Wälder des Tieflandes und der Mittelgebirge
Eine geobotanische Betrachtung der mitteleuropäischen Waldökosysteme
Werner Härdtle · Jörg Ewald · Norbert Hölzel
Das 2004 im Verlag Eugen Ulmer erschienene Werk „Wälder des Tieflandes und der Mittelgebirge“ gehört zur Reihe Ökosysteme Mitteleuropas aus geobotanischer Sicht. Auf rund 252 Seiten verbinden die Autoren Vegetationskunde, Ökosystemforschung, Waldgeschichte und Naturschutz. Im Mittelpunkt steht die Frage, wie die Wälder Mitteleuropas entstanden sind, wodurch sie geprägt werden und welche ökologischen Prozesse ihre heutige Gestalt bestimmen.
Das Besondere an diesem Ansatz ist die Verbindung verschiedener Ebenen: Der Wald wird nicht allein als Ansammlung von Bäumen oder als forstwirtschaftliche Fläche betrachtet. Vielmehr wird er als Lebensgemeinschaft und Ökosystem verstanden, das aus dem Zusammenspiel von Klima, Geologie, Boden, Wasserhaushalt, Vegetationsgeschichte und menschlicher Nutzung hervorgegangen ist.
Damit liefert das Buch eine wichtige Grundlage für ein modernes Verständnis unserer Waldlandschaften.
1. Der Wald als Ausdruck seines Standortes
Eine der grundlegenden Aussagen des Buches lautet: Die Waldvegetation ist eng an die natürlichen Bedingungen ihres Standortes gebunden.
Die Autoren betrachten deshalb zunächst die physiogeographischen Voraussetzungen Mitteleuropas. Klima, Relief, Geologie und Böden schaffen unterschiedliche Lebensbedingungen und bestimmen wesentlich, welche Waldgesellschaften sich entwickeln können. Auch Wasserhaushalt, Licht, Temperatur, Luftfeuchtigkeit und Wind beeinflussen die Zusammensetzung und Struktur der Vegetation. Wald kann deshalb nicht unabhängig von seinem Standort verstanden werden. Ein trockener Kalkhang besitzt andere ökologische Voraussetzungen als ein tiefgründiger, nährstoffreicher Boden. Ein feuchter Talboden unterscheidet sich grundlegend von einem steilen, felsigen Berghang. Dementsprechend entstehen unterschiedliche Waldgesellschaften.
Die Vielfalt der Wälder ist somit auch ein Spiegel der Vielfalt der Landschaft.
2. Waldgeschichte – vom Ende der Eiszeit bis heute
Ein wesentlicher Teil des Buches widmet sich der Vegetationsgeschichte Mitteleuropas.
Die heutigen Wälder sind das Ergebnis einer langen Entwicklung seit der letzten Eiszeit. Nach dem Rückzug des Eises veränderte sich die Vegetation schrittweise. Verschiedene Baumarten wanderten ein, breiteten sich aus und wurden unter den jeweils herrschenden klimatischen und standörtlichen Bedingungen zu Bestandteilen unterschiedlicher Waldgesellschaften. Diese Entwicklung zeigt, dass Wälder keine statischen Systeme sind. Sie verändern sich. Baumarten breiten sich aus oder ziehen sich zurück. Konkurrenzverhältnisse verändern sich. Klima und Boden wirken auf die Vegetation ein. Störungen schaffen neue Entwicklungsphasen. Wälder befinden sich deshalb ständig in einem Prozess der Entstehung, Veränderung, Alterung und Erneuerung. Die heutige Waldlandschaft ist nur eine Momentaufnahme einer viel längeren Geschichte.
3. Der Mensch als prägender Faktor der Waldlandschaft
Eine weitere zentrale Ebene des Buches ist die Geschichte der menschlichen Waldnutzung. Die Autoren zeigen, dass die heutigen mitteleuropäischen Waldlandschaften in hohem Maß durch menschliche Eingriffe geprägt wurden. Mitteleuropa wäre ohne den Einfluss des Menschen auf einem sehr großen Teil seiner Fläche bewaldet; als Größenordnung nennt das Werk mehr als 90 Prozent. Heute ist nur noch etwa ein Drittel der Fläche mit Wald bedeckt. Dabei haben unterschiedliche Nutzungsformen jeweils eigene Spuren hinterlassen Rodung und Umwandlung in Landwirtschaft, Waldweide und Mastnutzung, Streunutzung, Laubheugewinnung, Nieder- und Mittelwaldwirtschaft, Brennholznutzung, Köhlerei, Hochwaldwirtschaft und intensive forstliche Nutzung. Diese Geschichte ist für das Verständnis der heutigen Wälder entscheidend. Ein Wald kann auf den ersten Blick natürlich erscheinen und dennoch eine lange Nutzungsgeschichte besitzen. Umgekehrt können bestimmte naturnahe Strukturen über lange Zeiträume erhalten geblieben sein.
Die Autoren machen damit deutlich: Waldgeschichte ist zugleich Landschaftsgeschichte.
4. Die räumliche Gliederung der Waldvegetation
Das Buch beschreibt die Waldvegetation nicht als einheitliche Erscheinung, sondern als räumlich differenziertes System. Waldgesellschaften unterscheiden sich entlang verschiedener ökologischer Gradienten. Dazu gehören klimatische Unterschiede, Höhenstufen, geologische Bedingungen, Bodeneigenschaften, Wasserverfügbarkeit, Exposition, Relief sowie Lichtverhältnisse.
Die räumliche Differenzierung reicht von unterschiedlichen Laubwaldgesellschaften bis zu Nadelwäldern und besonderen Waldstandorten. Damit wird ein wichtiger Grundsatz deutlich: Es gibt nicht den einen „mitteleuropäischen Wald“. Es gibt eine Vielzahl unterschiedlicher Waldökosysteme, die jeweils Ausdruck bestimmter Standortbedingungen und ihrer Geschichte sind.
5. Die Baumarten als Teil eines ökologischen Systems
Ein eigenes Kapitel widmet sich den wichtigsten Baumarten der außeralpischen Wälder Mitteleuropas. Dabei geht es nicht nur darum, welche Baumarten vorkommen. Entscheidend ist vielmehr, wie sie ökologisch funktionieren.
Die Autoren betrachten unter anderem ihre Lebensbereiche, Konkurrenzverhalten, physiologische Eigenschaften, Ansprüche an Boden und Wasser, Lichtbedürfnisse, Temperaturansprüche und Beziehungen zu anderen Pflanzenarten. Damit wird deutlich, warum die Zusammensetzung eines Waldes nicht beliebig verändert werden kann, ohne zugleich die ökologischen Beziehungen innerhalb des Systems zu verändern. Die Baumarten sind eingebunden in eine Gemeinschaft.

6. Die Buche und die Buchenwälder
Ein umfangreicher Abschnitt des Buches ist den Buchen- und Buchenmischwäldern gewidmet. Die Gliederung behandelt unter anderem ihr Areal, ihre Struktur und Dynamik sowie ihre floristische und ökologische Differenzierung.
Die Buche nimmt in der mitteleuropäischen Waldvegetation eine herausragende Stellung ein.
Das liegt insbesondere an ihrer hohen Schattentoleranz und ihrer Fähigkeit, sich unter einem geschlossenen Kronendach zu verjüngen. Unter geeigneten klimatischen und standörtlichen Bedingungen kann sie dadurch eine besonders starke Konkurrenz gegenüber anderen Baumarten entwickeln. Gleichzeitig zeigt das Buch, dass „Buchenwald“ nicht gleich „Buchenwald“ ist. Je nach Standort entstehen unterschiedliche Ausprägungen. Beispielsweise unterscheidet das Werk unter anderem zwischen Buchenwäldern trockener Kalkstandorte und Buchenwäldern auf nährstoffreicheren Böden. Die Buche ist daher nicht isoliert zu betrachten. Entscheidend ist die jeweilige Waldgesellschaft – also das Zusammenspiel der Baumarten, Sträucher, Bodenvegetation und Standortbedingungen.
7. Der Waldboden gehört zum Wald
Ein wichtiger Gedanke des Buches besteht darin, den Wald nicht auf seine oberirdische Vegetation zu reduzieren. Auch der Boden ist ein wesentlicher Bestandteil des Waldökosystems. Boden, Pflanzen, Pilze und Mikroorganismen stehen in enger Wechselwirkung. Über diese Beziehungen werden Nährstoffe aufgenommen, umgewandelt und wieder verfügbar gemacht. Wasser wird gespeichert und weitergeleitet. Organische Substanz wird aufgebaut und abgebaut. Damit wird der Wald zu einem komplexen System von Stoffkreisläufen. Die Autoren behandeln deshalb ausdrücklich Ernährungsbedingungen, Bioelement-Kreisläufe, Wasserhaushalt, Biomasse, Produktion und Energiehaushalt.
Das führt zu einer wichtigen Erkenntnis: Wer einen Wald betrachtet, sieht nur einen Teil des eigentlichen Ökosystems. Unterhalb der Baumkronen findet ein ebenso komplexes Leben statt.
8. Der Wald als dynamisches Ökosystem
Wälder sind keine statischen Gebilde. Sie besitzen eine eigene Dynamik. Bäume wachsen, sterben ab und werden ersetzt. Lücken entstehen. Junge Pflanzen wachsen nach. Totholz wird von Pilzen und Mikroorganismen abgebaut. Nährstoffe werden freigesetzt und erneut aufgenommen. So entstehen unterschiedliche Entwicklungsphasen. Ein naturnaher Wald kann deshalb gleichzeitig junge Bäume, ausgewachsene Bäume, alte Bäume und abgestorbene Strukturen enthalten. Diese Vielfalt erhöht die strukturelle Komplexität des Ökosystems. Der Wald erhält seine Stabilität nicht dadurch, dass sich nichts verändert. Seine Stabilität entsteht vielmehr aus der Fähigkeit, Veränderung in seine natürlichen Entwicklungsprozesse zu integrieren.
9. Waldgesellschaften sind mehr als Baumartenlisten
Ein wichtiger Beitrag des Buches zur Vegetationskunde liegt darin, Waldgesellschaften anhand ihrer gesamten Pflanzengemeinschaft zu verstehen.
Ein Buchenwald wird also nicht allein dadurch definiert, dass dort Buchen wachsen. Entscheidend sind auch Begleitbaumarten, Sträucher, Kräuter, Gräser, Moose, Bodenbedingungen, Wasserhaushalt, Lichtverhältnisse und die gesamte standörtliche Situation.
Dadurch kann die Vegetation selbst zu einem Anzeiger der Umweltbedingungen werden. Die Artenzusammensetzung eines Waldes erzählt etwas über seinen Standort und über seine Geschichte.

10. Naturschutz beginnt mit dem Verständnis des Ökosystems
Der naturschutzfachliche Teil des Buches baut auf diesen Grundlagen auf.
Wenn Wald ein komplexes Ökosystem ist, dann kann sein Schutz nicht ausschließlich auf die Erhaltung einzelner Baumarten oder Waldflächen reduziert werden. Zu schützen sind vielmehr die ökologischen Prozesse und Strukturen, die den Wald als System erhalten. Das bedeutet, dass auch folgende Faktoren relevant werden Standortbedingungen, natürliche Dynamik, Artenzusammensetzung, Waldstruktur, Wasserhaushalt, Boden, Nutzungsgeschichte, Fragmentierung und die Verbindung zu anderen Lebensräumen.
Das Buch behandelt ausdrücklich die Gefährdungsfaktoren für Waldökosysteme und die entsprechenden Möglichkeiten des Schutzes.
Damit wird Naturschutz als eine Aufgabe verstanden, die weit über den Schutz einzelner seltener Arten hinausgeht.
11. Die zentrale Erkenntnis des Buches
Aus der Gesamtschau der einzelnen Kapitel ergibt sich eine grundlegende Botschaft: Der Wert eines Waldes lässt sich nicht allein an der Zahl seiner Bäume, seiner Holzmenge oder seiner Fläche messen.
Sein ökologischer Wert entsteht aus dem Zusammenspiel von:
Standort + Arten + Struktur + Dynamik + Geschichte + Stoffkreisläufen + Nutzung + Landschaftszusammenhang.
Ein Wald ist damit ein historisch gewachsenes und sich ständig weiterentwickelndes Ökosystem. Je besser wir diese Zusammenhänge verstehen, desto deutlicher wird auch, warum Eingriffe in Wälder unterschiedlich schwer wiegen können. Nicht jeder Wald besitzt dieselbe ökologische Bedeutung. Nicht jeder Waldverlust ist durch dieselbe Maßnahme ausgleichbar.

12. Was dieses Buch besonders wertvoll macht
Die Stärke von „Wälder des Tieflandes und der Mittelgebirge“ liegt in der Verbindung verschiedener wissenschaftlicher Betrachtungsweisen.
Das Buch verbindet:
Geobotanik
Welche Pflanzengesellschaften kommen wo vor?
Standortökologie
Warum entwickelt sich an einem bestimmten Standort gerade diese Waldgesellschaft?
Vegetationsgeschichte
Wie sind die heutigen Wälder entstanden?
Ökosystemforschung
Wie funktionieren Wald, Boden, Wasser- und Nährstoffkreisläufe?
Nutzungsgeschichte
Wie hat der Mensch die Wälder verändert?
Naturschutz
Welche Faktoren gefährden die Waldökosysteme und wie können sie erhalten werden?
Gerade diese Verbindung macht das Werk für das Verständnis moderner Waldökologie so wertvoll. Es zeigt den Wald nicht aus nur einer Perspektive. Es zeigt ihn als komplexes Ganzes.
13. Ein wichtiger Blick auf die Gegenwart
Das Buch macht zugleich deutlich, dass Waldlandschaften immer Ergebnis einer Entwicklung sind. Das bedeutet auch: Wir können die Zukunft der Wälder nicht allein aus ihrem heutigen Zustand ableiten.
Die entscheidende Frage lautet: Welche Entwicklung ermöglichen wir?
Fördern wir naturnahe Waldgesellschaften und ihre natürliche Dynamik? Oder vereinfachen wir Waldökosysteme zunehmend durch einseitige Nutzung, Fragmentierung und technische Eingriffe? Die Antwort auf diese Fragen entscheidet darüber, welche Waldlandschaften zukünftige Generationen vorfinden werden.
14. Vom Wald als Bestand zum Wald als Lebensraum
Eine besonders wichtige Schlussfolgerung aus dem Werk lautet deshalb: Wer Wald schützen will, muss den Wald als Lebensraum und Ökosystem verstehen. Nicht nur der einzelne Baum ist wertvoll. Wertvoll ist das Zusammenspiel. Die Buche ist nicht nur ein Baumstamm. Der Waldboden ist nicht nur Produktionsfläche. Totholz ist nicht einfach „Abfall“. Eine Waldlücke ist nicht nur eine ungenutzte Fläche. Ein Waldrand ist nicht nur eine Grenze. ein Waldkomplex ist nicht nur die Summe seiner einzelnen Parzellen. Erst das Zusammenspiel macht den Wald zu dem, was er ist.

15. Schlussfolgerung für IRBIS
Im Zeichen des Schneeleoparden
Die Erkenntnisse von Härdtle, Ewald und Hölzel führen zu einer Sichtweise, die unmittelbar an die Grundidee von IRBIS anschließt.
Das Buch fordert nicht zu einer bestimmten politischen Position auf. Es ist ein wissenschaftliches Werk über Waldökosysteme. Seine Bedeutung für IRBIS liegt vielmehr in der wissenschaftlichen Perspektive, die es vermittelt:
Wälder sind komplexe, standortgebundene, historisch gewachsene und dynamische Ökosysteme.
Gerade deshalb dürfen sie nicht ausschließlich als Rohstoffflächen betrachtet werden.
Für IRBIS bedeutet das:
Für die Schönheit der Natur.
Weil die Vielfalt der Waldlandschaften Ausdruck einer langen natürlichen Entwicklung ist.
Für die Würde des Lebendigen.
Weil ein Wald aus unzähligen miteinander verbundenen Organismen und Prozessen besteht und nicht auf den wirtschaftlichen Wert seiner Bäume reduziert werden kann.
Für die Bewahrung der Wälder.
Weil naturnahe Buchen- und Buchenmischwälder nicht beliebig reproduzierbare Flächen sind, sondern komplexe Waldökosysteme mit einer langen Entwicklungsgeschichte.
Das Werk von Härdtle, Ewald und Hölzel liefert damit eine wichtige fachliche Grundlage für die Überzeugung von IRBIS:
Ein lebendiger Wald ist mehr als Rohstoff. Er ist Lebensraum, Ökosystem, Landschaft und Teil unseres natürlichen Erbes.
Wo großtechnische Projekte in wertvolle Waldökosysteme eingreifen, sollte deshalb nicht nur gefragt werden, wie viele Bäume gefällt und wie viele neu gepflanzt werden können. Es muss auch gefragt werden:
Welche Waldgesellschaft geht verloren?
Welche ökologische Entwicklung wird unterbrochen?
Welche Standortbedingungen werden verändert?
Welche Strukturen und Lebensgemeinschaften sind betroffen?
Welche Funktion besitzt der Wald im größeren Landschaftszusammenhang?
Und ist der Verlust tatsächlich ersetzbar?
Diese Fragen sind der eigentliche Kern einer ökologisch verantwortungsvollen Betrachtung.
IRBIS verbindet damit wissenschaftliche Erkenntnis mit einer einfachen, aber weitreichenden Überzeugung:
Was über lange Zeit gewachsen ist, verdient unsere Achtung.
Was ökologisch wertvoll ist, verdient unseren Schutz.
Und was nicht wirklich ersetzt werden kann, sollte nicht leichtfertig geopfert werden.
Im Zeichen des Schneeleoparden.Für die Schönheit der Natur.
Für die Würde des Lebendigen.
Für die Bewahrung der Wälder.
