?
Ein Eingriff in den Bergwald kann mehrere Ebenen gleichzeitig betreffen. Wird beispielsweise eine größere Fläche geöffnet, verändern sich zunächst die Vegetationsstrukturen. Damit verändern sich auch Licht, Temperatur, Wind, Bodenfeuchte, Schneeverteilung, Verjüngungsbedingungen und Artenzusammensetzung. In steilen Gebirgslagen kommt hinzu, dass Eingriffe in Waldstrukturen Auswirkungen auf Bodenstabilität und Schutzfunktionen haben können. Die ökologische Wirkung eines Eingriffs lässt sich deshalb nicht allein anhand der unmittelbar gerodeten Fläche bestimmen.
21. Bergwald und Landschaftsgeschichte
Der Bergwald ist zugleich ein Dokument der Landschaftsgeschichte. In seiner Artenzusammensetzung können sich frühere Klimabedingungen, Wanderungsbewegungen, Nutzung und natürliche Veränderungen widerspiegeln. Wer einen Bergwald betrachtet, sieht daher nicht nur seine Gegenwart. Er sieht das Ergebnis einer langen Entwicklung. Das macht ältere und naturnahe Waldökosysteme besonders wertvoll. Sie enthalten Informationen über die Geschichte eines Naturraumes, die sich nicht einfach an anderer Stelle neu erzeugen lassen.
22. Warum Reisigls Ansatz für Oberkärnten besonders interessant ist
Das Werk ist nicht als spezielle Monografie über Oberkärnten oder die Karnischen Alpen konzipiert. Sein Gegenstand ist der Bergwald des Alpenraums insgesamt.
Gerade deshalb lassen sich seine Grundprinzipien aber gut auf Oberkärnten übertragen.
Das Obere Drautal und die Karnischen Alpen besitzen eine Landschaft, in der zahlreiche der von Reisigl beschriebenen Faktoren zusammentreffen starke Höhenunterschiede, unterschiedliche Expositionen, vielfältige Gesteine, unterschiedliche Böden, verschiedene klimatische Einflüsse, Übergänge zwischen Waldgesellschaften, Bergwald und alpine Lebensräume.
Damit entsteht ein Naturraum mit hoher vegetationsökologischer Differenzierung.
23. Die besondere Bedeutung der Karnischen Alpen
Die Karnischen Alpen sind nicht nur ein Gebirge mit einzelnen wertvollen Wäldern. Sie bilden einen Landschaftsraum, in dem verschiedene ökologische Einflüsse zusammentreffen.
Gerade die Verbindung von:
Geologie + Klima + Höhenstufen + Exposition + Boden + Vegetationsgeschichte
erzeugt die besondere Vielfalt.
Aus der Perspektive von Reisigl sollte deshalb nicht nur nach einzelnen seltenen Pflanzen gefragt werden. Die entscheidende Frage lautet vielmehr:
Welche Vegetationsgesellschaften und Landschaftszusammenhänge entstehen aus diesen Standortbedingungen? Damit verschiebt sich der Blick von der einzelnen Art auf das gesamte Lebensraumsystem.
24. Buchenmischwälder in Oberkärnten
Für IRBIS ist insbesondere die Rolle der Buchenmischwälder von Bedeutung. Die Buche erreicht in Oberkärnten ihre ökologische Bedeutung nicht überall in gleicher Weise. Vielmehr hängt ihr Vorkommen von den jeweiligen Standortbedingungen ab. Wo Klima, Boden und Höhenlage geeignet sind, können Buchenwälder und Buchenmischwälder einen wesentlichen Bestandteil der natürlichen beziehungsweise naturnahen Waldvegetation bilden. In Verbindung mit Tanne, Fichte und Edellaubhölzern können strukturreiche Mischwälder entstehen.
Gerade solche Wälder verdeutlichen die Bedeutung einer standortgerechten Waldökologie.
Es geht nicht darum, eine bestimmte Baumart überall zu fördern. Es geht darum, die Waldgesellschaften zu verstehen, die an einem bestimmten Standort natürlicherweise möglich sind.
25. Vielfalt statt Vereinfachung
Aus Reisigls vegetationsökologischem Ansatz ergibt sich ein wichtiger Grundsatz:
Je vielfältiger die Standorte, desto vielfältiger können auch die Waldgesellschaften sein.
Eine Landschaft wie Oberkärnten sollte deshalb nicht nach einem einzigen Waldmodell beurteilt werden.
Die Stärke liegt gerade in der Vielfalt: Buchenwälder, Buchen-Tannen-Wälder, Mischwälder, Nadelwälder, Schluchtwälder, Schutzwälder, Waldränder, Waldgrenzen sowie alpine Übergangsräume.
Diese Vielfalt bildet gemeinsam ein funktionierendes Landschaftssystem.

26. Der Bergwald ist mehr als die Summe seiner Bäume
Die zentrale Botschaft von „Lebensraum Bergwald“ lässt sich deshalb in einem Satz zusammenfassen:
Der Bergwald ist ein komplexer Lebensraum, dessen Vegetation nur aus dem Zusammenspiel von Klima, Geologie, Boden, Höhenlage, Entwicklungsgeschichte und menschlicher Nutzung verstanden werden kann.
Diese Sichtweise ist wesentlich umfassender als eine reine Betrachtung der Baumarten. Sie erklärt, warum zwei Wälder mit ähnlicher Baumzusammensetzung ökologisch dennoch sehr unterschiedlich sein können. Und sie erklärt, warum ein Eingriff in einen Bergwald nicht ausschließlich als Verlust von Bäumen betrachtet werden darf.
27. Die Bedeutung der Zeit
Ein weiterer wichtiger Gedanke ergibt sich aus Reisigls Betrachtung der Waldentwicklung. Waldgesellschaften entstehen nicht kurzfristig. Ihre Struktur und Artenzusammensetzung entwickeln sich über lange Zeiträume. Auch Boden und Vegetation verändern sich langsam. Deshalb besitzt die ökologische Kontinuität eines Waldes einen besonderen Wert. Ein Wald, der über lange Zeiträume seine standörtlichen Bedingungen und grundlegenden Entwicklungsprozesse bewahren konnte, enthält eine ökologische Geschichte, die sich nicht kurzfristig wiederherstellen lässt.
28. Ein Bergwald ist ein lebendiges Erbe
Damit erhält der Begriff „Naturerbe“ eine konkrete ökologische Bedeutung. Ein Bergwald ist nicht nur Landschaft, die heute schön aussieht. Er ist das Ergebnis einer langen Entwicklung. In ihm verbinden sich geologische Geschichte, Klimageschichte, Vegetationsgeschichte, Tier- und Pflanzenwelt, menschliche Nutzung und natürliche Dynamik. Der Wert des Waldes liegt deshalb nicht nur in seinem heutigen Erscheinungsbild. Er liegt auch in dem, was sich über lange Zeit in ihm entwickelt hat.
29. Was wir von Reisigl lernen können
Die vielleicht wichtigste Erkenntnis des Werkes ist eine besondere Art, Landschaft zu betrachten.
Man sieht einen Wald. Reisigl lehrt uns, genauer hinzusehen. Welche Pflanzen wachsen hier? Warum gerade diese? Welche Bodenbedingungen herrschen? Welche Gesteine liegen darunter? Wie verändert sich die Vegetation mit der Höhe? Welche Geschichte hat dieser Wald? Welche menschlichen Einflüsse haben ihn geprägt? Welche anderen Lebensräume grenzen an ihn? Und welche Entwicklung würde eintreten, wenn die heutigen Bedingungen verändert werden?
Aus diesen Fragen entsteht ein tieferes Verständnis des Bergwaldes.

30. Schlussfolgerung für IRBIS
Im Zeichen des Schneeleoparden
Die besondere Bedeutung von „Lebensraum Bergwald“ für IRBIS liegt in Reisigls konsequentem Blick auf den Bergwald als Lebensgemeinschaft und Teil eines größeren alpinen Lebensraums.
Bergwälder sind standortgebundene, historisch gewachsene und hoch differenzierte Lebensräume.
Ihre ökologische Qualität entsteht aus dem Zusammenspiel von Klima, Gestein, Boden, Wasser, Höhenlage, Vegetation und Entwicklungsgeschichte.
Gerade deshalb sind die wertvollen Buchen- und Buchenmischwälder Oberkärntens nicht einfach austauschbare Waldflächen.
Für IRBIS wird daraus eine klare Verbindung zum eigenen Anspruch:
Für die Schönheit der Natur.
Weil die Vielfalt der Bergwälder und ihrer Übergänge eine der großen landschaftlichen Schönheiten der Alpen darstellt.
Für die Würde des Lebendigen.
Weil jeder Bergwald aus einer Vielzahl miteinander verbundener Lebensformen besteht und nicht auf die wirtschaftliche Verwertbarkeit seiner Bäume reduziert werden kann.
Für die Bewahrung der Wälder.
Weil ein gewachsener Bergwald mit seiner Vegetation, seinen Böden, seiner Geschichte und seiner Einbindung in die Landschaft nicht kurzfristig an einem anderen Ort hergestellt werden kann.
Die Lehre aus Reisigls Werk lautet deshalb für IRBIS:
Wer den Bergwald bewahren will, muss nicht nur einzelne Bäume schützen. Er muss den Lebensraum als Ganzes verstehen und seine natürlichen Zusammenhänge erhalten.
Wo Höchstspannungsleitungen, Windkraftanlagen oder andere Großvorhaben in wertvolle Buchen- und Buchenmischwälder eingreifen, sollte daher nicht nur die Zahl der gefällten Bäume betrachtet werden.
Es muss gefragt werden, welcher Lebensraum verändert wird, welche Waldgesellschaft betroffen ist, welche Standortbedingungen sich verändern, welche ökologischen Übergänge unterbrochen werden und welche Funktion der Wald im größeren Landschaftssystem besitzt.
Denn aus der Perspektive der Bergwaldökologie ist ein Wald niemals nur eine Fläche.
Er ist Lebensraum.
Er ist Landschaft.
Er ist Geschichte.
Er ist ein lebendiges Stück Naturerbe.
Und genau deshalb steht IRBIS:
Im Zeichen des Schneeleoparden.
Für die Schönheit der Natur.
Für die Würde des Lebendigen.
Für die Bewahrung der Wälder.
