3.5 – Martin Levin, Der ungezähmte Wald

Der ungezähmte Wald

Eine neue Sicht auf unser wichtigstes Ökosystem

Martin Levin

„Der ungezähmte Wald – Eine neue Sicht auf unser wichtigstes Ökosystem“ von Martin Levin erschien 2023 im Edel-Verlag. Das Buch umfasst 224 Seiten und verbindet persönliche Erfahrung aus jahrzehntelanger forstlicher Praxis mit Waldökologie, Klimafragen, Biodiversität und einer grundsätzlichen Diskussion darüber, wie wir künftig mit unseren Wäldern umgehen sollten. Levin war mehr als drei Jahrzehnte Leiter des Göttinger Stadtwaldes und beschäftigte sich intensiv mit Waldökologie, Forstwirtschaft und Umweltpädagogik.

Im Zentrum des Buches steht eine bewusst provokante Frage:

Muss der Mensch den Wald ständig gestalten – oder sollten wir der natürlichen Entwicklung des Waldes wieder mehr Raum geben?

Levin vertritt dabei die Position, dass Wälder ihre eigenen Fähigkeiten zur Anpassung, Differenzierung und Regeneration besitzen. Natürliche Prozesse sollen deshalb nicht grundsätzlich durch forstliche Planung ersetzt werden. Vielmehr müsse der Mensch lernen, zu beobachten, zu verstehen, zurückzutreten und nur dort einzugreifen, wo Eingriffe tatsächlich notwendig sind.  Damit ist das Buch keine bloße Absage an Forstwirtschaft. Levin kommt selbst aus der forstlichen Praxis und denkt ausdrücklich auch über Holzproduktion und ökonomische Fragen nach. Sein Anliegen ist vielmehr eine andere Gewichtung: mehr Naturdynamik, mehr ökologische Komplexität und weniger Kontrolle dort, wo der Wald sich selbst entwickeln kann.

1. Was bedeutet „ungezähmter Wald“?

Der Titel ist zugleich das zentrale Konzept des Buches. Ein „ungezähmter Wald“ ist kein Wald, in dem der Mensch überhaupt nichts mehr tun darf.

Gemeint ist vielmehr ein Wald, in dem natürliche Prozesse wieder eine größere Rolle spielen.

Der Mensch beobachtet. Er greift zurückhaltend ein. Er lässt natürliche Entwicklung zu. Er akzeptiert, dass ein Wald nicht immer genau so aussehen muss, wie es eine forstliche Planung vorgibt. Levin stellt damit die traditionelle Vorstellung infrage, dass der Wald möglichst vollständig gesteuert, optimiert und auf bestimmte Ziele ausgerichtet werden müsse. Die Natur wird nicht als Störfaktor betrachtet. Sie wird zum Lehrmeister.

2. Natur beobachten statt Natur beherrschen

Ein grundlegender Gedanke des Buches lautet:

Wir können vom Wald lernen, wenn wir ihn nicht ständig daran hindern, sich selbst zu entwickeln.

Natürliche Wälder zeigen Prozesse, die in stark gesteuerten Beständen kaum sichtbar werden natürliche Verjüngung, Konkurrenz zwischen Baumarten, Auslese, Alterung, Absterben, Lückenbildung, Totholzentwicklung, natürliche Sukzession sowie Anpassung an wechselnde Umweltbedingungen. Diese Prozesse können Hinweise darauf geben, wie sich Wälder unter veränderten Klimabedingungen entwickeln können. Levin setzt deshalb stärker auf Beobachtung und natürliche Selektion, statt sämtliche zukünftigen Entwicklungen bereits heute durch menschliche Planung vorwegzunehmen.

3. Der Wald ist ein selbstorganisierendes System

Ein Wald besitzt eine bemerkenswerte Fähigkeit zur Selbstorganisation. Bäume konkurrieren um Licht, Wasser und Nährstoffe. Junge Bäume wachsen dort nach, wo Bedingungen günstig sind. Andere verschwinden. Einzelne Bäume werden alt und sterben. Totholz wird von Pilzen, Bakterien und zahlreichen Tieren besiedelt. Neue Generationen entstehen. Aus diesen Vorgängen entwickelt sich eine dynamische Struktur. Der Wald ist deshalb kein statisches Bauwerk, sondern ein lebendes System, das sich ständig verändert.

4. Natürliche Selektion als Motor der Anpassung

Besonders interessant ist Levins Gedanke, dass natürliche Prozesse selbst einen wichtigen Beitrag zur Anpassung der Wälder leisten können. In einem sich verändernden Klima stellt sich die Frage: Welche Bäume werden mit Trockenheit, Hitze, Stürmen und anderen Belastungen zurechtkommen? Eine Möglichkeit besteht darin, die Wälder möglichst schnell nach menschlichen Vorstellungen umzubauen.

Levin stellt dieser Strategie eine andere gegenüber: Lässt man natürliche Selektion stärker zu, können sich diejenigen Individuen und Baumarten durchsetzen, die unter den jeweiligen Bedingungen tatsächlich bestehen können.

Nnatürliche Walddynamik und natürliche Selektionsprozesse, insbesondere in Mischbeständen heimischer Baumarten, werden als möglicher Weg zu resilienteren Wäldern verstanden.

5. Der Wald im Zeitalter des Klimawandels

Das Buch beschäftigt sich intensiv mit der Frage, wie Wälder auf den Klimawandel reagieren können. Dabei geht es nicht nur um höhere Temperaturen. Wälder sind gleichzeitig betroffen von längeren Trockenperioden, Hitze, veränderten Niederschlagsmustern, Stürmen, Schädlingen, Krankheiten und Veränderungen der Bodenfeuchte.

6. Resilienz statt kurzfristiger Optimierung

Ein resilienter Wald ist ein Wald, der Störungen verkraften und sich danach weiterentwickeln kann. Resilienz entsteht unter anderem durch Artenvielfalt, genetische Vielfalt, unterschiedliche Altersstrukturen, natürliche Verjüngung, komplexe Bodenökosysteme, Totholz, verschiedene Baumarten und räumliche Strukturvielfalt.

Ein stark vereinfachter Bestand kann kurzfristig effizient erscheinen. Ein komplexes Waldökosystem ist dagegen langfristig widerstandsfähiger.

7. Vielfalt als Versicherung

Eine der wichtigsten Aussagen des Buches ist daher die Bedeutung der Biodiversität.

Je vielfältiger ein Wald aufgebaut ist, desto mehr unterschiedliche Strategien sind vorhanden, mit Umweltveränderungen umzugehen. Unterschiedliche Baumarten reagieren unterschiedlich auf Trockenheit, Hitze, Frost, Sturm, Krankheiten und Konkurrenz. Wenn eine Art unter bestimmten Bedingungen geschwächt wird, können andere Arten Funktionen übernehmen.

Biodiversität ist damit nicht nur ein Wert an sich. Sie kann gleichzeitig eine ökologische Versicherung darstellen. Levin verbindet deshalb den Schutz der Biodiversität mit der Stabilität der Waldfunktionen.

8. Heimische Baumarten und natürliche Mischwälder

Levin stellt sich kritisch gegenüber der Vorstellung, Wälder müssten grundsätzlich durch möglichst „klimafeste“ oder fremdländische Baumarten umgebaut werden. Das bedeutet nicht, dass jede nichtheimische Baumart grundsätzlich ungeeignet wäre. Sein Ansatz setzt jedoch stärker auf die Fähigkeiten der heimischen Waldökosysteme und ihrer natürlichen Mischungen. Die entscheidende Frage ist: Welche Arten und Populationen können sich unter den tatsächlichen Bedingungen eines Standortes dauerhaft behaupten? Diese Frage ist ökologisch anspruchsvoller als die Suche nach einer einzelnen „Zukunftsbaumart“.

9. Der Boden – das vergessene Fundament des Waldes

Ein besonders wichtiger Schwerpunkt des Buches ist der Waldboden. Der Boden ist nicht einfach das Medium, in dem Bäume wurzeln. Er ist ein hochkomplexes Ökosystem. In ihm leben Pilze, Bakterien, Mikroorganismen, Bodentiere, Wurzeln und zahlreiche weitere Organismen. Gemeinsam bilden sie ein Netzwerk, das für die Ernährung und Stabilität des Waldes entscheidend ist. Levin betrachtet den Boden zugleich als wichtigen Speicher für Kohlenstoff und Nährstoffe.

10. Pilze und Mykorrhiza

Eine besondere Bedeutung besitzen die Beziehungen zwischen Bäumen und Pilzen. Mykorrhiza-Pilze gehen symbiotische Verbindungen mit den Wurzeln der Bäume ein. Dabei entstehen komplexe Austauschbeziehungen. Der Baum liefert Kohlenstoffverbindungen. Die Pilze unterstützen unter anderem die Aufnahme von Wasser und Nährstoffen. Damit wird deutlich: Der Wald beginnt nicht an der Oberfläche des Bodens. Ein erheblicher Teil seines Lebens befindet sich unsichtbar unter unseren Füßen.

11. Totholz ist kein Abfall

Ein weiterer wichtiger Gedanke des „ungezähmten Waldes“ betrifft das Totholz. In einem stark bewirtschafteten Wald kann abgestorbenes Holz als „unproduktive Masse“ betrachtet werden. Ökologisch erfüllt es jedoch wichtige Funktionen. Totholz ist Lebensraum, Nahrungsquelle, Brutstätte, Feuchtigkeitsspeicher, Kohlenstoffspeicher und Bestandteil des Nährstoffkreislaufs. Pilze, Käfer, Mikroorganismen und zahlreiche weitere Organismen sind auf solche Strukturen angewiesen. Das Absterben eines Baumes ist deshalb nicht das Ende seiner ökologischen Funktion. Es ist der Beginn einer neuen Phase.

12. Alte Bäume besitzen besonderen Wert

Mit zunehmendem Alter verändern sich Bäume. Sie entwickeln Höhlen, Rindenstrukturen, Astlöcher, Totholzbereiche, unterschiedliche Kronenstrukturen. Damit entstehen Lebensräume, die junge Bäume nicht in gleicher Weise bereitstellen können. Alte Bäume sind deshalb nicht lediglich „überständiges Holz“. Sie sind Habitatbäume und Bestandteile eines komplexen Waldökosystems.

13. Der natürliche Lebenszyklus des Waldes

Der „ungezähmte Wald“ betrachtet den Wald als Kreislauf.

Keimung Wachstum Konkurrenz Alterung Absterben Totholz Zersetzung Nährstoffe neue Generation

In einem solchen System ist Tod Bestandteil des Lebens. Wenn dieser Kreislauf durch intensive Bewirtschaftung ständig unterbrochen wird, können bestimmte Entwicklungsphasen im Wald fehlen. Ein Wald kann dann zwar produktiv sein, aber ökologisch vereinfacht.

14. Waldinnenklima und Kronendach

Eine besonders wichtige Funktion besitzt das geschlossene Kronendach. Das Kronendach beeinflusst Temperatur, Luftfeuchtigkeit, Wind, Verdunstung, Bodenfeuchte sowie Lichtverhältnisse. Ein geschlossenes Waldinnenklima kann deshalb dazu beitragen, extreme Hitze und Austrocknung im Wald abzumildern. Gerade angesichts zunehmender Hitze- und Trockenperioden gewinnt dieser Gedanke an Bedeutung. Eine starke Auflichtung des Bestandes kann dagegen die Bedingungen innerhalb des Waldes erheblich verändern.

15. Warum große Eingriffe problematisch sein können

Wenn größere Bereiche eines Waldes geöffnet werden, verändert sich nicht nur die Zahl der Bäume. Es verändern sich gleichzeitig die Umweltbedingungen. Mehr Sonne gelangt auf den Boden. Wind dringt tiefer in den Bestand ein. Die Luftfeuchtigkeit sinkt. Der Boden trocknet stärker aus. Temperaturunterschiede nehmen zu..

Das ursprüngliche Waldinnenklima verändert sich.

Damit können auch die Artenzusammensetzung und die weitere Entwicklung des Waldes beeinflusst werden.

16. Wald und Wasser

Levin betrachtet den Wald auch im Zusammenhang mit dem globalen Wasserhaushalt. Wälder nehmen Wasser auf, speichern es, verdunsten es und beeinflussen den Wasserhaushalt von Böden und Landschaften. Damit besitzt Wald eine Funktion, die weit über die Holzproduktion hinausgeht. Ein gesunder Wald ist zugleich Teil eines Wasserökosystems.

17. Wald und Kohlenstoff

Auch der Kohlenstoffkreislauf wird als zentrale Waldfunktion betrachtet. Kohlenstoff befindet sich unter anderem in lebenden Bäumen, in Wurzeln, im Totholz, in der Streu und im Boden. Damit ist der Wald nicht nur eine Ansammlung oberirdischer Biomasse. Ein erheblicher Teil seines Kohlenstoffs befindet sich im Boden und in abgestorbenem organischem Material. Die Bewirtschaftung eines Waldes kann deshalb Auswirkungen auf die Kohlenstoffspeicherung des gesamten Systems haben.

18. Waldleistungen sind miteinander verbunden

Ein wichtiger Gedanke des Buches besteht darin, dass die verschiedenen Leistungen des Waldes nicht isoliert betrachtet werden können. Biodiversität unterstützt Ökosystemfunktionen. Ein gesunder Boden unterstützt Wasserhaushalt und Nährstoffkreisläufe. Natürliche Waldstrukturen schaffen Lebensräume. Lebensräume fördern biologische Vielfalt. Vielfalt kann wiederum die Stabilität gegenüber Umweltveränderungen erhöhen.

Es handelt sich um ein Netzwerk von Wechselwirkungen.

19. Der Wald als Gemeinschaft

Levin betrachtet den Wald deshalb nicht als Ansammlung einzelner Bäume.

Er ist eine Gemeinschaft aus Bäumen, Sträuchern, Kräutern, Pilzen, Mikroorganismen, Insekten, Vögeln, Säugetieren und Bodenorganismen. Hinzu kommen Wasser, Boden, Luft und Klima. Alle diese Elemente stehen miteinander in Beziehung. Die Funktion des gesamten Systems entsteht aus diesen Beziehungen.

20. Forstwirtschaft und Naturdynamik

Das Buch ist besonders interessant, weil Levin selbst aus der Forstwirtschaft kommt. Er argumentiert deshalb nicht aus einer Position völliger Ablehnung forstlicher Nutzung. Vielmehr stellt er die Frage: Wie viel Eingriff braucht ein Wald wirklich? Wo schadet eine gut gemeinte Bewirtschaftung möglicherweise mehr, als sie nützt? Sein Konzept lautet nicht „gar nichts tun“, sondern so wenig wie möglich eingreifen und so viel natürliche Entwicklung wie möglich zulassen.

21. Der Wirtschaftswald als Lernraum

Besonders interessant ist Levins Vorstellung, dass auch Wirtschaftswälder stärker von natürlichen Prozessen lernen können. Ein Wirtschaftswald muss nicht zwangsläufig das Gegenteil eines Naturwaldes sein. Natürliche Entwicklungsprozesse können beobachtet und in die Bewirtschaftung einbezogen werden. Dazu gehört natürliche Verjüngung zuzulassen, unterschiedliche Altersphasen zu fördern, Totholz im Bestand zu belassen, Habitatbäume zu erhalten, Mischungen zu fördern und Eingriffe zurückhaltender zu gestalten. Der Wirtschaftswald kann dadurch ökologisch komplexer werden.

23. Der Wald als Gegenentwurf zur vollständigen Kontrolle

Der „ungezähmte Wald“ stellt damit auch eine kulturelle Frage. Der Mensch versucht häufig, natürliche Systeme vorhersehbar und kontrollierbar zu machen. Doch komplexe Ökosysteme lassen sich niemals vollständig kontrollieren. Je stärker wir versuchen, alle Entwicklungen vorauszuplanen, desto größer kann die Gefahr werden, natürliche Anpassungsprozesse zu übergehen. Levin plädiert deshalb für Demut gegenüber der Komplexität des Waldes.

24. Die Bedeutung alter und naturnaher Wälder

Alte und naturnahen Wäldern besitzen Strukturen, die sich nicht kurzfristig erzeugen lassen wie alte Bäume, Höhlen, Totholz, natürliche Altersphasen, komplexe Böden, vielfältige Pilzgemeinschaften und differenzierte Mikrohabitate.

Eine neue Aufforstung kann wieder Bäume hervorbringen. Aber sie kann weder kurzfristig noch mittelfristig die gesamte ökologische Entwicklung eines alten Waldes reproduzieren.

25. Der Wald als dynamisches Gedächtnis

Ein alter Wald trägt gewissermaßen sein eigenes Gedächtnis in sich. Seine Struktur erzählt von vergangenen Störungen, Wachstumsphasen und Generationen. Im Boden speichern sich organische Substanz und Nährstoffe. In alten Bäumen entstehen über Jahrzehnte neue Strukturen. Totholz dokumentiert vergangene Generationen. Der Wald ist damit zugleich Lebensraum und Geschichte.

26. Bedeutung für die Biodiversität

Je mehr natürliche Entwicklungsphasen ein Wald zulässt, desto mehr unterschiedliche Lebensräume können entstehen. Ein Wald mit jungen Bäumen, alten Bäumen, abgestorbenen Bäumen, Lichtungen, dichtem Unterwuchs, offenen Bereichen, feuchten und trockenen Stellen bietet zahlreiche unterschiedliche ökologische Nischen.

Damit wird Strukturvielfalt zu einem zentralen Bestandteil des Naturschutzes.

27. Was das für Buchenwälder bedeutet

Für die Buchenwälder Oberkärntens ist Levins Ansatz besonders interessant. Ein naturnaher Buchenwald ist nicht nur ein Bestand aus Buchen. Er besitzt verschiedene Altersphasen, natürliche Verjüngung, alte Bäume, Totholz, Bodenorganismen, Pilzgemeinschaften, Begleitbaumarten, sowie eine Strauch- und Krautschicht. Die Buche bildet dabei einen Teil des gesamten Systems.

Der ökologische Wert entsteht aus dem Zusammenspiel des gesamten Waldökosystems.

28. Buchenmischwälder und natürliche Anpassung

Besonders relevant ist Levins Betonung natürlicher Mischbestände. Buchenmischwälder können unterschiedliche ökologische Strategien miteinander verbinden. Tanne, Buche, Fichte und Edellaubhölzer besitzen jeweils unterschiedliche Ansprüche und Reaktionsweisen. Ein vielfältiger Mischwald kann dadurch ein breiteres Spektrum ökologischer Eigenschaften besitzen als ein stark vereinfachter Bestand.

29. Übertragung auf Oberkärnten

Die Grundgedanken des Buches lassen sich gut auf Oberkärnten übertragen. Denn auch hier stellt sich die Frage, wie wertvolle Waldökosysteme erhalten werden können. Gerade in einer Landschaft mit großer geologischer und klimatischer Vielfalt kann es sinnvoll sein, die natürlichen Unterschiede zwischen den Waldstandorten ernst zu nehmen.

30. Standortangepasste Waldentwicklung

Der Gedanke der natürlichen Entwicklung bedeutet nicht, jeden Wald überall sich selbst zu überlassen. Entscheidend ist der jeweilige Standort. Ein trockener Kalkhang besitzt andere Voraussetzungen als ein feuchter Talboden. Ein südexponierter Hang reagiert anders als ein schattiger Nordhang. Ein alter Buchen-Tannen-Wald besitzt andere Strukturen als ein junger Wirtschaftswald. Eine ökologische Waldstrategie muss deshalb differenzieren.

31. Warum große technische Eingriffe eine andere Frage sind

Levins Buch beschäftigt sich vor allem mit Waldentwicklung und Waldbewirtschaftung. Sein Ansatz lässt sich jedoch auf eine grundsätzliche Frage übertragen:

Wie viel menschliche Veränderung verträgt ein Waldökosystem, bevor seine natürlichen Prozesse wesentlich beeinträchtigt werden?

Eine forstliche Einzelmaßnahme und eine großtechnische Infrastrukturtrasse sind dabei nicht dasselbe. Eine Forstmaßnahme kann Teil einer langfristigen Waldentwicklung sein. Eine dauerhafte Schneise kann dagegen Standortbedingungen, Waldinnenklima, räumliche Kontinuität und Lebensraumstrukturen grundlegend verändern. Gerade deshalb ist es wichtig, Eingriffe immer ökosystemisch und langfristig zu betrachten.

32. Die zentrale Botschaft des Buches

Das Buch ist ein Plädoyer für forstliche Zurückhaltung  –  der „ungezähmte Wald“ als neue Denkweise Damit ist das Buch letztlich mehr als ein Buch über Waldbau. Es ist ein Plädoyer für eine andere Beziehung zur Natur. Eine Beziehung, die nicht ausschließlich von Kontrolle geprägt ist, sondern von Vertrauen, Beobachtung, Respekt, Geduld, wissenschaftlicher Neugier und der Bereitschaft, natürliche Prozesse zuzulassen.

33. Schlussfolgerung für IRBIS

Im Zeichen des Schneeleoparden

Für IRBIS besitzt Der ungezähmte Wald eine besondere Bedeutung, weil Martin Levin eine Frage stellt, die unmittelbar an unser Verständnis vom Wert lebendiger Wälder anschließt: Levin zeigt den Wald als ein hochkomplexes, selbstorganisierendes System. Ein System, das nicht ständig vom Menschen korrigiert werden muss, um wertvoll, stabil und zukunftsfähig zu sein. Seine zentrale Idee – mit der Natur zu arbeiten, statt sie ständig zu kontrollieren – bedeutet auch, die Grenzen menschlicher Planung anzuerkennen.

Gerade für die wertvollen Buchen- und Buchenmischwälder Oberkärntens ist dieser Gedanke von großer Bedeutung. Wir sollten sie nicht nur danach beurteilen, wie viel Holz in ihnen steht. Wir sollten fragen, welche natürlichen Prozesse in ihnen stattfinden. Welche alten Bäume dort stehen. Welche Pilze, Insekten, Vögel und anderen Organismen von ihnen abhängen. Welche Böden sich über Jahrzehnte entwickelt haben. Wie Wasser gespeichert wird. Wie das Waldinnenklima funktioniert. Wie junge Bäume nachwachsen. Welche Fähigkeit dieses gesamte Ökosystem besitzt, sich aus sich selbst heraus an Veränderungen anzupassen.

Denn ein lebendiger Wald ist kein technisches Bauwerk, das man beliebig planen, umbauen und an anderer Stelle wieder zusammensetzen kann. Er ist ein sich entwickelndes Ganzes.

Für IRBIS bedeutet das:

Wir wollen nicht eine Natur, die nur dann wertvoll ist, wenn sie unseren Vorstellungen entspricht. Wir wollen Natur, die sich entfalten darf.

Das bedeutet nicht, dass jede menschliche Nutzung ausgeschlossen werden muss. Es bedeutet, dass dort, wo der Wald selbst funktioniert, die natürliche Entwicklung Vorrang vor unnötiger Kontrolle erhalten sollte.

Es bedeutet insbesondere, dass wertvolle, naturnahe Waldökosysteme nicht leichtfertig für Projekte geopfert werden dürfen, deren Eingriffe dauerhaft in ihre Entwicklung eingreifen. Wo Höchstspannungsleitungen, Windkraftanlagen oder andere Großvorhaben wertvolle Buchen- und Buchenmischwälder gefährden, muss deshalb mehr betrachtet werden als die Zahl der zu fällenden Bäume.

Es geht um Boden, Wasser, Mikroklima, Biodiversität, Waldstruktur, natürliche Dynamik und ökologische Kontinuität.

Es geht um die Frage, ob ein Wald weiterhin die Möglichkeit besitzt, Wald zu sein – aus eigener Kraft.

Im Zeichen des Schneeleoparden.

Für die Schönheit der Natur.
Für die Würde des Lebendigen.
Für die Bewahrung der Wälder.

Denn manchmal besteht der beste Schutz darin, der Natur nicht noch mehr vorzuschreiben.

Sondern ihr Raum zu geben  –  Raum, um zu wachsen, Raum, um alt zu werden, Raum, um zu sterben, Raum, um sich zu erneuern   – 

Raum, um Wald zu bleiben.

Und genau dafür steht IRBIS.

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